Bulli & Steff von Alarmsignal im Interview

Alarmsignal REVOLUTIONARY ACTION
Foto: Andreas Langfeld

Die Deutsch-Punk-Band Alarmsignal hat für den 14. Januar ihr neues Album „Ästhetik des Widerstands“ angekündigt. Steff und Bulli nahmen sich die Zeit, mit uns über das neue Album zu sprechen. Wenn Ihr außerdem erfahren wollt, gegen wen oder was man ihrer Meinung nach auf die Straße gehen sollte, welche ungewöhnliche Post von Hatern sie bereits erreicht hat und warum sie sich in der Gesellschaft teilweise etwas verloren fühlen, findet Ihr hier die Antworten.

Wir schreiben generell nicht über Dinge, die uns nicht bewegen. Viele der Themen haben wir selbst erfahren. Uns ist natürlich klar, dass wir uns auch ein Stück weit angreifbar machen, wenn wir diesen Spiegel nach außen tragen. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass wir verletzliche Menschen sind. Das ist uns aber dann egal, weil wir über die Jahre gemerkt haben, dass wir damit auch eine Art Hilfestellung geben können.Steff (Alarmsignal)

„Gegen böse und schlechte Menschen sollte man auf die Straße gehen.“

Was macht für Euch die Ästhetik des Widerstands aus und gegen wen oder was sollte man aktuell am meisten Widerstand leisten?

Steff: Die Ästhetik des Widerstands ist sehr vielseitig, das kann man glaube ich gar nicht in einem Satz erklären und genauso gegen was man sich positionieren sollte. Da sind wir glaube ich breit aufgestellt. Wir haben eine ganze Menge Sachen die uns stören und gegen die wir uns stellen sollten. Das geht aktuell los bei Schwurblern und Verschwörungstheoretiker:innen und geht über Nazis, Rassisten, Faschisten bis hin zu Leuten die homophob sind. Da ist die Palette über Dinge und Menschen die uns ankotzen glaube ich sehr, sehr groß. Das kann man höchsten so zusammenfassen: Gegen böse und schlechte Menschen sollte man auf die Straße gehen.

Das klingt sehr gut. Du hast es ja selber schon gesagt: Auf Eurem Album gibt es viele verschiedene politische als auch sehr persönliche Themen die Ihr behandelt. Du Bulli hast ja selbst in einem Statement bereits gesagt, dass „Ästhetik des Widerstands“ das bisher vielseitigste Album von Euch geworden ist. Was war dieses Mal anders als bei den Vorgängeralben und worauf habt Ihr den Fokus gelegt?

Bulli: Anders war, dass wir anders ans Songwriting rangegangen sind. Sonst waren wir immer auf Tour und haben die Songs einfach dazwischen geschrieben, wenn wir mal geprobt haben. Dann hatten wir irgendwann 16 Stück voll und sind ins Studio gegangen. Dieses Mal konnten wir uns aufs Album konzentrieren, da es keine Konzerte gab. Ich glaube jedes Album ist auch ein Zeichen der Zeit und das Album ist in Corona-Zeiten entstanden. Uns ging es allen verschieden – hätte ich nicht am Album gearbeitet wäre ich wahrscheinlich durchgedreht (lacht). Musikalisch ist es auch sehr vielseitig geworden, weil wir auch aufgrund der Situation nicht alles im Proberaum gemacht haben, sondern das Songwriting viel Zuhause vorm Computer – sozusagen aus dem Home-Studio – stattfand. Wir hatten auch noch nie vier Gäste auf dem Album und auch die sind alle total unterschiedlich und haben ihre eigene Handschrift in die Songs reingebracht. Da haben wir zum Beispiel Dariush mit seinem Organ, der Song ist ja auch nicht typisch Alarmsignal. Oder Torsun bei „Tanzen“ – das gab es so auch noch nie aus unserer Feder. „Hoffnung“ ist eine Ballade, wobei wir immer schon Balladen hatten, aber „Hoffnung“ ist für mich die, in die bisher die meiste Arbeit reingesteckt wurde und deswegen bin ich auf jeden Fall mega froh, dass wir das gemacht haben. Das trägt ja auch zur Vielseitigkeit des Albums bei.

