Biffy Clyro – The Myth of The Happily Ever After

„The Myth of The Happily Ever After“ ist nicht einfach nur ein Albumtitel; es ist eine Geschichte, die sich (ich würde fast wetten) innerhalb kürzester Zeit unumgänglich zu einer eigenen entwickeln wird. Wenn also für einen Moment die Sorge bestand, dass ein Album wie „Ellipsis“ es schwerer machen würde, darauf zu vertrauen, dass die Schotten von Biffy Clyro sich nicht auf den Weg gen Coldplay und den unerträglichen Abgrund der verpoppten Gleichgültigkeit machen, sei Entwarnung gegeben – „The Myth of The Happily Ever After“ ist nicht nur ein typisch clyroeskes Meisterwerk aus Melodien, es vereint gleichermaßen einen unendlich emotionalen Tiefgang mit dem kraftvollen und frischen Aufbegehren des schottischen Rocks und stellt seinen Vorgänger „A Celebration Of Endings“ in einen schwer aufholbaren Schatten:

„This is how we fuck it from the start“.

Die richtige Perspektive

Während ich dieses Album nun ungefähr das 20. Mal in den letzten zwei Tagen gehört habe, im Schneidersitz mit meinem Laptop auf den Beinen auf meinem Sofa sitze und auf das Meer aus Kerzen um mich herum starre, verdeutlicht mir diese Szene nicht nur, dass sich der Sommer endgültig verabschiedet hat, ich muss außerdem schmunzeln, denn alles in mir schreit Widerstand, alles in mir möchte durch den Regen und Sturm rennen, alles in mir fühlt sich nach Aufbruch an. Wir alle stehen nach so einer langen Zeit der sozialen Enthaltsamkeit an einem Punkt, an dem vermutlich alle Augen gen „Neuanfang“ gerichtet sind – reden wir hier vielleicht mal nicht von dem Soundtrack einer ganzen Generation, sondern dem einer ganzen Welt?

Und weil so unfassbar viel mit mir passiert während ich die Musik der Schotten höre, entscheide ich mich dafür allein in der Ich-Perspektive zu schreiben. Ich begebe mich also in die 21. Runde, betreibe die übliche Recherche um so ein Album herum und stolpere über eine Aussage von Frontmann Simon Neil, die mir beweist, dass mir gerade etwas echt Authentisches durchs Ohr geht: „In diesem neuen Album steckt eine regelrechte Reise: all die Gedanken, Gefühle und Stimmungen, die wir in den letzten 18 Monaten hatten, kommen in diesen neuen Liedern zusammen.“

Fünfzehn C-Seiten

Jeder Song entpuppt sich für mich von Schleife zu Schleife eher mehr, als weniger zur Hymne und selbst die durch Synthesizer verstärkten Stücke breiten all ihre Magie über mir aus und legen unfassbar viel zukunftsweisendes, kämpferisches und temperamentgeschwängertes Erleben frei. Ich bin so aufgeregt, all das in naher Zukunft live zu hören.

Ein Album, das nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern schon lang vor Vollendung eine hatte: Eigentlich, so erzählt man es sich zumindest, liegt mir hier ein Geschwisteralbum vor. Fünfzehn ganze Songs (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) passten nicht auf das Vorgängeralbum „A Celebration Of Endings“ aus der präpandemischen Zeit des Jahres 2020. Das ist natürlich irgendwie eine Ankündigung, die ihre Schatten eher im Minusbereich wirft. Virus sei Dank und das muss man vermutlich an dieser Stelle auch genauso formulieren dürfen, wurde wenige Wochen später die Welt für einen viel zu langen Moment eingefroren und auch Biffy Clyro wurden mit diesem sehr bekannten Übermaß an Zeit konfrontiert. Es soll sich also als eine kluge Konsequenz herausstellen, die bestehenden Songs nicht einfach so auf Vinyl zu pressen, sondern ganz neu zu arrangieren.

Im freien Fall in Richtung Neuanfang

Mit einer neuen Realität und alten Fähigkeiten unter dem Arm machten sie also diesen berühmten Schritt zurück, der den Sprung, den freien Fall in Richtung Neuanfang bedeutet. In jeder zweiten Sekunde beschleicht mich der Impuls aus dem Sitzen in den festen Stand zwischen den Polstern meines Sofas zu springen, die Faust in die Luft zu reißen und aus tiefster Überzeugung „This is how we fuck it from the start“ zu schreien. Hier schließt sich der erste Kreis und der Opener „DumDum“ dreht zum 22. Mal mit seinem zynischen „Everything’s great. It’s all been a pleasure nothing has changed. Life couldn’t be better“ los.

