Im KreuzverHör: Broilers – Puro Amor

„Wir waren bereits aus der Zeit gefallen, als wir unsere ersten musikalischen Gehversuche machten und es war uns herzlich egal“, erinnert sich Sammy Amara, der Sänger, Gitarrist und Songwriter der Broilers über die Anfänge. Mit Puro Amor” veröffentlichen die Broilers aus Düsseldorf morgen ihr neues Album. Ein paar Schulfreunde aus den Vierteln am Stadtrand von Düsseldorf, eher Kinder als halbwüchsig, gründeten 1994 eine Band, die sich am ruppigen Sound einer Streetpunk-Varianteorientierte, der schon Anfang der 80er Jahre unter der Bezeichnung „Oi!“ auf der britischen Insel das Licht der Welt erblickte. Nun, nach vier langen Jahren Wartezeit, überraschen die Broilers mit „Puro Amor“, einem vielseitigen, kraftvollen Werk. Es ist ein Album über die Liebe und das Loslassen. Was sonst noch in den 46 Minuten der 14 Songs steckt, erfahrt Ihr in unserem KreuzverHör. Viel Spass!

“Und wenn Deutschland schläft – Wir sind wach!”

Archi: Hey Maria, endlich mal wieder ein Kreuzverhör mit uns beiden – das habe ich vermisst. Schön, dass die Broilers uns wieder zusammenführen.

Maria: Archi, seitdem wir „ein Team“ sind, warst du noch nie so weit weg, wie das letzte Jahr. Ich hab das auch vermisst.

Ein kleiner Freudentanz

Archi: Die Broilers verbinden uns ja schon so ein bisschen, manchmal aktiv, manchmal passiv – wir beide verbinden einige schöne Erinnerungen mit Ines und den Boys. Und immerhin hängt ein von dir geschossenes Broilers-Live-Foto in meinem Wohnzimmer.
Als das neue Album “Puro Amor” angekündigt wurde habe ich, ehrlich gesagt, einen kleinen Freudentanz gemacht, wie war es bei dir?

Maria: Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass wir ursprünglich mal durch die Düsseldorfer Ginsommelièr:innen verbunden wurden – in diesem Internet. Eine Geschichte, die ihre Parallelen im Opener “Nicht alles endet irgendwann”, aber auch im Verlauf des Albums findet. Ich bin aufgeregt.

Archi: Ist das so? Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Aber auch das passt zum ersten Song (was für ein Brett – Ich wollte auch schon immer mal ein Album mit Trommelwirbel, Feedback und einem Slide auf der Gitarre beginnen) – dort singt Sammy nämlich: “Eben sind mir doch erst die Milchzähne ausgefallen – jetzt bin ich alt.“, so fühle ich mich auch. Aber hey: “Puro Amor” – du und ich, wir alle.

Maria: Bei mir klingelt es da recht laut, aber eben auch verdammt nebulös (lacht). Dieses Rätsel werden wir vermutlich nie lösen. Macht aber auch nichts, jetzt sind wir ja hier. Aber hör mal, was ist denn im letzten Jahr passiert? Bin nicht ich eigentlich „immer“ die “Boomerin”? Übrigens liebe ich die Zeile “Und es ist längst Halbzeit, aber niemand geht in die Kabinen. Alle tanzen auf dem Platz, die Jugend von gestern ist schwer zu erziehen”. Klares Lebensmotto, das hab ich sofort tief reinromantisiert.

“’Puro Amor‘ ist für mich, wie die Liebe selbst, eine Achterbahnfahrt der Gefühle“

Archi: Ok, (ich, du, wir) Boomer. Ich glaube, ich habe einfach eine Art Wachrüttler gebraucht – jetzt geht’s wieder.

Maria: Haha, gerne doch!

Broilers ohne Pathos, das darf nicht

Archi: Stichwort Romantik (und in dem Fall Pathos), der Titel ist Programm: “Puro Amor” ist für mich, wie die Liebe selbst, eine Achterbahnfahrt der Gefühle – geht’s dir auch so?

Maria: Wir sind ja aktuell in den ersten Umdrehungen und ich bin gespannt, was ich in einem Monat über die Platte denke – treffen wir uns dann zu einem Jubiläums-KreuzverHör?

Archi: Jubiläums-KreuzverHör finde ich gut.

