Beatsteaks und Shoshin in Hannover

    Beatsteaks
    Foto: Maria Graul

    Den Auftakt des heutigen Abends macht die britische Band Shoshin. Schnell positionieren sich die drei Musiker klar politisch und liefern im Verlauf ihrer Show ein ordentliches Gitarrenbrett ab. Durchtränkt ist der dominierende Rocksound immer wieder mit Elementen der Genre Punk, Rap, Rock, Dub und Grunge. Diese vorerst exotische bunte Musiktüte lässt die Hörerschaft schnell die Ohren spitzen. Aufmerksam, jedoch fast ausschließlich durch entspanntes Kopfnicken begleitet, folgen die Besucher des ausverkauften Capitols. Shoshin kann man bedenkenlos im Auge behalten, denn wenn die Beatsteaks über die letzten Jahre eines bewiesen haben, dann ist es ein ausgesprochen gutes Händchen in puncto Support. Nach rund 30 Minuten verabschiedet sich die aus Manchester stammende Band ohne großen Schnickschnack von der Bühne.

    „Steckt die scheiß Handys weg und let´s get crazy“

    Ein halbe Stunde bleibt den Besuchern des Venues an der Leine sich einzustimmen. Hier und da wird ein Bierchen geholt, doch so richtig möchte keiner seinen Platz aufgeben. Die Vorfreude der Fans scheint riesig. Schnell ertönen „Beatsteaks“ skandierende Chöre im Zuschauerraum. Das bisher eher ruhige Publikum mutiert förmlich zu einer mit den Hufen scharrenden Horde.

    Pünktlich um 21.00 Uhr bricht dann der erste große Jubel aus und die Beatsteaks betreten die Bühne. Mit „As I Please“ geht es los. Schnell folgen „Mrs. Right“ und „Hello Joe“ und aus dem tobenden Publikum fliegen die ersten Becher Richtung Bühne. Große und lange Ansprachen gibt es heute nicht. „Wunderschönen guten Abend“, begrüßen die Beatsteaks die 1600 Besucher und stellen sich selbst vor. Die Musik der Beatsteaks wird an diesem Abend klar im Fokus stehen. Mit dem Fu Manchu-Cover „Frieda Und Die Bomben“ geht es zügig weiter. Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß richtet herzlich eine Bitte an die Gäste: „Wir sind heute in Eure Stadt gekommen, um alles zu vergessen. Für die nächsten zwei Stunden ist alles gut, aber bitte tut mir zwei Gefallen: Erstens steckt die scheiß Handys weg, die braucht Ihr heute nicht! Zweitens…“, er macht eine kurze Pause, grinst und brüllt: „Let´s get crazy!“

    „Wir spielen heute ja quasi für die Familie“

    Es folgt „Fever“ vom aktuellen Album „Yours“. Dann richtet sich Arnim erneut an seine Zuhörerschaft und Band: „Heute gibt es eine kleine Zeitreise. Wir spielen heute ja für die Familie. Da können wir auch Sachen spielen, die wir sonst nicht spielen.“ Er stimmt „Attack and Decay“ an und offensichtlich will der Balkon nicht mehr aufhören zu beben. Die Fans sind bereits nach sechs Songs völlig aus dem Häuschen. Vor der Bühne öffnet sich ein riesiger unzähmbarer Pit. Die Beatsteaks-Frontstimme „Teute“ springt immer wieder auf die Podeste vor der ersten Reihe. Fannähe, Sympathie und Authentizität sind, neben bahnbrechenden Songs, das absolute Grundgesetz der vor fast genau 22 Jahren gegründeten Band.

    Im Verlauf der nächsten anderthalb Stunden geht die Reise quer durch die Diskographie der Berliner. „Automatic“, „Milk & Honey“, „Summer“ und „Panic“ werden lautstark mitgegrölt. Manchmal muss man genau hinhören, um die Band neben den Publikumsstimmen zu erkennen. Unermüdlich wird gehüpft und getanzt. Bei dem Ilona Schulz-Cover „Hey Du“ könnte man eine Verschnaufpause erwarten, doch das Gegenteil tritt ein. Die Fans holen inbrünstig wirklich alles aus ihren Körpern und schmettern gänsehautgeschwängert die Zeilen der melancholischen Hymne mit.

