Kettcar – …und das geht so

Kettcar – meiner Meinung nach eine der meistunterschätzten deutschen Bands, auch durch mich. Ich muss dazu sagen, dass ich früher nicht viel mit Kettcar anfangen konnte.  Gut, es ist jetzt auch schon 13 Jahre her, als ich Kettcar da sehr bewusst auf einem Festival ausfallen lassen habe… Aber ehrlicherweise muss man auch zugeben, dass ich damals wohl einfach auch die meisten der zweifelsohne tiefgründigen Texte vielleicht einfach nicht verstanden oder mir die Mühe nicht gemacht habe. Mittlerweile sind sie definitiv einer meiner – wenn nicht sogar die – Favoriten in der Kategorie tiefgründige intellektuelle Pop/Rock-Darbietung in Muttersprache. Eine oftmals von außen müde belächelte Wahl, da man natürlich ohne Diskussion zugibt, dass Kettcar gesangstechnisch sicherlich nicht in der ersten Liga spielen. Aber vielleicht macht es mir die ganze Sache auch noch umso sympathischer, weil ich genauso nicht besser singen kann, aber mag, was Kettcar zu sagen haben und das können sie eben – unbestritten – richtig gut.

„Eine Band, die es wie keine Zweite versteht, Geschichten des Lebens zu erzählen und mit ihren Texten Bilder zu erzeugen, die oft wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen“

Kraftvoller, euphorischer und mitreißender

Die Veröffentlichung des letzten Live-Albums „Fliegende Bauten“ liegt bereits neun Jahre zurück. Damals war man deutlich demütiger und ruhiger unterwegs. Auch instrumental gab es bereits Streicher und Bläser, die das musikalische Ambiente wunderbar untermalten. Bei der neuesten Veröffentlichung „…und das geht so“ der fünf Hamburger fällt hingegen sofort auf, dass die Ansagen ausführlicher geworden sind: Mehr Message, mehr Entertainment und mehr …und das geht so. Die definitiv im aktuellen Live-Repertoire most overused phrase (ich habe zehn Mal gezählt) die treffenderweise und wie Kettcar selbst sagen folgerichtig der Albumtitel werden musste.

Das Album umfasst 21 Songs, die so größtenteils auch auf der vergangenen Tour dargeboten wurden – nur eben nicht mit der Unterstützung der zusätzlichen Musiker, die auf der Aufzeichnung zu hören sind. Alles in allem ist es im Vergleich zum vorhergehenden Live-Album deutlich kraftvoller, euphorischer und mitreißender. Mit dem Programm der Platte und den Musikern gehen Kettcar 2020 nochmal auf Tour, bevor sie wieder eine Schaffenspause einlegen werden. Es gibt natürlich inhaltlich auf dieser Art Album nicht so viel zu berichten wie üblich bei Neuerscheinungen. Eine Neuerung songtechnischer Natur gibt es nun aber eben doch. Der „Balkon gegenüber“ hat eine zweite Strophe bekommen – nach 18 Jahren wohlgemerkt! Und wenn man Marcus Wiebusch glauben mag, wird es innerhalb der nächsten 18 Jahren noch einen Refrain geben. Neben ein paar interessanten und witzigen Anekdoten gibt es eine schöne Auswahl an Songs aus fast zwei Jahrzehnten Bandgeschichte.

Im Vergleich nicht vergleichbar

Das Beste in aller Kürze zu „… und das geht so“: Es handelt sich hier zweifelsohne um eine sehr schön konservierte Momentaufnahme des musikalischen Schaffens einer großen authentischsten deutschen Band. Eine Band, die es wie keine Zweite versteht, Geschichten des Lebens zu erzählen und mit ihren Texten Bilder zu erzeugen, die oft wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen. „… und das geht so“ ist im Vergleich nicht vergleichbar mit dem ersten Live-Album von Kettcar. Beide Alben haben ihre Daseinsberechtigung und ich möchte keines der beiden missen. Viel Spaß beim Hören. Vielen Dank Kettcar!

Stream: Kettcar – Deiche (live)

Hier erhältlich
Kettcar - ...und das geht so (live)Kettcar – …und das geht so (live)
Release: 29. November 2019
Label: Grand Hoten Van Cleef

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