Chuck Ragan und Matze Rossi in Hannover 14. Dezember 2018, Markuskirche

Chuck Ragan_Markuskirche Hannover_Foto- Maria Graul
Foto: Maria Graul

Konzerte mit Punkrockbezug in Kirchen auszutragen, ist sicherlich mutig, doch da es hier lediglich um die Location geht und keine Verbindung zu Gottesdiensten besteht, halte ich eine weitere Diskussion für überflüssig. Vielmehr stand am Freitag in der Markuskirche in Hannover die Musik im Vordergrund. Dafür sorgten Chuck Ragan und Matze Rossi, wegen dem die außergewöhnliche Location schon eine gute halbe Stunde vor dem Start als proppenvoll bezeichnet werden muss. Das Konzert war ausverkauft und das schon seit Wochen. Dafür war sicherlich der Ort, aber auch die weiter steigende Popularität von Chuck Ragan, der gerne an außergewöhnlichen Orten auftritt, verantwortlich.

 

„Chuck Ragan zeigt, dass er liebt, was er tut und überzeugt so die Anwesenden.“

Vom Caterer für Hot Water Music zum Support

Kurz vor 20.00 Uhr betritt Matze Rossi die „Bühne“ oder vielmehr den Altarraum und beginnt mit seinem gut 45-minütigen Set. Einer der ersten Songs ist mit „Filmriss“ ein Song der Punkrockband Knochenfabrik, mit dem es dem Musiker gelingt, schon früh ein stückweit das Eis zu brechen. Es folgt mit „Und jetzt Licht bitte“, dem Lieblingslied seiner neun Jahre alten Tochter, ein Song, den Rossi laut eigener Aussage bis zur Aufnahme seines Livealbum nicht gespielt hatte. Rossi bringt so aber auch Emotionen in die Markuskirche. Und auch wenn es ihm gelingt, die Leute zum vereinzelten Mitsingen zu animieren – „der da oben hat sicher nichts dagegen, wenn Ihr mitsingt“ – so hängt schon eine melancholische Stimmung über den Songs von Matze Rossi.

Für den Wahlbayern ist diese Konzertreise mit Chuck Ragan auch ein stückweit ein Auftreten mit den Helden seiner Jugend, denn wie er erzählt, kochte Rossi vor 20 Jahren in einem Club für Hot Water Music und konnte bis heute den Kontakt halten. Musikalisch geht es weiter mit einem Song seiner Punkband Bad Drugs und dem hochemotionalen „Wenn ich einmal sterben muss“. Einer der Schlusspunkte ist schließlich „Wovon soll ich leben“, bevor der Mann mit der Baskenmütze schließlich sein Set unter großem Applaus beendet.

Andächtig und doch mitreißend

Nach einer sich recht lang-anfühlenden Umbaupause von knapp 25 Minuten – die Instrumente stehen ja bereits im Altarraum – folgt endlich Chuck Ragan, unterstützt von Todd Beene am Pedal Steel, aus Alabama. Schon die ersten Songs „Nothing Left to Prove“, „Something May Catch Fire“ oder „You Get What You Give“ haben es in sich. Raue Stimme mit unglaublich viel Wucht trifft hier auf eine einmalige Atmosphäre. Und dank der starken Akustik dringt sie auch in jeden Winkel der Kirche.

Als nächstes spielt der 44-Jährige „Vagabond“, in dem bereits zum zweiten Mal an diesem denkwürdigen Abend die Mundharmonika zum Einsatz kommt. In diesen „heiligen Hallen“ aber wirkt das Instrument gleich doppelt so stark und faszinierend. Die gut 800 Zuschauer hören gebannt zu und trotz vereinzeltem rhythmischem Klatschen und einigen Mitsingern/Zwischenrufen wirkt das Ganze beinahe schon andächtig. Dabei sind garantiert noch nie so viele Leute mit Hardcore- bzw. Punkrock-T-Shirts/-Pullovern zusammen in einer Kirche anzutreffen. Chuck Ragan dagegen zeigt, dass er einfach liebt, was er tut und überzeugt so die Anwesenden. Auch wenn die Stimmung verhalten bleibt. Es folgen weitere starke Hits, wie unter anderem das Cover von Brian Fallon „No Weather“, „Revved“, „Rotterdam“ oder der bärenstark und politisch sehr aktuelle „Whistleblowers Song“.

Hommage an Hot Water Music und war in Leipzig wirklich mehr Punkrock?

Und immer wieder merkt man an diesem Abend die besondere Stimmung. Auch im Altarraum bleibt dies nicht verborgen und so meint Ragan irgendwann zwischen den Songs es sei hier beinahe schon beängstigend und beeindruckend, doch gerade deswegen würden sie Orte wie diese für Konzerte lieben.

Mit einer Ankündigung, dass 2019 das Jahr von Hot Water Music sei, und man wiederkäme, um das 25-jährige Bandbestehen zu feiern, kommen die Songs „State Of Grace“ und „Drag My Body“ von Hot Water Music zum Einsatz. Sehr zur Freude vieler Anwesenden. Die Songs würden eben genau das widerspiegeln, was die Band ausmacht, so der sympathische Sänger aus Gainesville in Florida weiter. Sie sei eine Form der Therapie, um immer das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Schließlich geht es mit „Wake With You“ und „Flame In The Flood“ auf die Zielgerade zu, die dann durch „The Boat“ und „For Broken Ears“ besiegelt wird. 

Es folgen Standing Ovations und ohrenbetäubender Jubel, der Ragan und seinen Partner noch einmal zurückbringen. Und beim abschließenden Lied „Gathering Wood“ kommt auch Matze Rossi noch einmal in den Altarraum zur musikalischen Unterstützung und rundet so einen vollauf gelungenen Abend hervorragend ab. Hier bleiben die Hannoveraner dann auch kurzerhand stehen und geben Chuck Ragan so die Anerkennung zurück, die er für ein solches Konzert verdient. Zwar meint Rossi während seines Gigs, „Leipzig ein paar Tage zuvor war mehr Punkrock“, dafür war Hannover sicher viel mehr Gefühl, viel mehr Eindringlichkeit und Atmosphäre. Starker Abend.

Chuck Ragan

Matze Rossi

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