Im KreuzverHör: Frank Turner – Be More Kind

Frank Turner
Foto: Ben Morse

Tagelang saßen Archi und Maria, im Wechsel zwischen heller Aufregung und tiefer Verträumtheit, in der Redaktion und ließen sich das siebte Studioalbum „Be More Kind“ des englischen Singer/Songwriters Frank Turner durch die Ohren gehen. Nur Monate nach der Veröffentlichung von „Songbook“, veröffentlicht dieser „Be More Kind“ via Xtra Mile Recordings. Was die beiden zu dem Album zwischen universellen Hymnen, rohen Emotionen und politischen und besonders persönliche Texten zu sagen habe, erfahrt ihr in unserem KreuzverHör.

Frank Turner Be More Kind

Frank Turner
Be More Kind

VÖ: 04.05.2018

Polydor

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„Kennst du dieses angenehme Gefühl der Gänsehaut?“

Archi: Frank Turner ist zurück – obwohl er nie wirklich weg war. Nach dem Best-Of-Album “Songbook” im November 2017, erscheint nun sein neues Album “Be More Kind”. In Verbindung mit dem November-Release gab es auch schon einen ersten Blick auf neues Material in Form des Songs “There She Is”. Der hat mich zu der Zeit nicht wirklich vom Hocker gehauen. Zum Glück folgten kurz darauf weitere neue Songs wie “1933” und der Titelsong “Be More Kind”. Die haben die Vorfreude auf das neue Album deutlich gesteigert.

Maria: Irgendwie ging es mir auch so. Je mehr ich vom neuen Turner Album zu hören bekam, desto interessierter wurde ich am Gesamtwerk. Für die Produktion von „Be More Kind“ nahm sich der Musiker mit seiner Band The Sleeping Souls sieben Monate Zeit. Der Full-Lenght Vorgänger „Positive Songs For Negative People“ wurde dagegen in neun Tagen aufgenommen. Außerdem wollte Frank Turner auf seinem Album einen ordentlichen Schritt aus der eigenen Komfortzone machen. Dass er das geschafft hat, würde ich bei Titeln wie der Anti-Nazi Hymne “1933” nicht unterschreiben wollen.  „There She Is“, eine Ode an die Liebe, gehört für mich allerdings zu den Songs, die bereits eine Richtung zu vermehrt poppigen Elementen vorgaben. Was ich aber in keiner Sekunde schlimm fand. Kennst du dieses angenehme Gefühl der Gänsehaut? Wenn etwas so ganz, ganz besonders ist. Stell dir „There She Is“ doch bitte mal zu Beginn einer Trauung vor. Ich würde sofort ohnmächtig werden.

„Doch dann kam die Realität dazwischen“

Maria: Was sagst du eigentlich dazu, dass der Brite sich fast durchgängig mit der aktuellen amerikanischen Politik auseinandersetzt?

Archi: Ich LIEBE ja Pop – darum trifft das neue Album bei mir den perfekten Nerv. Gepaart mit einer (bisher eher unbekannten) “politischen Seite” gefallen mir die Songs ganz gut. Mir ist auf jeden Fall auch aufgefallen, dass eine “Amerikanisierung” von Franks Schaffen stattgefunden hat – immerhin gibt es auch einen Song mit dem Namen “Make America Great Again” auf dem Album und das nicht nur im musikalischen Sinne. Ich finde es spannend, wie die Entwicklung der USA (und damit auch der Welt) von einem tourenden Musiker gesehen und verarbeitet wird. Und vielleicht brauchen harte Zeiten ja nicht zwingend harte Musik, sondern eben auch hier und da mal eine poppige Hymne.

Maria: Da bin ich ganz bei dir. Pass auf, ich habe einen Fun Fact für dich, der passt gerade ganz gut: Frank wollte eigentlich ein ganz anderes Album schreiben und war damit schon so gut wie fertig. Es sollte ein Konzeptalbum über Frauen werde, die in der historischen Geschichte übergangen und ignoriert wurden. Doch dann kam ihm die Realität, wie ein Bombeneinschlag, dazwischen. Kurz vor Ende las er in dem Gedicht “Leçons Des Ténèbres“ von Clive James die Zeile “I should have been more kind. It is my fate. To find this out, but find it out too late.” und war über den Inhalt dessen am Boden zerstört: „Viele ältere, weisere Menschen tendieren dazu, solche Dinge zu sagen, dass es am Ende des Lebens nur darauf ankam, wie du die Menschen um dich herum behandelt hast. In der modernen Welt ist dies eine Lektion, die alle von uns, mich eingeschlossen, lernen könnten.“