    Mit Sprüngen bis zur Discokugel testen die Beatsteaks die Statik des Capitols

    Die Beatsteaks sind in Top Form. Ihre Fans sind es auch. Das ist Magie, nein, das ist der Wahnsinn! Das erlebt Hannover nicht so oft und wird sehr sicher eine dieser unvergessenen Nächte bleiben. Bei „Cut Off The Top“ scheint der Zenit nicht mehr weit zu sein und dann fordert Teute das Publikum auch noch auf, die Statik des Capitols zu testen. „Okay meine Damen und Herren, wir testen jetzt mal die Statik des ganzen Clubs. Wenn das hier gleich wieder losgeht, versuchen wir alle bis an die Discokugel zu springen. Okay Hannover, are you ready?“ Holla die Waldfee, da will man sich fast die Augen zuhalten. Der Balkon hält, die Stimmung platzt aus wirklich allen Nähten und die Wände triefen langsam unter den euphorisierten Temperaturen.

    „Was los dahinten? Da an der Bar sitzen ja immer noch welche. Das wird hier jetzt ein Tanzfloor“, leitet Arnim „Gentleman Of The Year“ ein, schwingt sich das Mikrokabel über die Schulter und setzt zum Tanz an. Der charismatische Frontmann beherrscht das Spiel mit dem Publikum in Perfektion. Jeder einzelne Fan bekommt das Gefühl, besonders und genau richtig und wichtig für diese Nacht zu sein. Crowdsurfer lassen sich über die Köpfe gen Bühne tragen und durchqueren mit riesigen Lächeln auf den Mündern den Graben, um zurück ins Publikum zu hüpfen.

    Am Ende einer Show der Beatsteaks macht keiner so schnell das Licht aus

    Langsam werden die Fans merklich auf den Abschied vorbereitet. Doch das muss bei den Beatsteaks ja noch lange nichts heißen. Wer wäre diese Band, wenn heute einfach so das Licht ausgehen würde. Zugabechöre ertönen im ausverkaufen Capitol. Jubel-Pfiffe hallen durch die Reihen. „Beatsteaks aus Berlin, Berlin“ wird skandiert. Bei jeder Bewegung auf der Bühne werden die Rufe und das Klatschen der Fans lauter. Was für ein Abend, was für eine Band und alter Schwede Hannover, was für ein Publikum!

    Die Musiker betreten erneut die Bühne. Arnim hat mal wieder seinen Hut gewechselt. Mit „I Do“ und dem Queen-Cover „I Want To Break Free“ geht es in die Zugabe. „Geht´s Euch so richtig gut? So richtig, richtig?“, fragt Teute und bedankt sich wieder und wieder. Das Publikum stimmt die Beatsteaks-Hymne „I Don’t Care As Long As You Sing“ an und die Band stimmt ein. Der Siedepunkt dieses Abends ist längst mehrfach überschritten und mit einer großartigen Laola verabschieden sich die sechs Musiker erneut von der Bühne.

    Schere, Stein, Papier um die Zugabe

    Nun denken auch wir, dass das Konzert zum Ende gekommen ist. Als wir das Capitol verlassen wollen, bekommen wir ein Schere, Stein, Papier-Battle der Beatsteaks um die nächsten Zugaben mit. In diesem Moment beweißt sich die ganze über den Abend gespürte Empathie und Authentizität. Die Band nimmt erneut den Aufgang zur Bühne und auch wir schlüpfen schnell zurück in den Veranstaltungsraum.

    Mit „Jane Became Insane“, „Atomic Love“ und „Hand In Hand“ geht es in die dritte Runde. 1600 strahlende Gesichter interagieren mit sechs ausgelassenen und glücklichen Künstlern. Da fällt es allmählich schwer, treffende Worte der Lobpreisung zu finden. Das muss man einfach erlebt haben. Die Band verlässt die Bühne. Das Licht im Capitol geht an und während die ersten dann doch ihre sieben Sachen packen, kommen die Beatsteaks erneut auf die Bühne. „Ace of Spades“ von Motörhead verabschiedet die Fans letztlich in die Nacht.