„Hoffnung“ ist ja generell auch ein sehr wichtiger Song für Dich…

Bulli: Ja, sehr persönlich. Es geht um Depressionen. Der ist sogar so persönlich, dass ich überlegen musste, ob ich den überhaupt auf dem Album haben möchte. Aber irgendwie brauche ich das auch als Ventil beziehungsweise als Mental Hygiene, um irgendwie mit der Welt klarzukommen. Ich hab hunderte Texte und das ist ja auch immer ein Spiegel seiner selbst. Deswegen möchte man gar nicht unbedingt, dass diese in die Welt getragen werden. Ich habe aber drüber nachgedacht, dass es ein Thema ist, das so viele Menschen betrifft und es kommen auch immer sehr viele Menschen auf uns zu – persönlich auf Konzerten, wir bekommen Mails und Briefe – die ebenfalls mit dem Thema zu kämpfen haben. Er handelt zwar von Depressionen, ist aber ein positiver Song, der Mut machen soll. Und deswegen ist der Song auch aufs Album gekommen.

Steff: Wir schreiben auch generell nicht über Dinge, die uns nicht bewegen. Viele der Themen haben wir selbst erfahren. Uns ist natürlich klar, dass wir uns auch ein Stück weit angreifbar machen, wenn wir diesen Spiegel nach außen tragen. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass wir verletzliche Menschen sind. Das ist uns aber dann egal, weil wir über die Jahre gemerkt haben, dass wir damit auch eine Art Hilfestellung geben können. Dass es da draußen Menschen gibt, denen es genauso geht, die daraus ihre Kraft schöpfen können und wissen, dass sie nicht alleine sind. Deswegen haben wir glaube ich mit jedem Album mehr und mehr gelernt, dass es überhaupt nicht schlimm ist, sein Inneres nach Außen zu kehren.

„Das ist ein Punkt, an dem ich merke, dass ich mich angreifbar mache.“

Das Feedback ist bei diesen Themen ja vermutlich sowieso eher positiv als negativ, oder habt Ihr hier schon mal so richtig negative Rückmeldungen bekommen?

Bulli: Nein, bisher nicht wirklich. Bei „Hoffnung“ könnte ich mir vorstellen, dass einige Leute ihn nicht mögen, weil es eine Ballade ist. Ich habe überhaupt kein Problem mit Pop-Songs oder Balladen – ich bin da völlig offen – aber es ist natürlich okay, wenn Leute das nicht mögen. Es geht ja in erster Linie um den Text und die Message.

Steff: Wir haben auch ein Lied geschrieben das heißt „Zu weich für Punk“, das ist zwar ein bisschen ironisch gemeint, aber da kommt es natürlich schon öfter mal vor, dass Leute zum Beispiel mal sagen „Du Weichei“. Das hab ich beispielsweise öfter mal erlebt, weil ich kein Problem damit habe zu sagen, dass ich ein sensibler Mensch bin, der auch ab und zu mal weint. Für mich ist das wichtig, weinen ist für mich ein Ventil und wenn ich nicht mehr weine, ist das für mich auch ein Zeichen dafür, dass ich nichts mehr spüre. So „Weichei“-Sprüche oder „Harte Macker“-Sprüche nerven mich dann schon. Das ist ein Punkt, an dem ich merke, dass ich mich angreifbar mache. Aber das ganze Leben ist ein Lernprozess und ich glaube ich lerne auch damit noch umzugehen und das besser wegzustecken. Letztendlich ist es ja eher ein Armutszeugnis für die Person, die mich diesbezüglich angreift.

Auf jeden Fall. Man kann ja auch hoffen, dass die Gesellschaft so langsam mal in die richtige Richtung geht und nicht mehr sagt „Männer dürfen nicht weinen“, „Frauen gehören nicht in Führungspositionen“ und was es da alles so gibt.

Bulli: Das ist auf jeden Fall schon besser geworden, wenn man so zehn, fünfzehn Jahre zurückblickt. Natürlich noch lange nicht so, wie es sein soll, aber zumindest Gleichberechtigung sollte langsam angekommen sein.

Das stimmt. Man merkt ja auch, dass es aktuell viel thematisiert wird.

Bulli: Der Song ist natürlich auch Szenekritik. Wobei ich auch sagen muss, dass es in der Szene oder Bubble, in der ich rumhänge, überhaupt nicht so ist. Aber Steff hängt mit anderen Leuten rum, da war der Song wichtig (lacht). Nee, aber schau echt mal einige Jahre zurück, da war das wirklich noch anders. Ich denke auch die Szene ist da offener geworden. Das gibt es aber auf jeden Fall immer noch und man kann es nicht oft genug sagen. Deswegen gibt es ja auch diesen Song.

„Die Band ist das, was man liebt und am liebsten würde man nichts anderes tun.“

Ihr seid bereits seit 20 Jahren aktiv, mit dem letzten Song des Albums „Alles (was noch kommt)“ habt Ihr Euch eine eigene Hymne geschrieben. Was war damals anders als heute, worauf blickt ihr besonders gerne und weniger gerne zurück?