Maria: Beschlossen und verkündet! Gerade bin ich allerdings echt euphorisch, da “Puro Amor” einerseits meine große Liebe zum Reisen und anderen Kulturen entflammen lässt, ich so viele Geschichten über Zeiten, die ich wirklich tief im Herzen trage, erzählen könnte und mir andererseits aber auch klar wird, wie sehr ich versuche das Verlangen nach so richtig echten Konzerten zu unterdrücken. Broilers ohne Pathos, das darf für mich nicht, aber erzähl mal, welcher Song ist für Dich der erste Ausbrecher? “Porca Miseria” oder das Synthesizer verstärkte “Alter Geist”?

„Quel malheur!“

Archi: Definiere “Ausbrecher”. Beide erwähnten Songs brechen schon aus, da hast du Recht, aber einer davon positiv und war schon beim ersten Hören der Platte einer meiner Favoriten und der andere ist für meinen Geschmack eher speziell. Ich frage mich, ob ich mit dem in Zukunft warm werde. Beide haben aber ihre Berechtigung im Broilers-Kosmos, da besteht für mich keine Frage. Möchtest Du raten?

Maria: “Porca Miseria” ist für mich eine klassische Broilers-Hymne (der Moderne)! Melodisch stellt der Song meiner Meinung nach den ersten Bruch der Platte dar und schippert somit auch thematisch in neue Gewässer. Mit dem bist Du ganz bestimmt schnell warm gewesen.

Archi: Puh… Ich verstehe deine Zuneigung zu dem Song, aber es ist genau anders herum.

Mit einem Glas Wein auf einer Veranda in der Südsee

Maria: Quel malheur! Pech im Spiel…

Archi: …“Puro Amor”! (grinst) Das ist genau das, was die Broilers so spannend macht – sie sind wie eine Wundertüte, die für jede:n etwas bereit hält. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, sehe ich dich mit einem Glas Wein auf einer Veranda in der Südsee und im Hintergrund läuft der Song.

Maria: Weil ich das alles, aber besonders das Fluchen, so liebe!? Ich sehe mich da auch – täglich – und meistens läuft direkt im Anschluss “Da bricht das Herz”.

„Brennen die alle?“

Archi: Nicht nur das Fluchen, auch die bittersüße Kombination aus der Musik und dem doch extrem melancholischen und fast schon wütenden Text, passt zu dem Bild in meinem Kopf. Ich bin dann doch eher ein “Alter Geist”, der durch treibenden Synthesizer und funky Gitarren und Drums geweckt wird. “Was bleibt, wenn der Sommer geht? […] Was bleibt, wenn die verdammte Wolke über mir schwebt?” Und ja, nie ist das Herz schöner gebrochen, als mit diesem Song.

Maria: Ich kann dein Bild lesen und tatsächlich – das weißt Du ja – passiert da gerade (oder vielleicht schon immer) einiges bei und in mir. ”Wofür, wofür wurde jahrelang gekämpft, für die Aufklärung geblutet? Wir haben uns getrennt. Wofür, wofür, wofür das alles, damit die Scheiße brennt?”, ist dabei ein Auszug, der mir sozusagen aus der Seele schreit. Was ist verdammt nochmal los mit dieser Welt und Ihren Menschen? Brennen die alle?

Millionen Worte, die so unfassbar wütend sind

Archi: Das ist ein perfektes Sinnbild unserer Zeit – es werden Grenzen gezogen, die wir eigentlich längst für überwunden hielten, im metaphorischen, wie auch tatsächlichen Sinne. In Momenten, an denen wir doch eigentlich zusammenwachsen und füreinander einstehen sollten.

Maria: Dafür habe ich Millionen Worte in mir, die so unfassbar wütend sind, dass sie keinen klaren Satz bilden können. Allein, dass diese Szene aktuell an ihrem anteilig hinterwäldlerischen Sexismusproblem zu zerbrechen droht, ist für diese priveligierte Welt genauso armselig, wie das Bewusstsein, dass auf dem Mittelmeer Menschen angezündet werden oder wir einen Sieg der Gerechtigkeit bejubeln, der doch eigentlich nur die Durchsetzung der logischen Konzequenz in Form von Verantwortungsübernahme für einen Mord ist.

Archi: Dem habe ich nichts hinzuzufügen, aber lass uns den Bogen zurück zu den Broilers spannen, einer Band, die schon seit den frühen 90ern ganz selbstverständlich eine Frau am Bass und einen Sänger mit irakischen Wurzeln hat. Allein dadurch stehen die Düsseldorfer:innen schon per se gegen Sexismus, Rassismus und all’ die anderen abscheulichen -ismen, die gerade wieder aus ihrem Sumpf kriechen, in dem sie eigentlich ein für alle Male ersticken sollten.

