Flick Knives – Burn Down Start Again

Mit „Burn Down Start Again“ veröffentlichen Flick Knives weit mehr, als nur eine neue Platte. Die 12″ bündelt zwei EPs, trennt bewusst neues Material von den ersten Songs und erzählt damit ganz nebenbei die Geschichte einer Band, die nie aufgehört hat, an sich zu glauben. „Burn Down Start Again“ ist kein nostalgischer Rückblick und kein kalkulierter Neustart. Es ist das Ergebnis von Zusammenhalt, Geduld und Entwicklung ohne Selbstverrat. Streetpunk, der hier als Haltung verstanden werden muss und nicht als Pose. Der mit einem radikalen 90er Skatepunk Hütchenspiele spielt und nie so ganz ohne ein bisschen Poppunk leben könnte. Ein schönes Statement für echte Verbundenheit und gegen die vielen Fakes der Szene.

Ich habe immer gesagt…

… wenn diese Band das, was sie macht, wirklich ernst meint, dann wird sie zwangsläufig sehr nah bei ihren kalifornischen Vorbildern landen. Vielleicht habe ich dabei nicht immer mit Understatement geglänzt. Vielleicht ist auch hin und wieder der Begriff der „deutschen Rancid“ gefallen – irgendwo im Spannungsfeld „Fall Back Down, wir stonn widder op“.

Dieses Review zu schreiben, fällt mir nicht leicht. Nicht, weil mir die Worte fehlen – sondern weil Nähe Verantwortung schafft. Mindestens drei Menschen aus dieser Band habe ich seit Jahren fest im Freundesherz verankert. Die anderen drei durfte ich Anfang dieses Jahres kennenlernen. Sie waren nicht weniger sympathisch, nicht weniger herzlich und fühlten sich nicht weniger echt an. Genau deshalb ist mir eines wichtig: Das hier ist kein Bonus. Kein Wohlfühl-Text. Kein Gossip aus dem Backstage. Was hier folgt, ist die ehrlichste Substanz, die mein gefärbtes Musikherz freilegen kann. Geschrieben mit Respekt und der Gewissheit, dass gute Bands keinen Schongang bräuchten.

Aus drei werden sechs – das Herz am gleichen Platz

FLICK KNIVES entstehen 2020 im pandemischen Stillstand – aus Freundschaft, Frustration und dem klaren Entschluss, nicht einfach abwarten zu wollen. Archi, Schorni und Dom, zuvor mit THE SEWER RATS auf Tour, stehen nach Albumrelease plötzlich vor dem Nichts – pandemischer Stillstand. Also Neuanfang statt Pause. Der Sound ist von Beginn an eindeutig: rauer, melodischer Streetpunk in der Tradition von Rancid, Cock Sparrer und The Clash. 2021 entstehen erste Songs im DIY-Homestudio bei Köln. Was als Debütalbum geplant war, verdichtet sich zur 7″-Single „Molotov“ (GET STOMPED RECORDS / RIOT KIDS) – kompromisslos selbstgemacht, von Song bis Video. Der erste Aufbruch endet allerdings abrupt. Kurz vor der geplanten Tour 2022 erkrankt Archi schwer, Aufnahmen und Konzerte werden gestoppt. Zwei Jahre Stillstand folgen. Die veröffentlichte 7″ – zwei digitale Singles bleiben bewusst leise. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Bewusstsein: Ohne Frontmann keine Bühne. Die spätere Diagnose einer Angst- und Panikstörung und Archis offener Umgang damit schaffen Perspektive, lassen die Zukunft der Band jedoch lange offen. Dass Flick Knives diese Phase überleben ist kein Automatismus – sondern das Resultat eines außergewöhnlich starken Zusammenhalts.

