Akne Kid Joe – Die große Palmöllüge

Eines sei vorweggesagt: Akne Kid Joe ist nichts weniger als die Band, von der die Welt nicht wusste, dass sie sie braucht. Nach einem großartigen Debüt im vergangenen Jahr steht jetzt mit „Die große Palmöllüge“ der verheißungsvolle Nachfolger in den digitalen CD-Regalen. Wer aufgrund des Albumtitels nun mit einer 35-minütigen Abhandlung über Verschwörungstheorien rechnet, der irrt.

„Vom „Ich bin ja kein Rassist, aber“-Humor bis zur Liebeserklärung an das schöne Leben“

Eine Frauenquote im Punkrock

Vielmehr geht es Akne Kid Joe um die großen und kleinen Themen des Lebens – Alltagsrassismus, lukrative Einnahmequellen, Alkohol und heuchlerische Selbstliebe. Den Auftakt macht das bereits als Single erschienene Kleinod „Sarah (Frau, auch in ner Band)“, bei dem es um das nach wie vor stark unterrepräsentierte weibliche Geschlecht in der Musikkultur geht. Sarah, die bei der Nürnberger Band für eine 25-prozentige Frauenquote sorgt – an der sich einige Dax-Konzerne ein Beispiel nehmen könnten – gelingt es scheinbar mühelos, textlich den Finger in die Wunde zu legen.

Vom ewigen Dasein als „Freundin von Musikern in Bands“ losgelöst, ermutigt sie nun Geschlechtsgenosinnen, sich ebenfalls auf die Bühnen dieser Welt zu stellen. „Werte Herr Kollegen, bitte macht mal Platz, und merkt Euch für die Zukunft lieber folgenden Satz: Die Bühnen dieser Welt gehn für alle klar, waren nie Machobiotop und niemals nur für Männer da.“ Ihr Ansinnen unterstützt auch Alex von Pascow, der erste Feature-Gast der Platte.

Politisch? Aber bitte korrekt!

Dass die AfD trotz ihrer politisch inakzeptablen Inhalte häufig für einen Lacher gut ist, hat sie mehrfach bewiesen. Eine Aussage des ehemaligen Vize-Chefs der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag inspirierte die Nürnberger Punks immerhin zu einem Lied über das Leben als gut bezahlter Demo-Teilnehmer im Schwarzen Block. Wie „Gelder, die aus verschiedenen Quellen an Demonstranten ausgezahlt werden“, denn steuerrechtlich behandelt werden, wollte Stefan Brandner wissen. „Ich feier Überstunden ab und verprass mein Demogeld, da kommt einiges zusammen, im Kampf für ne bessere Welt „, lautet die ironische Antwort in „What AfD thinks we do…“. Malochen gegen AfD und das Kapital: Eine sichere Investition in linken Krawalltourismus – und uneingeschränkte Hörempfehlung.

Unbedingt hervorzuheben ist auch ein Stück mit dem sympathischen Titel „Was ist eigentlich dein scheiß Problem!?“: Auf Gute-Laune-Beat rechnen Akne Kid Joe mit Political Incorrectness und Alltagsrassismus ab. Vorbei sind die Zeiten von Zigeunerschnitzel und Mohrenkopf – es dauert eben nur, bis es auch der Letzte begreift.

Punk is dead and so am I

Von „Ich bin ja kein Rassist, aber“-Humor geht es nahtlos mit einer Liebeserklärung an das „Das schöne Leben“ weiter. Genau wie „Unsere Kneipe“ behandelt das Quartett mit dem malerischen Namen ihre schwammigen Erinnerungen, in denen Alkohol stets eine Rolle spielt. In Zeiten von Corona ist diese Sehnsucht verständlicher und aktueller denn je.
Natürlich dürfen bei den Themen der Platte auch gesellschaftliche Trends nicht fehlen. So bekommt in “Ich vs. mich vs. Euch“ obendrein die heuchlerische Feelgood-Selflove-Fraktion ihr Fett weg. „Niemand liebt sich selbst und doch schaun alle nur auf sich, ich hör Dir zu wenn Du sprichst, doch es interessiert mich nicht“, lautet die feinsinnige Kritik des Quartetts. Wer sich nicht ertappt fühlt, möge den ersten Stein werfen.

Nach gut 31 Minuten startet der letzte Song, der tatsächlich noch für eine Überraschung gut ist. Techno, Baby! Und darauf die gemeinsam mit HC Baxxter gesungenen Worte „Punk is dead and so am I“, das ist die Quintessenz des tanzbaren Rausschmeißers „Zwischen Thermomix & Webergrill“.

Bewährtes Konzept und neue Freiheit

Musikalisch zeigen sich Akne Kid Joe auf ihrem zweiten Longplayer experimentierfreudiger. Ohne dem bewährten Zwei-Akkorde-Punkrock den Rücken zu kehren, punktet „Die große Palmöllüge“ mit treibenden Melodien, gelegentlichen Off-Beats und elektronischen Spielereien. Die Songs sind gewohnt kurz, keiner knackt die vier-Minuten-Marke.

Mit „Die große Palmöllüge“ haben Akne Kid Joe einen mehr als würdigen Nachfolger ihres großartigen Debüts „Karate Kid Joe“ geschaffen. In 15 Songs bleibt sich die Band treu, ohne ihre Vision aus den Augen zu verlieren. Verpackt in Wortwitz und Ironie sind die kritischen Texte nach wie vor ihre große Stärke. Genaues Hinhören lohnt sich!

Video: Akne Kid Joe – Gestern Emergenza

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Akne Kid Joe - Die große PalmöllügeAkne Kid Joe – Die große Palmöllüge
Release: 03. April 2020
Label: Kidnap Music
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