Adam Angst und Shoreline in Hannover 21. November 2018, MusikZentrum

    Adam Angst Musikzentrum Hannover 21112018 Maria Graul
    Foto: Maria Graul

    Um ganz ehrlich zu sein, es ist mittlerweile schweinekalt in Hannover. Würde sich der dezent rieselnde Schnee auf der Haut nicht sofort in Wasser auflösen, würde man ihn wohl kaum mitbekommen. Viel faszinierender ist es, die bereits weit vor Einlass erschienenen Fans der Kölner Band Adam Angst in ihrer erwärmenden Aufregung vor dem Musikzentrum zu beobachten.

    „Alter Schwede“

    Shoreline zum zweiten Mal in einer Woche in Hannover

    Es ist 20.00 Uhr, als Shoreline die Bühne betreten und das obligatorische Räucherstäbchen zünden. Es ist zu einem Ritual geworden, um sich gleich auf jeder Bühne heimisch zu fühlen. Die Band bespielte schon vor knapp einer Woche die Bühne des Béi Chéz Heinz. Wer so kurz hintereinander in der gleichen Stadt spielt, hat durchaus Grund sich heimisch zu fühlen. Die Anzahl an Zuschauern ist am heutigen Abend allerdings deutlich größer. Das MusikZentrum gut gefüllt. Bis auf wenige Restkarten ist die Show weitestgehend ausverkauft.

    Shoreline geben ihr Bestes das Hannoveraner Publikum für Adam Angst aufzuwärmen. Der Bereich vor der Bühne lässt sich auch schon zum Tanzen hinreißen. Auf der Empore erntet die Band zumindest ein vereinzeltes Kopfnicken. Wie schon bei ihrem Auftritt letzte Woche erwähnt, liegt ihnen die Organisation Sea Watch besonders am Herzen. Das Publikum wird gebeten, sich am am Merch-Stand mit einer Spende zu beteiligen. Da auch Adam Angst verschiedene Projekte aktiv unterstützen, ist es an diesem Abend nicht schwer, einen eigenen Beitrag für wirklich gute Organisationen zu leisten.

    Das Leben ist zu kurz für schlechten Punk

    Um 21.00 Uhr erklingt das dramatische Intro „Der Beginn von etwas ganz Großem“ des im September diesen Jahres erschienenen Adam Angst Albums „Neintology“ (CD-Review). Wenige Sekunden später rieselt pechschwarzes Konfetti über das zahlreich versammelte Publikum. Obwohl die Veröffentlichung der aktuellen Platte noch nicht lange her ist, ist das Publikum textsicher und kann jedes einzelne Wort mitsingen. Es dauert auch keine dreißig Sekunden, bis die ersten Becher fliegen und das Publikum im Bier duscht. Sänger Felix „irgendwas mit Fuß“ geht richtig nach vorn und schmettert dem Publikum einen Kracher nach dem Anderen um die Ohren. Vor allem bei dem Song “Punk” geht es im Publikum richtig ab.

    „Alexa“ war die erste Singleauskopplung. Zu dieser Stelle im Set scheinen sich Adam Angst besonders Gedanken gemacht zu haben. Über die Lautsprecherboxen ertönt nach dem Song die vertraute Stimme des virtuellen Assistenten eines bekannten Internetversandhauses und fordert Applaus. Alexa fragt das Publikum, ob ihm der Song gefallen hat und reagiert nach einem Meer aus Stimmen mit einem nur allzu bekannten Satz für alle Nutzer von Sprachassistenten, heute allerdings in einem anderen Kontext: „Ich habe Euch nicht richtig verstanden. Bitte wiederholen!“

    „Nein! Weiter, weiter, weiter!“

    Nachdem die „Stimme aus der Box“ nichts verstanden hat, beginnt sie die Songs der Band alphabetisch runterzuzählen. Der Lacher ist mehr als gelungen. Die „Wahl“ fällt letztlich auf „Alle sprechen deutsch“. Mit einem charmanten Lächeln stellt der Frontmann Felix Schönfuss alle Bandmitglieder vor und ermahnt auch das Publikum immer wieder vorsichtig zu sein und aufeinander Acht zu geben. Die Besucher, welche für die Ansagen von Alexa kurz konzentriert zugehört haben, rasten bei Anstoß des Refrains erneut explosionsartig aus.

    Wie tief das aufeinander Achtgeben bei dem hiesigen Publikum schon verankert ist, zeigt sich als ein Konzertbesucher, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, beim Pogen versehentlich umgestoßen wird. Adam Angst stoppen den Song „Alle Sprechen Deutsch“ und Felix erkundigt sich nach dem Befinden des Gefallenen, aber da saß dieser auch schon wieder aufrecht und feuerte Felix mit den Worten „Nein! Weiter, weiter, weiter! Ich stehe doch schon wieder!“, an. „Alter Schwede“ entgegnet Felix anerkennend und erklärt dem Publikum, dass es wichtig sei Achtsam miteinander umzugehen. Doppelt gut ist, dass der offensichtlich vom Publikum so geliebte Refrain der catchy Punk-Polka direkt wiederholt wird. Auf den Punkt setzt das Publikum im selben wilden Pogo ein, bei dem es wenige Minuten vorher stoppte.

    „Bitte „Alle sprechen deutsch“ abspielen“

    Nachdem Alexa irgendwie den „offiziellen Teil des Abends beendet hat, geht es mit „D.I.N.N“, „Blase Aus Beton“ und „Professoren“ weiter. Wem heute im MusikZentrum kalt ist, der ist selbst schuld. Felix lässt noch durchsickern, dass es auch ein drittes Album geben wird. Die Reaktion des Publikums ist – natürlich – ein lautes Jubeln! Später sieht man bereits benannten Konzertbesucher im Rolli noch crowdsurfen. Wie es sich für einen ordentlichen Crowdsurf gehört, wird er von den Gästen auf die Bühne gehoben, wo er bis fast bis zum Ende der Show sichtlich glücklich mit der Band feiern kann.

    Die Boyband mit Tattoos könnte ihren Fans wohl kein größeres Konzerterlebnis bieten. Zu „Splitter Von Granaten“ tauchen Felix und Roman gemeinsam ins Publikum ein und feiern Seite an Seite mit ihren Gästen ein fulminantes Finale. Nach 90 Minuten beendet das Beatsteaks und Turbostaat Cover „Frieda und die Bomben“ einen perfekten Abend zwischen Band und Publikum. Das Leben ist zu kurz für schlechten Punk! Danke!

    Adam Angst

    Shoreline

    Tabea erzählt mittlerweile nur noch mit vorgehaltener Hand, dass sie mit Avril Lavigne ihre Liebe zur Musik entdeckt hat. Zum Glück ging der Weg dann weiter über Green Day zu den Ärzten und den Wohlstandskindern. Irgendwie im Deutschpunk hängen geblieben, aber mittlerweile auch stimmungsabhängig offen für andere Genre – von ganz ruhig bis Screamo ist einiges dabei. Ansonsten testet sie sich gerne durch die Craftbeer Welt und weiß einen guten Whisky zu schätzen.

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