Die A-Seite bündelt neues Material

Und wenn siche eins lebendig anhört, dann ist es diese Platte. „Burn Down Start Again“ heißt das Goldkind und zitiert damit direkt den ersten Hit „Molotov“ der Gründungsmitglieder aus dem Jahr 2022. Gehen wir mal tiefer rein: Inhaltlich bringt „Chin Up“ den emotionalen Kern der Platte präzise auf den Punkt. Der Song erzählt von Momenten völliger Erschöpfung, in denen alles dunkel erscheint und Aufgeben verführerisch nah ist – und genau dort die Entscheidung fällt, weiterzugehen. Getragen von PMA, Freundschaft und gegenseitigem Halt wird Durchhalten nicht zur Floskel, sondern zu einem solidarischen Versprechen: „Come take my hand, we’ll find a way. You made it this far and this can’t be the end – I won’t let you drown my friend.“ „Young ’Til We Die“ feiert das bewusste Nicht-Erwachsenwerden. Freundschaft, Zusammenhalt und Rock’n’Roll stehen über Erwartungen, Anpassung und biografischen Zwängen. „Jung bleiben“ beschreibt hier kein Alter sondern Loyalität, das Träumen und das kompromisslose Festhalten an der eigenen Crew – bis zum letzten Atemzug. Mit „High Street Girl“ folgt eine bitter-ironische Momentaufnahme über Konsum, Oberflächlichkeit und eine ausgehöhlte Subkultur. Erzählt aus der Perspektive eines irritierten Beobachters, entlarvt der Song zwischen Ramones-Shirt als Modeaccessoire und ignorierter Ausbeutung, Gleichgültigkeit als Haltung – und Fast Fashion als leere Pose ohne Bewusstsein. „Falling Down“ zeichnet das Porträt eines Menschen, der im Hamsterrad der Working Poor zerrieben wird: gefangen zwischen 9-to-5, Existenzdruck und permanenter Überforderung. Frustration, Wut und Ohnmacht verdichten sich zu einer düsteren Abrechnung mit Ausbeutung und Ignoranz. Der Sturz wirkt unausweichlich – nicht als stilles Scheitern, sondern als letzter, explosiver Akt des Widerstands. Der folgende Song formuliert schließlich ein klares Selbstbekenntnis gegen Anpassung und Fremdbestimmung. Erwartungen werden zurückgewiesen, eigene Wege eingefordert – auch um den Preis der Einsamkeit. Im Zentrum steht radikale Selbsttreue: Niemandem etwas schuldig sein, außer sich selbst und sich nicht verbiegen lassen, egal von wem. „True.“

Video: Flick Knives – True

Die B-Seite blickt zurück

„Knife-By“ ist die kompromisslose Selbstverortung der Band: Flick Knives als Crew, Gang und Wahlfamilie – laut, geschlossen und nicht verhandelbar. Musik wird hier zur Waffe, Zusammenhalt zur Grundbedingung. „In Circles“ greift genau diesen Gedanken auf und feiert kollektive Identität und Live-Energie als verbindende Kraft, bei der Loyalität wichtiger ist als jede Pose. Mit einem deutlichen Bruch folgt ein wütender, schonungsloser Kommentar zu strukturellem Rassismus, Polizeigewalt und kollektiver Ohnmacht angesichts permanenter Ungerechtigkeit. Zwischen Aktivismus, Resignation und Selbstanklage beschreibt der Song den inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach Gerechtigkeit und dem bitteren Wissen, Teil eines Systems zu sein, das immer wieder versagt. „Like Dynamite“ nutzt die Metapher einer explosiven, unberechenbaren Person, um Anziehung, Gefahr und Kontrollverlust miteinander zu verschränken. Leidenschaft erscheint hier zugleich zerstörerisch und berauschend – faszinierend, überfordernd und alles durcheinanderwirbelnd, was ihr zu nahe kommt. Den Abschluss bildet „For The Crew“, eine emotionale Verbeugung vor alten Weggefährt:innen, gemeinsamen Jugendjahren und Freundschaften, die Zeit, Entfernung und unterschiedliche Lebensentwürfe überdauern. Der Song macht unmissverständlich klar: Zugehörigkeit ist nicht an Präsenz gebunden – Crew bleibt Crew, auch wenn Wege auseinandergehen.

Mehr, als ein Geheimtipp

Recht am Anfang schrieb ich, dass Nähe Verantwortung bedeutet. Mittlerweile sind zwei Monate vergangen, in denen ich die Songs immer wieder gehört, dieses Review aber nicht beendet habe. Immer wieder stand die gleiche Frage im Raum: Kann ich mit dem, was ich wahrnehme und empfinde, dieser Musik überhaupt gerecht werden? Und was möchte ich diesem wilden Haufen guter Menschen eigentlich mitgeben?

Vielleicht genau das: Dass sie längst mehr sind als ein Geheimtipp. Und dass es fast schon frustrierend ist, dass es offenbar immer noch den einen „Gatekeeper“ braucht, der versteht, warum es dringend notwendig wäre, solche Bands groß zu machen. Wenn ihr dieses Album – oder diese EP, nennt es wie ihr wollt – stark findet, dann hört nicht beim Stream auf. Geht einen Schritt weiter. Ich empfehle euch mit aller mir zur Verfügung stehenden Überzeugungskraft: Geht zu den Shows von Flick Knives. Und an alle Veranstalter:innen: Bucht diese Band als Support – und seid euch bewusst, dass euer Headliner an die Wand gespielt werden könnte. Das ist kein Schmeicheln und keine Übertreibung. Ich habe es genau so erlebt. In Hamburg.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich dieses Review abschließen kann. Mit einem Herzen voller Dankbarkeit: Für Freundschaft und Aufrichtigkeit. Für Zusammenhalt in einer Zeit, in der Abstand die einzige Konstante war. Für Wachstum, der gefühlt nie erzwungen, sondern gemeinsam getragen wurde. Und für dieses bedingungslose Wir-Gefühl, das eine Vertrautheit schafft, die bei aller Entfernung nie selbstverständlich war. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre ich gern bei einer Doppel-Headlineshow von Rancid und Cock Sparrer – mit Flick Knives als Support.