Bruce Springsteen – Letter To You

Bruce Springsteen ist der Mann der großen Geschichten – der vertrauenswürdige Erzähler von mutigen Wahrheiten über das Blue-Collar-Amerika. Er ist der Wahre, an die ursprüngliche Kraft des Rock ’n‘ Roll Glaubende und weiß dies zu offenbaren.

„Letter To You“ ist das vielleicht persönlichste Statement, das Springsteen je mit einem Studioalbum in die Welt getragen hat und vielleicht sogar das beste Album, dass der 71-jährige Musiker in den letzten 40 Jahren veröffentlicht hat. Man bliebe nicht bei der Wahrheit, würde man behaupten, dass einem die Gänsehaut nur eine halbe handbreit Wasser unterm Kiel lassen würde, lässt man sich auf diese Liebeserklärung an den amerikanischen Rock, die eigene Band oder eben ein ganzes Leben ein.

„Es ist das Wie, die Art und Weise – es ist die unangefochtene Offenheit, die emotionale Authentizität und am Ende das Gefühl der Verletzbarkeit, zu welchem Bruce Springsteen uns einen Zugang schenkt. Er macht uns zu einem Teil seines Lebens und während man beginnt zu verstehen, öffnet der Boss sein Herz.“

The last man standing

In nur fünf Tagen entstand „Letter To You“. Nach vollen sechs Jahren, seit „High Hopes“, sogar erstmalig wieder gemeinsam mit den „Jungs“ aus der E Street. Springsteen, der eigentlich rund um die Uhr auf Tour war, unterbrach seine Studiopause bereits im letzten Jahr mit seinem Album „Western Stars“. Nun legt er nach und löst die raue, antizyklische Handbremse der Unendlichkeit.

But first things first: Es ist 1965. Ein junger Mann betritt mit seiner Gitarre und der Band The Castiles die Bühne eines kleinen New Yorker Clubs. Er hat sich gerade von seiner Schülerband „Rouges“ gelöst. Gespielt werden alte Rock Klassiker. Sein Boss ist der Frontmann Georg Theiss. Dieser ist gerade Anfang 20 und wird sich in naher Zukunft dafür entscheiden das Mikrofon – zumindest hauptberuflich – an den Nagel zu hängen, Tischler zu werden und Familie zu gründen. Für eine Weile verliert sich der Kontakt. Man kennt das – Prioritäten verändern sich. Während Springsteen über die Jahre den Rock ’n‘ Roll Olymp erklimmt, genügt es Theiss die Clubs und Bars seiner Heimat zu bespielen. So richtig aus den Augen verliert man sich aber nie – Freundschaft verbindet eben, Geschichte verbindet. 2018 wird Springsteen sich auf die Reise nach North Carolina machen, um seinen alten Gefährten auf dessen letzten Weg zu begleiten. Springsteen ist nun der Letzte der Castiles – The last man standing.

Romantische Relikte

Schon allein das ist eine dieser Geschichten, die gleichermaßen Lagerfeuer Auditorien, Kinosäle oder eben den Broadway füllen. Hier ist es die zentrale Geschichte eines Lebens; der Beginn der Auseinandersetzung mit sich selbst. Knüpft man bei den Schlüsselpunkten an, darf man hier die drei Songs „Janey Needs A Shooter”, „If I Was The Priest” und „Song For Orphans“, die bis dato tief in den 70ern vergraben waren und vor der Veröffentlichung des Debütalbums „Greetings From Asbury Park“ geschrieben wurden, auf gar keinen Fall aus den Augen lassen. Diese stehen dem Silberling nämlich richtig, richtig gut und ebnen eine Zeitreise, an die wohl keiner mehr geglaubt hätte.

In der ersten Auseinandersetzung möchte man fast „Frevel“ schreien, um kurze Zeit später festzustellen, dass es keinen besseren Veröffentlichungszeitpunkt für dieses Gespann hätte geben können. In fast romantischer Symbiose schenken nämlich genau diese Relikte „Letter To You“ den Springsteen-Charme, den man so gut leiden mag. Der Beweis, dass man auch nach so vielen Jahren im Business noch historisch wertvolle, aber vor allem beeindruckende Alben schreiben kann.

