Alarmsignal – Ästhetik des Widerstands

„Ästhetik des Widerstands“: Da klingelt alles, was in meinen Hirnwindungen zu klingeln bereit ist und ich erinnere mich an den – man muss es wahrscheinlich tatsächlich Lebenswerk nennen – gleichnamigen dreiteiligen Band aus der Feder des deutsch-schwedischen Schriftstellers Peter Weiss, der ein umfassendes Bild der faschistischen Epoche in Europa aus der Sicht des antifaschistischen Widerstandes zeichnet. Dass das einwandfrei in den Alarmsignal Kosmos passt ist unumstritten. Ein Exkurs in den Verfassungsschutzbericht darf hier allerdings nicht erwartet werden – „Ästhetik des Widerstands“ ist keinesfalls „zu weich für Punk“, aber die Band scheint pointiert gealtert zu sein.

„Wird sich irgendwann wirklich etwas verändern, wenn es uns so unendlich schwer fällt, unsere Komfortzone, ohne das Gefühl der Selbstaufgabe, zu verlassen?“

Heureka-Momente

Los geht es mit einem Titel, den man im wahrsten Sinne des Wortes einordnen muss. „Huso-Level“ ist nicht nur der Opener der Platte und erinnert fast ein bisschen zu sehr an Kollegen wie ZSK, sondern stellt auch den ersten Heureka-Moment des Albums. Mutig möchte man denken, in der aktuellen Zeit mit einer hart sexistischen Diskriminierung zu starten. Die Musiker aus Celle zeigen sich hier allerdings stilsicher: „Dieser Begriff wird von uns lediglich zitiert, denn besagter Song besteht zur Hälfte aus original YouTube-Kommentaren, die unter unsere Videos geschrieben wurden und von denen wir ein paar ganz besondere Perlen ausgewählt haben.“ Parallel stellt man sich als „ein Junkie, ein Harzer, ein Mitläufer, ein Germanistikstudent“ vor und offeriert weitere Fremdbetitelungen wie: „Wir sind scheiß Zecken und stinken wie Lappen. […] Asoziale linke Ratten. Wir sind dreckiges Gesindel ’ne scheiß Antifa-Boygroup“ – nett, dieses Internet!

Die ewige Identitätsfrage

Auf die Hoffnung und auf´s Leben – das beschreibt den Song „Ich hoffe du findest was du suchst“ wohl am besten. Unterstützung gibt es dabei von Gunnar von Dritte Wahl. Ruhe, Glück, Geborgenheit, Seelenfrieden und die Hoffnung, dass genau diese Wünsche ins Erleben übergehen werden hier thematisch in die Welt getragen. „Revolutionary Action“ ist der, bis auf seine Schlusszeile, Erste der zwei englischsprachigen Songs. Zu hinterfragen bleibt, wie „das Ding“ mit der nicht ganz neuen Idee der „Revolutionary Action“ in unserer modernen, den Status Quo liebenden Gesellschaft funktionieren kann. Richtig also, mal „What are we waiting for?“ in den Gehörgang zu setzen. Hilfreich dafür ist nicht zuletzt die super eingängige Melodie, der die spendablen Wohohooo-Chöre recht gut stehen. Am Ende bleibt die Frage, was echte und nicht formvollendet romantisierte revolutionäre Handlungen demokratischer Bürger:innen sind. Da reiht sich „Alles ruiniert“ recht gut ein: Denn auch die ewige Identitätsfrage einer Generation, die nie so richtig glücklich, aber auch nie angemessen unzufrieden sein kann, bleibt bisweilen unbeantwortet. Boomer, Generation X, Y und Z – ein gemeinsames Selbstverständnis scheint es nicht zu geben und schuld ist, wie immer, die Vorwürflichkeit unter den Generationen – vielleicht ist es am Ende aber auch der elende Wohlstand, der bis auf Messer verteidigt werden muss.

