Anti-Flag und Red City Radio

    Wenn man beginnt, allmählich ein Fazit über das Jahr 2015 zu ziehen, muss man – ohne Wenn und Aber – anerkennen, dass Hannover in diesem Jahr im Bereich Punk-Rock Shows unglaublich reich beschenkt wurde. Am gestrigen Samstag dürfen wir somit, dank der Anti-Flag-Show in der 60er Jahre Halle des Kulturzentrums Faust Hannover, einem weiteren Highlight der Punkszene beiwohnen. Nicht ohne Grund war das Konzert bereits seit dem 15. Oktober 2015 ausverkauft.

    Der Vierer aus Pittsburgh, Pennsylvania tourt im Zuge seiner „American Spring“-Tour durch Europa und hat ganze drei gut befreundet wirkende Support-Acts im Gepäck: Red City Radio, Trophy Eyes und The Homeless Gospel Choir begleiten die Polit-Punks auf ihrer Tour.

    Den Namen The Homeless Gospel Choir sollte man gut in Gedächtnis behalten. Von dem Ein-Mann-Chor mit seiner bewegenden Geschichte wird man mit sehr großer Sicherheit in den nächsten Jahren noch viel hören. Bei Trophy Eyes wird es laut, die Australier scheinen einige Probleme mit der Technik zu haben, stehen trotz aller Schwierigkeiten ihren Mann und geben ordentlich Gas.

    Red City Radio werden in Hannover weniger als Support gehandelt. Der Vierer aus Oklahoma City ist schon irgendwie mehr, als eine alte Bekannte und hat ohne Frage ihre eigene Fanbase dabei. Sänger Garrett Dale betritt die Bühne und gedenkt seinem vor kurzem verstorbenen Freund und Musikerkollegen Brandon Carlisle von Teenage Bottlerocket mit den Worten: „Rest in Peace, Brandon“.

    Mit dem Opener „Turncoat“ starten Anti-Flag ihre Headlinershow und den offensichtlich schon während der ersten Zeilen beginnenden Abriss der 60er Jahre Halle. Die Fans sind völlig aus dem Häusschen. Bis in den letzten Winkel wird ausgelassen gefeiert und gesprungen. Voller Inbrunst werden die sozial- und systemkritischen Texte mitgegrölt und die Band zeigt auf ganzer Linie, was sie will. Dank der unverkennbaren Schlagzeug-Rhythmen Pat Thetics und des charakterstarken Wechselgesangs zwischen Justin Sane und Chris#2 ziehen Anti Flag einen sofort in ihren Bann.

    Chris Barker alias Chris#2 scheint wohl der einzige Bassist auf diesem Planeten zu sein, der die Fähigkeit besitzt, seinen Frontmann im Bereich Bühnenpräsenz in den Schatten zu stellen. Schier unaufhaltbar jagt er über die Bühne, besteigt das Schlagzeug, um es anschließend mit einem gewaltigen Sprung zu verlassen und hat alles im Blick. Da scheint auch der Spruch und Songtitel „To Hell With Boredom“, welcher auf seinem Shirt prangt, nicht weit hergeholt zu sein. Er findet stets die richtigen Worte und Gesten, um einerseits das Publikum auf dem Punkt abzuholen und andererseits die Botschaften, die der Band mehr als wichtig sind, zu transportieren. So ließ auch er es sich nicht nehmen, seinem langjährigen Freund Brandon Carlisle einen Teil der Show zu widmen. Dieser war bekannt für sein sympathisches Anzählen der Teenage Bottlerocket-Songs. So forderte Chris#2 das Publikum auf, ebendies gemeinsam zu vollziehen. Dass ihm das eine Herzenssache war, blieb nicht lange unbemerkt.

    Es ist eine unglaublich intensive Show, die sich dem Zuschauer an diesem Abend bietet. Aber auch wenn sowohl die Band als auch das Publikum schnell feststellen, dass es wohl die Party ihres Lebens sei, darf man nicht die Botschaft hinter Anti-Flag vergessen. Auch an diesem Abend legen Sane und Chris#2 ihre Gedanken hinter dem altbekannten Pittsburgh-Aktivismus offen: Es geht um Menschenrechte und gegen soziale Missstände, Sane spricht sich zur Flüchtlingsthematik und der Situation an den Grenzen aus. Sie stellen die Tour begleitende Organisation Amnesty International vor und fordern dazu auf, mal zu schauen, wer so neben einem steht, dieser Person die Hand zu geben und sich vorzustellen, sich kennen zu lernen und vielleicht sogar anzufreunden. Es geht um Menschlichkeit.

    „Das ist nun aber wirklich unser letzter Song“ beteuert Barker und es erklingen die Töne zu „Death Of A Nation“. Nachdem die Band nur kurz die Bühne verließ geht es – jedoch ohne großes Kokettieren – mit schnellem Einverständnis des Publikums, in die Zugabe. Hier gibt es beim Song „Brandenburg Gate“ des aktuellen Albums „American Sping“ Unterstützung von The Homeless Gosple Choir.

    Das Chris#2 sein Publikum liebt ist ganz sicher kein Lüge. Schon zu Beginn begrüßte er mit den Worten „Brüder und Schwestern, wie geht es euch?“ und legt kurz darauf eine kurzen Stage Dive-Exkurs ins Publikum zurück. Kurz vor Ende wandert Pat Thetic mit seinem Schlagzeug ins Publikum. Chris stürmt hinterher und erklimmt dieses ohne viel Anstrengung. Mit den sarkastischen Worten: „Everyone sit down. Stop having fun. Don´t smile. Be quiet“ verschafft er sich gehör und leitet, während einige fleißige Crowd Surfer an ihm vorbei gleiten, das Ende eines mehr als grandiosen Abends ein.


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    Review & Fotos von Maria

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