Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

Thees Uhlmann hat “Fünf Jahre nicht gesungen” und seine Abwesenheit hat geschmerzt. In der Zwischenzeit hat der ehemalige Sänger der Band Tomte den wunderbaren Roman “Sophia, der Tod und ich” geschrieben, war auf Lesetour und hat außerdem noch ein weiteres Buch geschrieben, welches “Thees Uhlmann über Die Toten Hosen” heißen wird und später im Jahr erscheint. Also weg war er nicht, der Thees, nur gesungen hat er nicht für uns.

„Die Texte von Thees Uhlmann erschaffen ein Gefühl, verbreiten eine Stimmung und wecken Emotionen. Wenn dann noch die Musik dazu kommt, merkt man, mit was für einem einzigartigen Künstler man es hier zu tun hat“

Reine Poesie

Nun kommen mit “Junkies und Scientologen” zwölf neue Songs die weiteren Singles “Avicii” oder auch “Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hiphop-Videodrehs nach Hause fährt” (Thees Uhlmanns Liebe zu außergewöhnlichen Titeln hat sich ja schon beim “Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf” gezeigt).

Doch nicht nur die Titel sind reine Poesie, auch in den Songtexten verstecken sich Perlen, die man sich gut als Tattoos, bessere Kalendersprüche oder zumindest an Wände gesprüht vorstellen kann: “Elektronische Musik kann man sich so selten schöntrinken” (im Song “Avicii”) oder auch “Und wenn du nicht mehr weiterweißt, frag Stephen King” (“Danke für die Angst”).

Nichts davon fühlt sich falsch an

Thees Uhlmanns Texte funktionieren auch ohne das Zusammenspiel mit der Musik. Sie können fast als eigenständige Lyrik betrachtet werden. Sie erschaffen ein Gefühl, verbreiten eine Stimmung und wecken Emotionen. Wenn dann noch die Musik dazu kommt, merkt man, mit was für einem einzigartigen Künstler man es hier zu tun hat.
Bestes Beispiel ist der Song “Was wird aus Hannover”. Dieser lässt einen wirklich fühlen, als würde man einen Abstecher in die niedersächsische Hauptstadt machen – Einwohnerinnen und Einwohner von Hannover schreien nun sicher auf – doch wenn Textzeilen wie “Wir waren wie Hannover, wie Chaostage unbeliebt” und “Wie ein Sonntagabend nach einer Landtagswahl” aufeinandertreffen, sitzt man schmunzelnd vor seinem Plattenspieler und nickt.

Bei Thees Uhlmann trifft Nostalgie auf aktuellen Zeitgeist, die Scorpions werden in einem Atemzug mit Stranger Things genannt und nichts davon fühlt sich falsch an. Selbst dann nicht, wenn “Oman” auf “Oh mann” und “(um etwas) bangen” auf “(head-)bangen” gereimt wird. Mädchen in Ramones-Shirts werden metaphorisch nach ihren Lieblingssongs gefragt (“Junkies und Scientologen”) und wir werden mit auf ein allerletztes Konzert genommen (“100.000 Songs”). Es fühlt sich an, als würde ein Kumpel vor dir sitzen und sagen: “Guck mal, das sind die Dinge, über die ich mir die letzten fünf Jahre so den Kopf zerbrochen habe” und dann lacht und weint ihr zusammen. Das ist echt, das ist Thees Uhlmann.

Gitarren-Spielereien, tragende Bässe und treibendes Schlagzeug

Musikalisch ist “Junkies und Scientologen” so abwechslungsreich wie stringent – fast jeder Song hat sein eigenes, ganz großes (oder kleines) Gitarrenriff, auch zwischendurch verlieren sich die Gitarren immer wieder in Spielereien, während die Bässe tragen und das Schlagzeug treibt. Verantwortlich für den großen Sound der Platte zeichnen sich neben Thees Uhlmann das Produzenten- und Musiker-Duo Simon Frontzek und Rudi Maier. Sie schaffen es, dass sich der Musiker aus Hemmoor anhört wie eine Mischung aus angetrunkenem Jersey-Rock, traurigem Britpop und der Punkband aus dem Keller deines Kumpels.

Thees Uhlmann hat “Fünf Jahre nicht gesungen” und seine Abwesenheit hat geschmerzt. Doch jetzt ist er wieder da, mit dem vermutlich besten deutschsprachigen Album des Jahres. Und alles ist gut.

Video: Thees Uhlmann – Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt

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Thees Uhlmann Junkies und ScientologenThees Uhlmann – Junkies und Scientologen
Release: 20. September 2019
Label: Grand Hotel Van Cleef