Was bleibt, wenn das Besondere zur Normalität wird?

Foto: Maria Graul

Weit vor der ersten Tasse Kaffee, im Trubel der morgendlichen Rushhour, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sprang mir die Headline „Going to gigs can help you live longer, new study claims“ ins Augen.“So ist das also!? Das haben O2 und Patrick Fagan, Verhaltensforscher und Dozent an der Goldsmith University herausgefunden. Respekt!“ Ganz ehrlich, um das herleiten zu können bedarf es wenig Wissenschaft. Fakt ist doch tatsächlich: Wenn wir etwas tun, was uns Freude macht, ist es sehr wahrscheinlich förderlich für unsere Gesundheit.

O2 gibt Studie an Goldsmith University in Auftrag

Das erste Glied in der Kette der englischen Studie ist der Mobilfunkanbieter O2. Mit scharfer Zunge bestünde nun die Möglichkeit zu behaupten, dass man sich als Namensgeber der größten Musikarena Londons die Frage gestellt habe, wie man den Ticketverkauf effizienter antreiben könne. Fairerweise zählt der Auftraggeber am Ende seines Berichtes zur Studie auf, dass er weitere 19 Veranstaltungsorte in ganz England betreibe, bis zur Veröffentlichung rund 25 Millionen Besucher hatte und Tickets für über 5000 Shows in 350 Venues verkaufte. „Chapeau“ denke ich und stelle fest, dass ich nicht einschätzen kann, ob das nun realistisch viel ist oder nur so klingt.

Mit benannter Zielformulierung im Kopf, einer guten Marketingabteilung mit Ahnung von aktuellen Trends (Steigerung des individuellen Wohlbefindens) und ein paar hellen Geistern im Hintergrund entstanden eventuell so Ideen zu Fragen nach Gesundheit, Vorlieben oder Gewinnoptimierung. Der Fokus der Studie liegt allerdings allein auf Konzertbesuchen.

Konzertbesuch vs. Yoga und Gassigehen

Das nächste Schmunzeln huschte mir bei den Vergleichsaktivitäten Yoga und Gassigehen übers Gesicht. „Clever!“, dachte ich, „Schnappen wir uns doch mal den ‚besten tierischen Freund‘ des Menschen und die mittlerweile sehr (auch in diversen Lifestyleblogs) etablierte Trendsportart Yoga und beweisen, wie viel heftiger die Wirkung eines Konzertbesuches ist.“ Die Studie belegt nämlich, dass sich das Wohlbefinden durch einen Konzertbesuch nach rund 20 Minuten um ganze 21 % steigert. Verglichen dazu durch Yoga nur um 10 % und das Gassigehen mit dem Hund schneidet dann mit nur 7 % echt spärlich ab. So der erste Blick. Schauen wir genauer hin.

Jeder der einen Hund hat weiß, dass das Gassigehen zu den elementaren Aufgaben gehört. Wir wollen nicht, dass die arme Seele leidet oder uns gar in die Wohnung macht und außerdem brauchen Hunde Bewegung. So, wie wir auch. Somit ist das Gassigehen sehr schnell eine feste Aktivität des Alltags und das nicht nur einmal in der Woche oder vierzehntägig, nein, mindestens dreimal am Tag geht es vor die Tür – bei Wind und Wetter, Gesundheit und Krankheit. Immerhin haben wir dem Tier gegenüber eine Verantwortung. Bleiben wir darüber hinaus beim Thema Regelmäßigkeit versus Automatismus plus Dazugehörigkeitserleben, kommt man auch beim Yoga auf eine ähnliche Schlussfolgerung.

Der Schlüssel zum langen Leben ist laut Fagan genau diese Regelmäßigkeit: Vierzehntägige Konzertbesuche können laut Studie die Lebenserwartung um neun Jahre erhöhen. Dabei steigert sich das Wohlbefinden um signifikante 21 % in gerade einmal 20 Minuten. „Verdammt“, denke ich und überschlage kurz die Konzertbesuche der letzten 30 Jahre: „Ich muss mindestens 200 werden“ – kein Geschenk!

Ein Konzert ist eine bewusste Auszeit ohne besonderes Stresserleben

Die Ergebnisse wurden laut O2 anhand psychologischer Fragebögen und regelmäßigen Pulskontrollen erhoben. Die Originalstudie ist bis dato nicht zu finden. Insbesondere das Glückserleben, Selbstwertgefühl und Zugehörigkeitserleben steigere sich merklich. Für mich stellt sich der Konzertbesuch für den „Durchschnittsmensch“ als eine Besonderheit dar. Es ist also kein Wunder, dass benannte Empfindungen mehr in den Fokus rutschen und die Vitalfunktion anschlägt. Ein Konzert ist ja auch immer eine bewusste Auszeit ohne besonderes Stresserleben – in der Regel.

Wir suchen uns Konzerte nach unseren Vorlieben aus. Im seltensten Fall besuchen wir Shows, die wir nicht ansprechend finden. Zu Art und Genre der von den Probanden besuchten Konzerte werden keine Aussagen getroffen. Vermutlich ist das auch nicht relevant. Selten hört man Aussagen eines Konzertbesuchers wie „Boar, mich stresst es total mir heute ein Konzert meines Lieblingsmusikers anzusehen“ Der durchschnittliche Konzertgänger freut sich Tage vor und nach der Show auf und über geplantes Event, hat aber, sollte er beispielsweise eine Show nicht mitnehmen können, keine manifeste Verantwortung zu tragen – wie eben der Hundebesitzer.

Was bleibt, wenn das Besondere zur Normalität wird?

Somit bleibt einerseits zu hinterfragen, ob ein regelmäßiger vierzehntägiger Konzertbesuch über einen Zeitraum von beispielsweise einem oder zwei Jahren für den Normalkonsumenten überhaupt realistisch ist (bspw. finanziell) und wie sich andererseits das erhobene Ergebnis über bestimmte Zeitspannen verändern würde, sobald das Besondere zur Normalität wird. Andererseits stellt sich mir die Frage, ob die ersten 20 Minuten das gleiche Ergebnis erzielen, wie die Letzten und ob das Genre bzw. die Art des Konzertes tatsächlich doch einen Unterschied mit sich bringt.

Abschließend kann ich mit einem Schmunzeln und gutgemeinten Augenzwinkern für mich verbuchen, dass möglicherweise endlich (aber auch nicht erstmalig) das belegt wurde, was wir schon immer wussten: Konzertbesucher und Musikverliebte sind glücklichere Menschen und leben länger.

Bei Maria reichen sich Punk und Politik nicht einfach nur die Hand, sie liegen sich quasi eng umschlungen im Arm und trinken Schnäpschen auf die alten Zeiten. Wenn sie nicht gerade davon träumt durch die Welt zu reisen oder ihrem Ärger auf Demos Luft macht, testet sie die neuesten Eiskreationen der Stadt, träumt vom Ruhrpott Rodeo oder sortiert ihre Platten zwischen der Terrorgruppe, Wizo, Propagandhi und No Use For A Name.

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