Iggy Pop – Free

Iggy Pop macht sich mit seinem 18. Album frei. Frei, wie es eben nur der Godfather of Punk machen kann ohne in irgendeinem und doch jedem Ansatz „Punk“ zu sein. Während ich wirklich jeden Hut vor dem Frontmann der legendären Stooges ziehe, treibt mich dieses Album nahezu in den Wahnsinn. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Ich habe „Free“ wirklich in jeder nur möglichen Situation gehört. Ich habe es in der Bahn, während der Arbeit, beim Duschen, beim Kochen, wer weiß, bei was sonst noch gehört. Ich habe mich auf dem Sofa und dem Fußboden gewunden und mich unter meiner Bettdecke versteckt, weil ich dachte, dass man vielleicht nur die richtige Hörposition braucht. Ich habe die Kritiken der Kollegen gelesen, bin mit meinem Laptop in der Hand Furchen in meinen Wohnzimmerboden gelaufen und habe mich gefragt, ob meine Zeit gekommen ist und ich den journalistischen Hut endgültig an den Nagel hängen sollte – offensichtlich höre ich ja was völlig anderes, als der Rest.

„Man muss „Free“ als Bewusstsein und menschlichen Wachstum bezeichnen, als die ehrlichsten 30 Minuten, die man sich im Chaos unserer Zeit nur eingestehen kann.“

Puh!

Eineinhalb Flaschen halbtrockenen Weißwein, eine leere Schachtel Zigaretten und den gefühlt 395. Durchlauf später, fällt mir auf dem nieselnassen Weg zum Kiosk ein, dass Revolutionen nie geradlinig verlaufen und ich mich vielleicht selbst mal frei machen sollte. Während ich anfange das Bedürfnis zu entwickeln, Euch erzählen zu wollen, warum es manchmal gar nicht so einfach ist, eine objektive Albumkritik zu schreiben und warum ich diese am liebsten ohne all die Selbstoffenbarung nach dem Satz „Puh!“ veröffentlicht hätte, mich selbiges aber nicht getraut habe, beginne ich zu verstehen, um was es hier eigentlich geht.

Ein neues Zeitalter

Mit dem Homm´schen Gemeinschaftswerk „Post Pop Depression“ landete der Musiker auf dem Gipfel seines Erfolges – das ist drei Jahre her. Damals machte sich kurz die Idee breit, dass es wohlmöglich sein letztes Album seien können. Nun erscheint „Free“ als 18. und somit volljähriges Pop Album. Verheißungsvoll ebnet bereits der gleichnamige Opener ein neues Zeitalter in der Geschichtsschreibung des US-amerikanischen Multitalents. Ein Wort, nur ein einziger Satz und es ist klar, dass Iggy Pop die Ketten der letzten 72 Jahre gesprengt hat. In so viel Lebenszeit sammelt sich natürlich auch ganz schön viel an. Stoff, den man dann -oft ganz unbewusst- auf den Schultern trägt. Während man diese leise Last also mit sich trägt, verliert man Dinge aus dem Auge, die einem eigentlich lieb und wichtig sind. Nimmt man diesen Zustand dann wahr, beginnt man im besten Fall zu hinterfragen, oder man erinnert sich, dass das schon einer tat. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Pop gen Ende Lou Reed seine Stimme für dessen großartiges Werk „We Are The People“ leiht. Ein Gedicht, das zeitloser und brandaktueller nicht sein könnte, steht im Fokus eines Bewusstseins, welches einen minimalistischen und gleichermaßen verdammt beeindruckenden Rahmen durch Trompete und Klavier bekommt und auch hier den Umbruch markieren wird.

