To The Rats And Wolves, The Disaster Area und Empty Home live in Hamburg

    To The Rats And Wolves am 17.01.2020 live im Logo in Hamburg
    Foto: Sarah Fass

    Rückblende: Ende Juli 2019: To The Rats And Wolves geben ihre Auflösung bekannt – ein Schock für die doch mittlerweile recht große Fangemeinde des Essener Sextetts. Nach drei Studioalben, unzähligen Festivals und kaum zählbaren Konzerten soll Mitte Januar 2020 nach acht Jahren Bandgeschichte Schluss sein. Natürlich nicht, ohne es noch einmal richtig krachen zu lassen.

    Eine Party feiert man selten allein

    Heute Abend wird in Hamburg nun das dritte von vier Konzerten der “Anywhere For You – Farewell Tour 2020” stattfinden. Vor dem Hamburger Logo bildet sich schon über eine Stunde vor Einlass eine lange Schlange. Es nieselt und ist ungemütlich, als würde sich das Wetter dem traurigen Anlass anpassen. Aber Halt – To The Rats And Wolves haben eine Party zum Abschluss versprochen – man will ja schließlich nicht klammheimlich die Bühnen dieser Republik verlassen. Wenn man denn schon geht, dann mit einem Knall. Die Social Media Kanäle der Band, die im Vorfeld mit Material der ersten beiden Farewell Shows versorgten, kündeten eine Party voller Emotionen an.

    Eine Party feiert man selten allein, so hat man sich mit den Dortmundern von Empty Home und den Münchnern von The Disaster Area zwei hochkarätige Supporter mit ins Boot geholt, die die Hamburger auf Betriebstemperatur bringen sollen.

    „Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann? Manche Dinge kann auch die Zeit nicht heilen, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“
    Frodo – Der Herr der Ringe

    Von tieffliegenden Mikrofon Ständern und einem Applaus für den Schlagzeuger

    Zum Eminem Intro erklimmen Empty Home die Bühne des Logo und von der ersten Sekunde an ist klar – die Bühne ist zu klein für eine solch bewegungsfreudige Band. Sänger Nico begrüßt das Publikum mit “Hallo Hamburg” um sich dann mit “Mir wurde gesagt, ich soll “Moin” sagen – das kommt hier gut an” direkt wieder zu korrigieren. Mit kleinen “Patzern” bei den Ansagen, tieffliegenden Mikrofon Ständern, einem Applaus für den Schlagzeuger und einer Songvorstellung des neuen Titels ”Blue” verfliegen die 20 Minuten Stage Time wie im Fluge. Das Aufwärmen für den Headliner zeigt Wirkung – erst etwas zögerlicher, dann deutlicher lassen sich die Hamburger mitreißen. “Checkt mal unsere Social Media Kanäle wenn’s Euch gefallen hat” verabschieden sich die Dortmunder und tauchen schon in der Umbaupause in der Menge und beim Merch auf.

    Bildergalerie: Empty Home

    Nie klang “Happy Birthday” schöner

    Weiße LED Lichtröhren flackern zum bedrohlichen Intro – The Disaster Area aus München treffen mit ihrem Metalcore den Nerv des Publikums. Von Anfang an ist auch hier klar: Stillstand ist der Tod – und die Decke der Logo Bühne ist zu niedrig. Auch vor der Bühne ist nun sehr viel Bewegung und bei “0800-111-0-111”, einem Song über Depressionen, zückt das Publikum alle Handys und verwandelt das Logo in ein Lichtermeer. Was Kennern der Münchener direkt auffällt: Franz, der zweite Gitarrist, fehlt. “Der ist leider mit Grippe zuhause, aber wenn Ihr richtig Krach macht hört er Euch bestimmt“. Dafür hat Basser Markus Schmidt heute Geburtstag und bekommt von den Anwesenden prompt ein “Happy Birthday” gesunden. Nie klang das schöner und Sänger Alex lobt das Publikum für seine Gesangskünste: “Warum steht Ihr nicht auf der Bühne?“ Nach gut 30 Minuten ist da Set leider schon durch – man kann aber davon ausgehen, dass man hier noch einiges hören wird.

    Bildergalerie: The Disaster Area

    Die 90er wollen aus dem Logo abgeholt werden

    Wer bisher gedacht hat, dass eine Umbaupause nur dazu da ist, sich mit einem neuen Getränk zu versorgen, kurz eine rauchen zu gehen oder die sanitären Einrichtungen zu besuchen, der weiß es jetzt besser: Mit dem Besten, was die 90er zu bieten haben, kocht die Stimmung vor der Bühne schon über, bevor mit “Blue” von Eiffel 65 das Intro zu To The Rats And Wolves aus den Boxen dröhnt. Dieses geht direkt in „Cheap Love“ über und von der ersten Sekunde an gibt es kein Halten mehr. In den ersten Reihen fühlt man sich ein bisschen an ein Backstreet Boys Konzert erinnert – extatischens Kreischen bei Östrogen Überschuss. To The Rats And Wolves können schließlich nicht nur gute Musik machen sondern sehen auch noch gut aus – das muss man neidlos anerkennen.