Europäische Wohlstandsignoranz

“Bring dich in Sicherheit” hätte keine bessere Unterstützung, als Iuventa-Kapitän Dariush Beigui, bekommen können. Während auch dieser Song die stilistischen Mittel der kommerzialisierten Deutschpunk-Klänge zelebriert, hämmert er mahnend gegen die Tore der Europäischen Wohlstandsignoranz. Könnte ein echter Klassiker werden, wäre es thematisch nicht so niederschmetternd. Ich muss Euch wohl nicht erzählen, wie lang wir mittlerweile keine Lösung für die Mittelmeerthematik gefunden haben und wie enorm gut Europa und seine Verbündeten darin geworden sind, all das offensichtlich zu ignorieren. Während die Mächtigsten der Mächtigen sich also die sinnbildlichen Eier schaukeln, leisten Privatpersonen eine unglaubliche und sicherlich auch oft nachhaltig einprägsame Arbeit bis zur letzten Energiereserve: Dariush ist einer davon, der augenscheinlich nicht müde wird und stimmlich ganz hervorragend zu den Niedersachsen passt. „Kein Mensch ist illegal“ darf in diesem Ringelrein natürlich auch nicht fehlen und landet als 35 Sekundenklopper irgendwo dazwischen.

Selbstzweifel, Bewertungen, Angst, Misstrauen

Die Diskrepanz, wie man zu sein hat und vermeintliche Erfüllung vorgeschriebener Klischees greift „Zu weich für Punk“ auf. „Eigentlich Elena“ setzt sich mit dem Thema Zwangsprostitution auseinander. Ein Thema, dass zum Glück immer mehr in den Fokus rückt. Allerdings erscheint das auch erstmal schwierig auf einem Album, das maximal pathosgeschwängert ist, da es dadurch eher schneller, als langsamer in die Kluft gerät, dass man(n) hier „nur“ schnell mal sein Gewissen beruhigt haben könnte. Was ist dieses „zu viel“ einer zuvor undefinierten Menge wohl am Ende? „161“ wirbelt natürlich die Faust durch die Luft, während mich „Hoffnung“ irgendwo ganz tief in mir packt – die Kombination aus Textstruktur und Melodie matched so harmonisch und authentisch, dass ich jeden Akkord der Ballade zu 100% glaube und fühle. Es ist doch irre, wie schwer sich so viele von uns so ein großartiges und leichtes Gefühl wie Liebe machen. Selbstzweifel, Bewertungen, Angst, Misstrauen – all das heißt es, besonders in dieser Zeit, in der Nähe das teuerste und höchste Gut sein sollte, immer und immer wieder überwinden zu müssen. Irre irgendwie. Wie schön es wäre „Keine Angst, ich bleibe bei Dir“ zu schwören, ohne in die (wahrscheinlich oft selbst auferlegte) Erschöpfung bzw. Überforderung zu fallen. Wir sollten uns definitiv weniger selbst verlieren.

Raus aus der Komfortzone

Ich habe mich recht chronologisch durch „Ästhetik des Widerstands“ gearbeitet und kann nicht verschweigen, dass ich von Titel zu Titel mehr schmunzeln musste. Also ernsthaft jetzt, mehr Klischee als die Tracklist „Revolutionary Action“, „Alles ruiniert“, „Bring dich in Sicherheit“, „Kein Mensch ist illegal“, „Zu weich für Punk“, „161“ und „Auf alles (was noch kommt)“ kann es eigentlich kaum geben. Was aber im ersten Moment derbe viel wirkt, macht am Ende trotzdem irgendwie Sinn und vermutlich bleibt es (wie immer) jeder und jedem selbst überlassen, das Album einzuordnen. Euphorisiert bin ich tatsächlich, weil ich mich ein bisschen in meine „Anti-Alles“-Teenie Zeit versetzt fühle. So viele Erinnerungen erwachen in mir. Das ist schön und gleichermaßen schrecklich. Denn es offeriert mir auch, dass das, wofür wir schon vor fast 20 Jahren kämpften, mehr und mehr über diesem Leben schwelt und mittlerweile nicht mal mehr „nur hinter vorgehaltener Hand“ ekelhaft offen gezündet wird. Das lässt mich erneut über die Songs „Revolutionary Action“ und „Hoffnung“ nachdenken: Wird sich irgendwann wirklich etwas verändern, wenn es uns so unendlich schwer fällt, unsere Komfortzone, ohne das Gefühl der Selbstaufgabe, zu verlassen?

Alarmsignal – Hoffnung

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