„Zurück zu der Freude und Ehrfurcht vor dem Zuhören“

Über die Zeit nach dem großen Erfolgsalbum berichtet der Künstler, dass er sich auch ausgelaugt fühlte: „… so, als wollte ich eine Sonnenbrille aufsetzen, meinen Rücken drehen und weggehen. Ich wollte frei sein. Ich weiß, dass das eine Illusion ist und dass Freiheit nur etwas ist, das man fühlt, aber ich habe mein Leben bisher in dem Glauben gelebt, dass dieses Gefühl alles ist, was es wert ist, verfolgt zu werden, alles, was man braucht – nicht unbedingt Glück oder Liebe, sondern das Gefühl, frei zu sein.“ Diese Freiheit findet er, indem er beispielsweise einen Schritt zurück macht. Über seine Radioshow beim BBC trifft Pop auf die beiden Hauptakteure Leron Thomas und Noveller. Sie ebnen das Klangbild des Albums und Iggy erklärt, dass alles einfach passiert ist und passieren durfte. Denen läuft er während seiner Suche nach neuer radiotauglicher Musik über den Weg und er entscheidet, sich auf die Vergangenheit zu besinnen und sich „zurück zu der Freude und Ehrfurcht vor dem Zuhören“ führen zu lassen. Auf „Free“ lässt er die Beiden durch seine Stimme sprechen.

Ein unendlich heimisches Gefühl

Musikalisch ist es der krasse, emotionale, ab und an widerspenstige, aber vor allem experimentelle und hochmotivierte Gegenpol zu „Post Pop Depression“. Man könnte fast von einer Auferstehung á la Phönix reden. Düster und sphärisch, mit einer Menge Jazz Anleihen. Während „Free“ anfänglich nur eine „Spinnerei“ und Spielerei war, die mich, wie ihr ja mittlerweile wisst, an meine Grenzen brachte, benötigt dieses Album nicht die vermutete Hörposition, sondern Stimmung. Während ich vor geraumer Zeit noch davon überzeugt war, dass die Titel „Loves Missing“, „Sonalil“ und „Dirty Sanchez“ die Besten sind, die aus diesem kräftezehrenden „Kunstwerk“ zu holen sind, verändert sich in weniger als einer Sekunde alles. Plötzlich wächst ein irritierendes, aber unendlich heimisches Gefühl in mir, als könnte ich den Rest des Abends in einer warmen, Kerzenlicht durchfluteten, wohlriechenden Höhle verbringen. Ich fühle mich versöhnt. Es ist der Effekt, den der erste Schnee bringt, während man von einer Decke umhüllt in seinem Lieblingssessel sitzt und einfach mal wieder Zeit hat zu lesen oder seine liebsten Platten zu hören. Während ich also immer mehr verstehe, was mich vorher so angespannt hat, merke ich, dass ich mich gleichermaßen schon lange nicht mehr so in mir zuhause gefühlt habe. Iggy Pop heizt die Fragen zur eigenen Identität an. Vermutlich sind es die Fragen, die sich der ernsthaft und bewusst Hörende stellt.

Die Berufung mutig zu leben und zu kämpfen

Iggy Pop setzt kein weiteres Mal eine Maske auf. Er hinterfragt und markert an – er schwimmt sich frei. Man könnte „Free“ demzufolge als Abfolge bezeichnen, als Umbruch, als Herbst. Man muss „Free“ als Bewusstsein und menschlichen Wachstum bezeichnen, als die ehrlichsten 30 Minuten, die man sich im Chaos unserer Zeit nur eingestehen kann. „Do not go gentle into that good night“, die Villanelle des walisischen Schriftstellers Dylan Thomas bildet die Berufung mutig zu leben und zu kämpfen. Mahnend fleht Pop den Hörenden an, nicht nur sanft in diese gute Nacht zu gehen, sondern gegen sie zu wüten, für sich einzustehen und mit dem Leben zu brennen. Ein bisschen, wie auf dem Albumcover, dass den Künstler dabei zeigt, wie er aus dem Dunkel des Ozeans zurück zum Land geht. So warnt der Altmeister, der so viele gute Freunde und Wegbegleiter überlebte, auch im letzten Track „The Dawn“ vor der Kombination aus Stillstand und Dunkelheit, während der Takt im Hintergrund einem kräftigen Herzschlag gleicht. „Die Dunkelheit“, sagt er, „ist wie ein Gegner, der dir die düstersten Momente aufzeigt.“ – besonders dann, wenn Du glaubst, dass es Dir am besten gehe! „Einfach niederlegen heißt aufgeben“, fährt er fort und versöhnt sich durch das Bewusstsein, dass es gut ist, im Dunkeln zu lächeln.

Video: Iggy Pop – James Bond

Hier erhältlich

Iggy Pop - Free AlbumcoverIggy Pop – Free
Release: 06. September 2019
Label: Caroline

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