    Schon bevor der Song zu Ende ist, macht sich auf der Bühne bei allen ein breites Grinsen bemerkbar – und Shouter Dixi Wu bemerkt schon in den ersten Song Pausen ganz treffend “Heilige Scheiße was’n hier los?”. Nachdem es direkt mit “Friends” weitergeht, gönnen die Sechs der Menge danach eine kleine Verschnaufpause. “Hamburg! Ich kann den Dialekt nicht. Jeder Hamburger würde mich dafür in die Tonne treten. Spielen wir hier unser erstes oder unser letztes Konzert?” verkündet Sänger Nico. Die darauf folgenden “Buuh” Rufe kontert er gekonnt mit ”Ihr könnt buh rufen, soviel Ihr wollt, aber das ist wirklich das Letzte. Allein, dass so viele Leute hier sind… Wir haben so viele Konzerte gespielt, aber sowas auf den letzten Metern zu erleben ist der Wahnsinn“. Es ist das erste mal “Sold Out” in Hamburg – in der zweiten Heimat wie Dixi und Nico immer wieder betonen.

    „Ein Bremspedal gibt es heute nicht, heute gibt es nur einen Weg und der heißt: Eskalation.“

    Alle Anwesenden wollen es nochmal so richtig krachen lassen

    Erklärtes Ziel des heutigen Abend ist es, dass der Schweiß von der Decke tropft. Und das alle eine geile Zeit haben und nochmal so richtig die Sau rauslassen. Trotz traurigem Anlass ist momentan noch nicht viel von Trauer zu spüren. Vielmehr wollen es hier alle Anwesenden nochmal so richtig Krachen lassen. Verdrängungsstrategie halt. Irgendwie.

    So geht es durch die letzten acht Jahre Bandgeschichte. Ein Bremspedal gibt es heute nicht, heute gibt es nur einen Weg und der heißt: Eskalation. Bassist Stanni geht immer wieder in der Menge baden und verletzt sich dabei an der Schläfe. Nico kommentiert das mit “Du kannst nicht in zwei Tagen viermal auf die Fresse fliegen… ähm oder doch, kannst du”. Also kurze Pause um ein Pflaster zu organisieren und das Blut abwischen und weiter geht’s. Auch Dixi verschmilzt immer wieder mit dem Publikum – Glücklicherweise ohne sich dabei auch noch zu verletzen.

    Bildergalerie: To The Rats And Wolves

    Ein letztes Mal ausrasten

    Je näher das Set dem unweigerlichen Ende naht, desto emotionaler wird alles. Die Spannung im Raum ist greifbar. Ja, es ist eine riesen Party. Doch wird bei den Anekdoten, die Nico und Dixi immer wieder zum Besten geben, klar, dass die Jungs es scheinbar wirklich ernst meinen mit dem Aufhören. Die Hamburger erfahren, wer aus der Crew mittlerweile mehr Familie ist und warum und was die letzten Jahre für eine unfassbar geile, chaotische Zeit waren. Auch dass man Mortadella für 20 Cent gefuttert hat, weil man kein Geld für etwas anderes hatte. Dixi kommentiert mit einer Träne im Augenwinkel “Seit Tag 1 heule ich nur noch, ich kann das nicht mehr” und auch im Publikum brechen ein paar mühsam aufrechterhaltene Dämme.

    Nico versucht, durch Gerede das Ende ein wenig herauszuzögern, den Moment so gut es geht zu genießen und alles auszukosten. Ein letztes Mal. Ein letztes Mal rasten alle zu “Suburban Romance” und “Anywhere For You” aus. Niemand hält irgendwelche Reserven zurück – wozu auch? Von Bier exen mit anschließendem Rülpsen (“Auf eure Verantwortung!”), “Ausziehen!”-Rufe, über Circle Pits, hinsetzten, springen, Wall of Death – alles was das Herz begehrt ist heute dabei. “Diese Konzerte sind das Emotionalste, was wir je gemacht haben” – wie recht die Jungs damit haben. Es fällt ihnen sichtlich schwer, die letzten drei, vier Songs anzukündigen und zu spielen.

    „Wir versprechen hoch und heilig, dass wir jetzt immer so eskalieren – wenn ihr dafür einfach weitermacht. Deal?“

    Musiker und Fans liegen sich in den Armen

    Ach ja: Es tropft! Schweiß tropft von der Decke! Und zwar ordentlich! Ziel erreicht, kann man damit sagen. Die Essener sind immer noch völlig platt, wie das Hamburger Publikum einfach mal das Logo abgerissen hat. Trotzdem soll das nun der vorletzte Gig überhaupt gewesen sein. Während “Ohne Dich” von der Münchener Freiheit das Logo beschallt und Musiker und Fans sich in den Armen liegen, fließen dann doch noch vermehrt Tränen. Manch einer verkneift sie sich tapfer, nur um nachher auf dem Rückweg in aller Stille zu trauern. Liebe To The Rats And Wolves: Wir versprechen hoch und heilig, dass wir jetzt immer so eskalieren – wenn Ihr dafür einfach weitermacht. Deal?

    Bildergalerie: To The Rats And Wolves

    Zu diesem besonderen Anlass, haben wir hier noch einmal die Setlist für Euch

    Intro: Eiffel 65 – Blue

    Cheap love
    Friends
    Blackout
    Cure
    Riot
    B.I.C.
    Schoolyard Warfare
    Starting All Over
    Wild At Heart
    Kill The DJ
    Therapie
    Down

    Zugabe:
    Young.Used.Wasted
    Suburban Romance
    Anywhere For You

    Outro: Münchener Freiheit – Ohne Dich