Dann bleibt die Zeit einfach stehen

Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass es keine Erwartungshaltung an ein politisches Statement vom Boss gegeben hätte – immerhin gibt der aktuelle Wahnsinn jeden Anlass, all sein Hab und Gut genau darauf zu verwetten. Während man also noch vom großen Coup träumt, landet Springsteen eben diesen mit Bravour, indem er es schafft, die Welt mit all ihrer Hektik und den hässlichsten Fratzen ihrer Gesellschaft für zumindest einen kurzen Atemzug voller schöner Wahrnehmungen anzuhalten.

So, wie es das Cover mit dem Konterfei des Musikers vorgibt, sind es die Gegensätze, die der magnetischen Wirkung nicht standhalten können: Der Krieg dem Frieden, der Winter einer tief verwurzelten Wärme oder eben das Leben dem Tod – alles bei sich selbst. Mit diesem Album beseelt Springsteen genau die Geister, die ihm dankbar, nun auch im besten Alter, eine persönliche Entfaltung schenken, die vermutlich keinen Funken weniger, als inneren Frieden bedeutet.

Da ist Magie im Spiel

„Wie ein Gebet“, gehen mir Springsteens Ausführungen durch den Kopf, „könne sich der Rock ’n‘ Roll entfalten“: Während ich die letzten Zeilen schreibe, startet diese immense Überhymne „House Of A Thousand Guitars“ mit ihren zarten Piano-Arrangements und etabliert sich schnell als weiteres zentrales Motiv. Mir fließen diese wunderschönen Schauer über den Körper, die einem die ganze Bandbreite inmitten purer Hoffnung und tief verwurzelter Zuversicht schenken. Ein Song, wie eine Umarmung in voller Ergriffenheit des Lebens; versöhnt, tröstend, zusammenführend und wahrscheinlich das Zarteste und Zerbrechlichste, was JEMALS in Noten geschrieben wurde. Wer nicht glauben möchte, dass ein Lied eine dramatische Sucht ebnen könne, sollte hier äußert gesammelt hören oder seinen „Glauben“ über Bord werfen, denn wenn der Himmel voller Gitarren hängt, dann ist Magie im Spiel!

We’ll go where the music never ends. From the stadiums to the small town bars. We’ll light up the house of a thousand guitarrs

Mehr Pathos geht nicht. Weniger darf nicht!

Springsteen ist angekommen. Der einsame Steppenwolf, der auf „Western Stars“ einen Exkurs in die Vergangenheit und das eigene Land machte, blickt nun in eine erwartungsvolle und furchtbar aufgeräumte Zukunft. Ein mögliches retardierendes Moment, dass ihn nicht nur vom Stadion zurück an die Jersey Shore von Ashbury Park bringt, sondern sich auch sich selbst „dylanesk“ vergleichen hört – Dinge, für die man nicht alt, aber charakterlich groß genug werden muss: „In my letter to you I took all my fears and doubts. All the hard things I found out. All that I’ve found true.“

Kein Song kann ohne eine ordentliche Portion Pathos und das wäre auch schlichtweg irritierend, wenn man bedenkt, dass wir uns hier seit geraumer Zeit mit dem eigentlichen großen amerikanischen Traum beschäftigen. Dieses Album braucht das Pathos, wie die Seele das Atmen und genau diesen Pakt geht „Letter To You“ – geschrieben auf der Gitarre eines Fans – ein. Es ist all die Leidenschaft, die tiefe Blicke ermöglicht, die sich befriedet und befreit. Mehr Pathos geht nicht. Weniger darf nicht!

Es ist das Wie, die Art und Weise – es ist die unangefochtene Offenheit, die emotionale Authentizität und am Ende das Gefühl der Verletzbarkeit, zu welchem Bruce Springsteen uns einen Zugang schenkt. Er macht uns zu einem Teil seines Lebens und während man beginnt zu verstehen, öffnet der Boss sein Herz.

Video: Bruce Springsteen – Letter To You

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Bruce Springsteen Letter To You Albumcover

Bruce Springsteen – Letter To You
Release: 23. Oktober 2020
Label: Sony Music

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