Rise Against, The Used & Senses Fail live in Vancouver, BC

    Rise Against
    Foto: Brandynn LP / @brandynnleigh

    Keine Sorge: Wer aus Versehen mit dem Privatflugzeug zum heutigen Tourstop von Rise Against angereist ist, sollte keine Parkplatzprobleme haben, denn das Vancouver Forum auf dem Gelände des Vergnügungsparks „PNE“ ist riiiiiieeesig. Alleine im ungenutzten Vorraum könnten noch drei Sattelschlepper parken – zusätzlich zu den Trucks, die das Unterhaltungsprogramm der Band um Tim McIlrath, sowie den Supportacts The Used und Senses Fail aktuell durch Nordamerika kutschieren. Wer hingegen schlau (oder vernünftig) ist, wählt Fahrrad oder Oeffis und spart die unverschämten 25 Dollar Parkgebühren. Autsch.

    Sterben mit Stil

    Draußen zeigt sich das Freibadwetter noch von seiner besten Seite, als Punkt 19:00 Uhr Leben und Bewegung in die Bude kommt, die mitsamt Dixiklo-Meile und komplettem Snackbistro eher wie ein ganzer Stadtteil wirkt. Das simple Backdrop mit dem niedlichen Skelett, welches seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten das Logo von Senses Fail mimt, weht seicht im Wind der Bühnenventilatoren, als Buddy Nielsen und Co. ab Sekunde Eins den Spirit einer ganzen Generation (wieder-)beleben. Die Band aus New Jersey, die aktuell bloß aus Gitarren, Schlagzeug und Gesang besteht, hatte vor einer Woche ihr neues Konzeptalbum „Hell Is In Your Head“ veröffentlicht, welches sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema Tod beschäftigt. Zum Auftakt aber feuern „Rum Is For Drinking, Not For Burning“ und „Calling All Cars“ aus allen Rohren.

    Das eher karge Bühnenbild und die (noch) nicht vorhandene Lichtshow überholen Senses Fail mit Blinker links. Lieber nutzt der Vierer jede ihrer dreißig Spielminuten, um mit einem Querschnitt aus 18 Jahren Bandgeschichte zu beweisen, dass sie alleine dank Songs wie dem neuen „Death By Water“, „Buried A Lie“ oder „Lady In A Blue Dress“ den Babysitter für den heutigen Abend wert sind. Jenen dürften sich heute so einige der Besucher:innen geleistet haben, wie ein Blick auf den Altersdurchschnitt des Publikums verrät. Vancouver wollten Senses Fail auf keinen Fall verpassen, nachdem der Tourbus verreckt war, erklärt Nielsen. Also sei man kurzerhand ins Flugzeug gesprungen. Das Forum zeigt sich trotz der frühen Spielzeit dankbar, tanzfreudig und textsicher. „Dieser Osiris Schuh-Trend mit den überdicken Laschen hat in BC extralange überlebt, oder? Unser letzter Song stammt aus genau dieser Aera“ scherzt Nielsen, bevor „Can’t Be Saved“ ebenso glorreich wie elegant das Set besiegelt.

    Rise Against
    Foto: Brandynn LP / @brandynnleigh

    Savour Every Moment Of This

    Weiter rollt der Zug aus den frühen, alternativen 2000er Jahren: Sind auch The Used im zwanzigsten Jahr nach Release ihres Debuts noch relevant? Viel Nebel, flackerne rote LED’s und dramatisches Kraechz-Intro kündigen den weiteren Verlauf der „Emo Night Live“ an. Bert McCracken sieht optisch beinahe gesünder aus, als je zuvor. Bassist Jeph Howard hingegen versteckt sein Gesicht unter einem riesigen roten Safarihut und lässt dafür Kreischestimme und Tanzmoves sprechen. Mit „Maybe Memories“ stellen The Used direkt klar, dass sie sich nicht mit 95% zufrieden geben. Der Sound brettert, dazu gibt es kinoreife Lichteffekte und ein puckerndes Potpourri aus Hits. Kaum ein Song aus dem Post-„Lies For the Liar“-Katalog schafft es auf die Setlist, die um „Take It Away“, „The Taste Of Ink“ oder „The Bird And The Worm“ natürlich nicht herumkommt.