„Unter der „Schutzheiligen“ der Liebe, ist natürlich auch unser geliebter Hooligan Paul deeply lost in love!“

Maria: Fühl Dich bitte sehr aus der Ferne gedrückt. Es ist gleichermaßen wichtig, dass wir bei all den Absurditäten nicht übersehen, dass sehr viele Privatpersonen da draußen aktuell in all den genannten Bereichen eine richtig gute Arbeit leisten und wie die Verrückten Pflaster gegen Diskriminierungen, Ungerechtigkeiten aber auch ein politisches Versagen kleben. Aber du hast Recht, zurück zur Musik!

Archi: Sind dir eigentlich auch die musikalischen und lyrischen Querverweise zu anderen Broilers-Platte so aufgefallen, wie mir? Die Gitarre von “Laster und Sünde” vom Album “Verlierer sehen anders aus” die sich durch “Nach Hause kommen / Zurück zu mir” zieht oder die Zeile “Ich bin schon wieder zurück in schwarz” (“Alter Geist”), die ganz klar die Brücke zum gleichnamigen Song auf der “Noir” schlägt.

Maria: Absolut, denn auf einem Broilers Album, zwischen gestern, heute und morgen unter der “Schutzheiligen” der Liebe, ist natürlich auch unser geliebter Hooligan Paul deeply lost in love! Schenk mir eine Blume oder 100 Rosen, denn auch in der “Diktatur der Lerchen, weiß nur die Nacht, wie es mir geht (Santa Muerte): Die logische Konsequenz also, wenn man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Ganz schön fand ich dazu übrigens einen Satz aus der Presseinfo: “Auch wenn sie heute eine etablierte Größe sind, ist ihr Weg an die Spitze eine Geschichte, die als Drehbuch verfasst keine Chance auf Verfilmung gehabt hätte: Zu unwahrscheinlich erscheinen die Komponenten, aus denen die Story zusammengesetzt wurde, die schließlich zum bis heute andauernden Happy End führten.”

Eine gute Anleitung für eine schnelle Flucht aus der Realität

Archi: Stimmt, da musste ich auch schmunzeln. Als Menschen, die die Broilers schon ein halbes Leben verfolgen, haben wir schon einiges gesehen und miterlebt, was doch prägt und an die Band bindet. Da kommt so ein, fast schon alles-umspannendes Album echt gelegen.

„Beschwippsten Ska liebst Du ja so!“

Maria: Da hast du Recht! Ich merke auch, dass ich immer nostalgischer werde. Ich glaube jeder Mensch, der eine Verbindung zu den Broilers hat, kommt da in ein total spannendes Erleben. Jeder für sich, mit eigenen Erinnerungen, die am Ende doch zu einem großen Ganzen verwachsen. Sollte das tatsächlich mal nicht funktionieren, gibt “Trink mich Doch Schön” eine gute Anleitung für eine schnelle Flucht aus der Realität. Beschwippsten Ska liebst Du ja so!

Archi: Brr… Off-Beats und Suff, Du weißt, wie Du den Finger in die Wunde legst! Aber: Mit der Nostalgie bist Du nicht allein – auch Sammy wirft in seinen Texten gerne einen Blick zurück, ohne dabei in einen “Früher war alles besser”-Strudel zu geraten. Nehmen wir nur den Song “Dachbodenepisoden”, in dem er sich metaphorisch durch alte Kisten wühlt und guten wie schlechten Erinnerungen nachhängt – manchmal beabsichtigt, oft unbeabsichtigt.

Maria: Auch ein schönes Bild für etwas, das Ich und vermutlich auch viele andere aktuell einfach total oft und gern nutzen, um sich an all das zu erinnern, was wir so sehr vermissen. Liebe und Schmerz gehört einfach zusammen – das eine würde nie ohne das andere funktionieren. Total beruhigend eigentlich, dass wir uns im Anschluss mit dem Titel “Alles Wird Wieder Ok!” sehr befriedet auf den Weg in ein – was denkst Du?- offenes Ende machen?

Eine Bühne für kleinere Unternehmen, Clubs und Selbstständige

Archi: Ja, ein offenes Ende – eine Tafel, die wir selbst bemalen können – vielleicht auch sowas, wie ein frischer Start nach einem tiefen Cut. Für “Alles wird wieder Ok!” haben die Broilers ja eine wunderbare Video-Idee an den Start gebracht – sie schaffen eine Bühne für kleinere Unternehmen, Clubs und Selbstständige, die von der Pandemie betroffen waren und sind.