Wer auf „The Myth of The Happily Ever After“ nun Anleihen von „Frightened Rabbit“ hört, ist ziemlich gut im biff’schen Raum-Zeit-Kontinuum orientiert: Aufgebrachter Rock gönnt sich im Song „Seperate Mission“ den Raum des Durchatmens und Sortierens, während „Existed“ hauchzart mit Elementen zwischen Kraftwerk und Soul jongliert. „Haru Urara“ wollte ich erst zum ergreifendsten Song des ganzen Albums küren, aber dann folgte der nächste und nächste und ich wusste nicht mehr, wo vorn und hinten ist. Obgleich allein die Verknüpfung zwischen Titel, Story und Sound unfassbar viel innehat. Vermutlich packt der achte Titel mich so eindrucksvoll, weil er mir innerhalb kürzester Zeit einen dieser eigenen Spiegel vorhielt und ich offensichtlich bereit genug war hineinzuschauen:

„…’Cause the people we love are the people we need!“

„Holy Water“ hält einen düsteren Überraschungseffekt bereit, der am Ende doch deutlich versöhnlicher ist, als sein Schein trügt und sich somit in die Balladen-Trilogie mit „Space“ und „A Celebration“ einreiht. Mon the Biff – ich bin schockverliebt und das passierte eigentlich schon direkt zu Beginn. Das authentische „A Hunger In Your Haunt“ lässt zwar keinen Zweifel daran, mit wem man es in den kommenden elf Songs zu zu tun haben wird, dafür aber an dem eigenen Sein und der Sinnfrage á la „the glass is not half full, it’s not half empty“. Weiter geht es mit dem wohl verbindendsten Song „Denier“ – die progressive Dessert-Rock-Hymne mit hervorragenden Echos auf den O’s und sanften Screamo Elementen am Ende, die die Zerrissenheit dieser Weltbevölkerung und des eigenen Selbst auf eine lichtdurchflutete Bühne stellt und höchst sensibel vereint.

Zwischen Verbund und Zerrissenheit

Und während „Unknown Male 01“, die 6-minütige Erstauskopplung kurzlebiger, als Punkrock im allerbesten Klischee erscheint, fährt sie die gesamte musikalische Bandbreite der Band auf: vom melodisch-poppigen, ruhigen Intro bis zum riffgeladenen und gebrüllt-lauten Höhepunkt – so schreibt es die Presseinfo und das kann imho genauso unterschrieben werden. Thematisch legt der Titel den Finger in die Wunde und setzt sich mit Depressionen und Suiziden auseinander. Und unter uns, es ist höchste Zeit, diese verdammten Tabus zu durchbrechen und offen zu sprechen: „Wenn du Menschen verlierst, die du sehr liebst und die ein wichtiger Teil deines Lebens waren, kann das dazu führen, dass du alles an deinem eigenen Leben infrage stellst. Wie viele kreative Menschen kämpfe auch ich mit dunklen Gedanken. Wenn man so veranlagt ist, merkt man, dass man in die Dunkelheit starrt, aber man will sich nicht unterkriegen lassen. Diese Momente hören nicht auf. Wie es im Song heißt: ›Der Teufel geht nie weg‘. Es gibt keinen Tag, an dem man aufwacht und denkt: ‚Ich fühle mich großartig, er wird mich nie wieder überkommen!'“

„Errors In The History Of God“ lässt spiegelt uns in Zeilen wie „There’s a mystery at large and the story should be beautiful: We’re errors in the history of God“ und auch das eingängige „Witch’s Cup“ gehören zu meinen absoluten Favoriten. Letzteres schließt bereits kurz vor Halbzeit augenzwinkernd den Kreis zum Albumtitel: „We are individuals looking for something meaningful. This world’s full of holes – The myth of the happily ever after!“

Biffy Clyro katapultieren ein Album in den sich neu formierenden Orbit, mit dem ganz sicher nicht gerechnet wurde. Ein Album, dass in all seiner Feinfülligkeit, Perfektion und Besonderheit umarmt und an die Hand nimmt. Ein Album voller Liebe, Reflektion und Selbstachtung, mit dem die Musiker einen Meilenstein der Moderne im Rockolymp verankern werden. Ich bin verliebt und auch 30 Durchläufe später unfassbar aufgeregt vor dem, was sich live über mir entladen wird! Mon the biff, wir reden hier definitiv über ein Album in den Top Ten des Jahres.

Video: Biffy Clyro – Witch’s Cup

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Biffy Clyro - The Myth Of The Happily Ever After AlbumcoverBiffy Clyro – The Myth Of The Happily Ever After
Release: 22. Oktober 2021
Label: Warner Music
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