    Inklusivität vor allem anderen, jede anwesende Person soll voll und ganz sie selbst sein – und am Besten mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach Hause gehen.Patrick

    The Used spielen tight und konzentriert und mit dem Elan einer Schülerband. Die hämischen bis sarkastisch größenwahnsinnigen Ansagen McCracken’s kann man deuten wie man mag, den Applaus und das aufgeregte Kreischen seiner „hardcore The Used fans“ hat er stets auf seiner Seite. Nachdem er eine Progress Pride Flagge aus dem Publikum zieht und kurzerhand an den Bassdrum hisst, erklärt der schmale Sänger die Regeln des Abends: Inklusivitaet vor allem anderen, jede anwesende Person soll voll und ganz sie selbst sein – und am Besten mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach Hause gehen. Im Anschluss liefern „Pretty Handsome Awkward“ oder „I Caught Fire“ Nachschub an Tanzmaterial und Jugenderinnerungen. Das breite Grinsen aber findet über die volle Stunde Spielzeit vor allem auch in McCracken’s Gesicht ein stetiges Zuhause. „We never fucking broke up or disappeared. Ever„, stachelt er frech herum. „Wir bringen außerdem bald ein neues Album heraus!

    Ein Vorgeschmack darauf bleibt zwar aus, aber letztlich ist heute auch niemand fürs Abbiegen oder Ausprobieren hier. Im Finale wartet „A Box Full Of Sharp Objects“ in „Smells Like Teen Spirit“-Remixform, eine Huldigung auf den „greatest fucking song ever written“ so McCracken. „Was immer Rise Against euch gleich erzählen, hört ihnen gut zu. Sie sind nicht nur verdammt sexy, sondern auch unfassbar schlau„. Der Absprung vom poppigen Posthardcore hinein in den Pit aus politischem Punk –  gewagt, aber keinesfalls unmöglich.

    Rise Against
    Foto: Brandynn LP / @brandynnleigh

    Eine andere Art der Revolution

    Zu Vancouver haben Rise Against einen besonderen Bezug: „Wir sind damals den ganzen Weg nach Vancouver geflogen, nur um dann vom Flughafen auf ein Boot verfrachtet zu werden und nochmal eine Stunde weiter ins Nirgendwo zu fahren?!“, erinnert sich Sänger Tim McIlrath an die Entstehungsgeschichte von „Siren Songs Of The Counter Culture“. Wie seit den Anfangstagen ihrer Karriere lassen Rise Against lieber Inhalte sprechen, anstatt mit spektakulären Showmomenten von diesen abzulenken. „Prayer Of The Refugee“ und „The Violence“ eröffnen das Set und verbinden eben diese Inhalte mit verschwitzter Feierlaune.

    Rise Against sind messerscharf eingespielt und routiniert und wissen genau welche Fäden sie wann zu ziehen haben. Zwischen Punkrockbrocken wie „Satellite“ und „Give It All“ stecken die Chicagoer Shoutouts and die jahrelangen Wegbegleiter Senses Fail und den Kollegen Limo aus dem Fat Wreck Chords Tourzirkus, der mittlerweile im Umland seinen „Ruhestand“ als Barber genießt. „Re-Education (Through Labor)“ oder „Help Is On The Way“ kratzen den Bombast aus allen Ecken des kühlen Hangers und lassen auch die letzten Reihen Teil haben an der eher spartanischen Bühnenshow, die bis auf einige Banner-Wechsel nur – beziehungsweise um so mehr – von der bloßen Präsenz von McIlrath, Drummer Brandon Barnes, Basser Joe Principe und Gitarrist und Energieballen Zach Blair lebt. Natürlich gibt es die verdiente Verschnaufpause in Form eines Akustik-Blocks, und natürlich rufen Rise Against mehr als einmal zum Handeln und Hinterfragen außerhalb der Halle auf.

    „Wir singen Songs über Freundschaft, über Identität und über Familie. Und über Revolution, Vancouver – ein Begriff der viel herumgeworfen wird dieser Tage. Aber wir sind nicht hier um zu predigen was dieser Begriff bedeutet – sondern viel mehr um deutlich zu machen, was er NICHT bedeutet. Rassismus, Nationalismus, Homophobia oder Sexismus sind ganz sicher NICHT Teil irgendeiner Revolution“ Punkrock und Stadion können auf gewisser Ebene verschmelzen, soviel machen Rise Against heute Abend erneut und auf mitreißende Art und Weise deutlich. Nicht jede:r Besucher:in wird sich auf die gesamte Zusammenstellung des Line Ups einlassen können, aber die Spielfreude und das Momentum, welche heute Abend auf knapp siebzig (!!) Jahre gesammelte Bühnenerfahrung treffen lassen kaum Fragen offen.

    Rise Against
    Foto: Brandynn LP / @brandynnleigh
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