Maria Der Schlüsselsong der Platte, aber auch genau das, was der Geist dieser unbeständigen Zeit gerade so nötig hat, um weiter durchzuhalten. Großartig so ein starkes und verbindendes Element zu schaffen.

Archi: Musik war und ist ja schon immer genau dieses Element, auch das zieht sich durch die Bandgeschichte. Aber mal Butter bei die Fische, wie wir Norddeutschen sagen: Lieblingssong und Song mit dem du nach den ersten Runden am wenigsten warm geworden bist? Wir brauchen ja Material, wenn wir später mit Abstand noch einmal über “Puro Amor” reden wollen.

Maria: Schwere Frage. Was denkst Du sind meine Tops und Flops?

„Die Broilers spielen auf “Puro Amor” mit unseren Gefühlen.“

Archi: Ich glaube, du kannst dich für Songs wie “Nach Hause kommen/Zurück zu mir” und das angesprochene “Alles wird wieder Ok!” begeistern – ein großes Fragezeichen habe ich bei “Alice und Sarah” – sowohl bei dir, als auch bei mir selbst. Nun rück schon raus mit der Sprache!

„Was war“, „Was ist“ und „Was wird kommen“

Maria: Allen voran liegst Du ziemlich richtig, aber Ich muss ausholen – ein bisschen zumindest: Du weißt ja, was die letzten Jahre bei mir los war. Demzufolge ist mir dieser Perspektivwechsel zwischen “was war”, “was ist” und “was wird kommen”, aber vor allem auch “zu welchem Preis”, alles andere als fremd. Fast jeder Song bewegt etwas in mir. “An allen anderen Tagen nicht (Lebe, Du stirbst!)” und “Nach Hause kommen/Zurück zu mir” bewegen mich nachhaltig sehr. Ich hab mir versucht vorzustellen, wie ersterer auf eine Melodie, wie es sie bei “Dachbodengeschichten” gibt, funktionieren würde. Der dockt in meiner Welt thematisch natürlich dirket an und so erkenne immer ich immer wieder Verbindungen und Kreise, die sich schließen. Kein Song geht gar nicht.

Archi: Man kann wirklich sagen, die Broilers spielen auf “Puro Amor” mit unseren Gefühlen.

Maria: Vermutlich allem voran auch mit den eigenen. Aber Fun Fact: Ich liebe den Song “Alice und Sarah” – Ich habe vielleicht lange kein charmanteres “voll auf die Fresse” gehört: “Hol Deine Frau ab, Sarah! Sie redet wieder Nazidreck.”

Archi: Über die angemarkerte Alice könnte ich mich stundenlang auslassen, da schmunzel ich an dieser Stelle lieber still-nickend in mich hinein.

„‚Diktatur der Lerchen‘ ist ein Lied ist, von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es brauche.“

Maria: Bestimmt wegen der karibischen Klänge? 😀

Archi: Über die sehe ich an dieser Stelle gekonnt hinweg und erfreue mich einfach an einem wahren Meisterwerk eines musikalischen Mittelfingers.

Who the F*ck is Alice!?

Maria: Erinnerst Du Dich an das Glas Wein auf einer Veranda in der Südsee? Dort werde ich diesen Song so laut ich kann in die Welt singen und mich über die Weite meines, unseres Horizontes freuen! Who the F*ck is Alice!? Aber sag mal, bei welchen Songs ankerst Du?

Archi: Bei mir sind es eher die weniger emotionalen Songs, die mich berühren und an mir hängen bleiben: Zum Beispiel das angesprochene, doch recht düstere “Alter Geist” und “Diktatur der Lerchen”, welches ein Lied ist, von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es brauche. Dazu kommt nach den ersten Runden das starke “Niemand wird zurückgelassen”, was noch einmal eindrucksvoll die Wurzeln der Band unterstreicht und klarmacht, auf welcher Seite sie stehen.

Maria: Alles daran ist einfach total rund. “Puro Amor” erlaubt jedem und jeder Hörenden eine ganz eigene Idee, Erinnerung und in die Zukunft schauenden Optimismus. “Diktatur der Lerchen” ist dabei mein absoluter Lieblingssong und ich bin ganz bei Dir. Alles an dem Song gibt Hoffnung und Kraft oder wie Kurt Tucholsky sagte: “Und wenn Deutschland schläft – Wir sind wach!”

Archi: Und vereint – im Wachliegen, im Song, in den Broilers. Amor(e)!

Video: Broilers – Gib das Schiff nicht auf!

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Broilers – Puro Amor
Release: 23. April 2021
Label: Warner Music
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