Steff: Ich glaube damals war alles noch etwas unverkrampfter und unbekümmerter. Wir haben uns einfach weniger Gedanken um irgendwas gemacht. Vor allem was die Musik angeht. Wir haben einfach drauf los musiziert, ohne uns groß Gedanken darüber zu machen, wie es am Ende klingen wird. Das ist heute anders geworden. Wir werkeln länger an Songs und wir probieren viel mehr aus. Wir sind experimentierfreudiger, das hat sich schon geändert. Wir sind – das klingt jetzt vielleicht blöd – was die Band angeht ein Stück weit professioneller geworden. Wir haben damals wirklich alles selber gemacht. Heute gibt es Leute, die machen Sachen für uns. Wir sind manchmal sehr unorganisiert gewesen, wir haben das Booking selber gemacht und haben dann teilweise mal Termine übereinander gelegt oder schlecht getimed. Da haben wir jetzt Hilfe von einer Bookingagentur bekommen. Wir haben auch unsere erste Platte in Eigenregie gemacht, da haben wir jetzt ein Label, das sich reinkniet. Das klingt blöd, aber wir haben auch Leute, die für uns arbeiten (lacht). Es ist einfach alles eine Spur professioneller.

Bulli: Genau. Wir haben Leute die für uns arbeiten, aber das sind natürlich auch Leute die mit uns arbeiten, weil wir jetzt keine mega lukrative Band sind und die Leute machen das eigentlich, weil sie Bock drauf haben. Ich glaube wir sind da schon extrem, mit wem wir zusammenarbeiten.

Steff: Die werden nicht reich damit, das muss man dazu vielleicht noch mal sagen. Das klingt jetzt so als wären wir der große Betrieb, der Angestellte hätte (lacht). Wie Bulli schon gesagt hat: Die arbeiten mit uns und nicht für uns, das geht alles Hand in Hand.

Bulli: Wir haben zum Beispiel im 18. Bandjahr angefangen, mit Audiolith zu arbeiten. Es ging einfach gar nicht mehr ohne Hilfe. Ich war echt an einem Punkt, an dem ich morgens um 06.00 Uhr für die Band einen Wecker gestellt habe. Das ging lange so und das hat alles gar keinen Spaß mehr gemacht. Dann haben wir Sjard nach Celle eingeladen und ganz lange gesprochen, da uns viele Sache sehr wichtig sind und es uns sehr wichtig ist, mit wem wir zusammenarbeiten. Dass es persönlich passt und die Leute uns verstehen. Dass wir auch mal umsonst irgendwo spielen, in einem besetzten Haus oder auf einer Demo und die sich darum kümmern müssen und damit eigentlich sogar Minus machen (lacht). Deswegen ist es uns wichtig mit Leuten zu arbeiten die das verstehen und auch supporten, weil die das gleiche Mindset haben.

Wird der Druck für Euch dadurch auch größer?

Steff: Druck ist eigentlich nicht da. Es gibt keinen Erwartungsdruck an uns, es gibt einfach nur einen Anspruch an uns selber, den wir haben, der gestiegen ist. Aber ich glaube das ist eine ganz normale Entwicklung eines jeden Menschen der auch Musik macht, dass die Ansprüche steigen und man sich zumindest ein Stückweit entwickeln möchte. Das ist halt passiert und für mich als positiv zu deuten und völlig ohne Druck.

Bulli: Aktuell ist es natürlich viel. Heute ist wieder ein Interview- und Promotiontag – von mir aus könnte es jeden Tag so gehen (lacht) – da kommen aber natürlich auch noch andere Sachen dazu, die man im Leben so zu tun hat. Dann ist es manchmal viel. Aber Druck gibt es nicht.

Steff: Und wenn ist es halt ein positiver Druck. Oft ist es Zeitdruck, dass man zum Beispiel noch keinen Post für Facebook oder Instagram rausgesucht hat und noch 15 Minuten hat, was rauszusuchen und einen neuen Post zu schreiben. Aber das ist nichts, was einen belastet, so wie Lohnarbeit zu betreiben und morgens um 08.00 Uhr bei der Arbeit sein zu müssen, sondern eher Stress, der auch mal Spaß machen kann.

Bulli: Es gibt schon viele Deadlines. Allein die Tatsache, dass es viele Deadlines gibt… (lacht) Aber ich mag das! Alleine die Tatsache, dass es andere Leute gibt, die uns Deadlines machen, ist eine gute Sache.

Es macht ja auch einfach Spaß, weil das Herzblut drinsteckt.

Bulli: Ja, es macht Spaß. Klingt immer so, als ob man das einfach so sagt, aber die Band ist das, was man liebt und am liebsten würde man nichts anderes tun.