„‚Be More Kind‘ ist Turners persönliche Anleitung, eine Art Manifest oder -weniger pathetisch formuliert- ein Weckruf, wie mit der heutigen Zeit umgegangen werden sollte.“

Archi: Diese Einstellung zeigt, dass “Be More Kind” mehr als ein Album ist. Es ist Turners persönliche Anleitung, eine Art Manifest oder -weniger pathetisch formuliert- ein Weckruf, wie mit der heutigen Zeit umgegangen werden sollte. Würden wir alle etwas weniger egoistisch und (selbst-)zerstörerisch – eben einfach etwas netter – sein, so wäre die Welt ein besserer Ort.

Maria: Wie Recht du hast! “Be More Kind” ist definitiv nicht nur der perfekte Titel für das kommende Album, sondern auch eine gelungene Überschrift für das 21. Jahrhundert.

Archi: Ein weiterer Fun-Fact ist übrigens, dass Turner seit 2012 in verschiedenen Artikeln mit einer eher “konservativen” Haltung in Verbindung gebracht wurde. Diesen Vorwürfen setzt er mit dem Song “1933” ein kraftvolles Statement entgegen. Darin singt er nämlich “Be suspicious of simple answers – That shit’s for fascists and maybe teenagers” und zeigt, wie wichtig es ist Stellung zu beziehen und Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Maria: Und dabei fokussiert sich die zentrale Aussage der Texte immer wieder auf das Thema Empathie – auch dem Feind gegenüber. Das muss man schon erstmal so reflektieren können. „Du solltest wenigstens das mentale Universum der Menschen, denen du nicht zustimmst, verstehen. Wenn du das nicht kannst, wie willst du mit den Menschen kommunizieren, außer mit Waffen – was, und da sind wir uns alle einig, eine sehr schlechte Idee ist.“, fasst der Musiker die Thematik gekonnt zusammen. Ich bin echt sehr gespannt, wie Songs wie “1933” live funktionieren. Das geht ganz sicher gut ab.

120 Konzerte in einer neuen Größenordnung für rund 200.000 Menschen

Archi: Frank Turner ist mit seiner Band The Sleeping Souls ab Album-Release wieder ordentlich unterwegs – mehr als 120 Shows stehen für den ersten Teil der “Be More Kind”-Tour 2018 auf dem Plan. Fans in Nordamerika, seiner Heimat Großbritannien und natürlich “Mainland-Europe” können sich auf Konzerte in einer neuen Größenordnung freuen und auch Australien und Neuseeland bekommen eine Portion “Kindness” ab. Ich freue mich auf jeden Fall schon darauf, Songs wie das ungewöhnliche “Blackout” oder das verträumt-frühlingshafte “Little Changes” zu hören.

Maria: “Little Changes” ist wirklich ein wunderschön versponnener Song, auf dem eingangs beschriebenes ganz gut zutrifft – poppig, aber auch sehr turneresk. Der Albumtitel passt allerdings auch zur anstehenden Tour. 200.000 Menschen mit der eigenen Musik für rund 90 Minuten Freude zu bringen, dabei bis Weihnachten auf Tour zu sein und das Ganze dann “den ersten Teil der Tour” zu nennen, ist schon eine sportliche Leistung. Gibt es eigentlich irgendwas, was dir an “Be More Kind” überhaupt nicht gefällt?

Archi: Dass es irgendwann vorbei ist…

Maria: 🙂

Video: Frank Turner – 1933

 

Bei Maria reichen sich Punk und Politik nicht einfach nur die Hand, sie liegen sich quasi eng umschlungen im Arm und trinken Schnäpschen auf die alten Zeiten. Wenn sie nicht gerade davon träumt durch die Welt zu reisen oder ihrem Ärger auf Demos Luft macht, testet sie die neuesten Eiskreationen der Stadt, träumt vom Ruhrpott Rodeo oder sortiert ihre Platten zwischen der Terrorgruppe, Wizo, Propagandhi und No Use For A Name.

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