Nathan Gray – Rebel Songs

Da ist sie wieder, eine der markantesten Stimmen in Hardcore und Punk: Nathan Gray auf Album Nummer zweieinhalb seiner neusten Inkarnation. Der Mann ist schon lange im Geschäft und hat sich so ziemlich überall ausprobiert: Zuvorderst natürlich als Frontmann von Boysetsfire, einer der einflussreichsten Hardcore-Bands der frühen Jahrtausendwende, dann mit seinem Pop-Punk-Projekt The Casting Out, gefolgt von bitterbösem und blasphemischen Metalcore mit I Am Heresy. Letztere führte zu einer Phase ausgesprochener Religionskritik und Liebäugelei mit Satanismus und allerlei Okkultem, während der er kontroverse Aussagen traf, die ihm auch szeneintern einiges an Kritik einbrachten. Sein musikalischer Output als NTHN GRY war dementsprechend düster, elektronisch und sperrig.

Nathan Gray nimmt nach wie vor kein Blatt vor den Mund und legt immer noch mit direkten Worten den Finger in die Wunden des Systems und der Spalter, ist aber im Gegensatz zu früher nicht mehr destruktiv, sondern progressiv und beschwört den Zusammenhalt und das Positive.Daniel

Punk, der zwischen Folk, Indie und Heartland-Rock changiert

Mit „Feral Hymns“ folgte dann ein erstes Album unter seinem vollen Namen, das aber zum Großteil aus recycletem Material bestand. Erst mit „Working Title“ aus 2019 scheint sich Grey gefunden zu haben: Optimistisch, selbstreflektiert und mit einigen der stärksten Songs seiner Karriere pendelte das Album zwischen schwungvollem Power-Pop und intimen Momenten.

„Rebel Songs“ schließt ziemlich nahtlos an den Vorgänger an, zeigt sich aber nochmal breiter beeinflusst: Der Fokus liegt auf Punk, der zwischen Folk, Indie und Heartland-Rock changiert und sich auffällig häufig vor The Clash verbeugt.

Wie in „Radio Silence“, wütend vorgetragen, stimmungsvoll und mit durchgängiger Orgel dicht an den Londoner Legenden, ebenso der melodische Rocker „Lost“. Sehr gelungen ist auch die Kollaboration mit der Münchenerin Elena Rud: „Grace“ ist dank dichter Atmosphäre mitsamt Elektronikspielerein und ausgefallener Gesangsmelodie Grays ein kleines Highlight. Dagegen fallen die folk-punkigen Stücke leider etwas ab: Mit oft uninspirierten Melodien stampfen „The Reckoning“ oder „No Pasaran“ trotz wichtiger Texte durch die Gehörgänge, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Thematisch weit weg von belanglos

Die stärksten Momente hält „Rebel Songs“ immer dann parat, wenn das Pendel in Richtung melodischem Indie-Punk ausschlägt. Das schmissige „Fired Up“ erinnert an The Casting Out, während der Titeltrack mit schöner Leadgitarre und starkem Refrain überzeugt und als Kirsche noch einen Gastbeitrag von Tim McIlrath (Rise Against) auf die Torte spendiert bekommt. Den stärksten Song stellt aber „Don’t Wait Up“: Mitreißend, emotional und mit mehreren Reminiszenzen an alte Boysetsfire mit angenehm nostalgischer Note, dabei thematisch weit weg von belanglos.

Überhaupt nimmt Nathan Gray nach wie vor kein Blatt vor den Mund und legt immer noch mit direkten Worten den Finger in die Wunden des Systems und der Spalter, ist aber im Gegensatz zu früher nicht mehr destruktiv, sondern progressiv und beschwört den Zusammenhalt und das Positive. Wer ihm in den sozialen Medien folgt, weiß, wie ernst es damit meint und mit welcher Konsequenz er seine Überzeugungen vertritt. Dadurch wird „Rebel Songs“ nicht zum stärksten Output seiner Karriere, zeigt aber einen Nathan Gray, der sich endlich gefunden zu haben scheint.

Stream: Nathan Gray – Don’t Wait Up

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