„Als Reaktion haben wir eine DVD bekommen, die vollgeschissen war…“

Um noch mal auf das vorherige Thema zurückzukommen: In Eurem Song „Huso-Level“ verarbeitet Ihr Hasskommentare Euer Hater auf humorvolle Art und Weise. Hand aufs Herz: Lässt Euch sowas wirklich kalt?

Steff: Also es belustigt mich nicht, aber ich lasse solche Sachen nicht an mich ran. Es lässt uns nicht kalt, aber es beschäftigt uns nicht so, dass wir nicht schlafen können. Wir wissen, dass wir in in gewisser Weise irgendwie im Mittelpunkt stehen und angreifbar sind, weil wir Texte schreiben, die nicht jedem passen. In dem Sinne ist es okay, wobei ich mir um die Verrohung dieser Gesellschaft in der Hinsicht große, große Sorgen mache.

Bulli: Ich hab mittlerweile gar keine Zeit mehr, mir das so reinzuziehen. Aber die Kommentare, die im Video sind, sind wirklich lustig. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich keine Zeit dafür habe, weil es so viele geworden sind. Das ist besonders schlimm mit der letzten Tour geworden, als wir gesagt haben, dass wir 2G-Konzerte spielen. Da sind diverse Schwurbler-Gruppen bei uns explodiert. Das war das erste Mal, dass die negativen Kommentare zusammengezählt im vierstelligen Bereich waren. Das war das erste Mal, dass ich gedacht habe, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass es Leute gibt, die damit dann nicht mehr umgehen können. Aber ich antworte darauf auch nicht, weil das halt dumm ist. Und ich habe keine Lust, mir mit diesen Trotteln den Tag zu versauen. Aber da sind die Hasskommentare dann auch noch mal näher an uns herangetreten und sind physisch geworden. Wir haben viele Briefe und sogar Scheiße bekommen – das ist noch mal ein anderer Step. Die wurden auch nicht geschickt, sondern die Leute sind gekommen, haben herausgefunden wo wir wohnen…

Steff: Genau, das waren keine E-Mail mehr oder Kommentare, sondern gingen wirklich an unsere Postadresse.

Bulli: Ohne Briefmarke, die haben also herausgefunden wo wir wohnen und sind dann gekommen. Haben sich nicht getraut uns persönlich anzusprechen, aber waren halt bei uns zuhause. Das ist noch mal eine andere Sache. Ich hab das beim Label öfter gehabt, dass ich komische Briefe bekam, die ich gar nicht aufgemacht habe, weil man sich dachte „da ist jetzt vielleicht was Schlimmes drin“. Das ist mit der Band jetzt auf jeden Fall noch mal schlimmer geworden. Es gab auch Briefe, bei denen man gar nicht wusste, was die Leute wollen, aber es gab auch Scheiße.

Steff: Als Reaktion haben wir eine DVD bekommen, die vollgeschissen war… Wir haben es bisher nie erwähnt, weil wir den Leuten nicht das Gefühl geben wollten, dass es uns berührt. Ich meine, wer macht sich die Mühe und macht Scheiße in eine DVD-Hülle und schmeißt die uns in den Briefkasten?

Und das war alles als Reaktion darauf, dass Ihr gesagt habt, dass Ihr 2G-Konzerte spielt?

Steff: Genau.

Bulli: Das waren halt auch einfach die offiziellen Auflagen der Stadt oder der Clubs.

Steff: Aber weil wir das halt mitgemacht und gesagt haben „Okay, wir gehen da komplett mit, wenn die Stadt das vorgibt und der Club das auch so sieht“. Wir befürworten natürlich auch die Sicherheit für unsere Besucher:innen. Deswegen war das für uns überhaupt kein Thema. Aber danach ging es halt los. Man sagt zwar immer „das Internet vergisst nie“, aber oft denken wir uns: „Das interessiert morgen auch niemanden mehr“. Allerdings ist es halt so, dass wir eine Band sind, die es gewohnt ist, aber es gibt auch Privatpersonen, die solche Nachrichten regelmäßig kriegen. Personen, die aufgrund ihres Aussehens im Internet beschimpft werden oder denen gesagt wird „Du bist zu hässlich“, „Du bist zu dick“, „Du blöde Fotze“, „Du Schwuchtel“. Das sind halt die gängigen Worte, die zum Schimpfwort-Repertoire der Gesellschaft gehören, die politisch natürlich nicht korrekt sind, die wir mit dem Song aber unzensiert aufgenommen haben, um damit auch ein Zeichen gegen Hate Speech im Internet zu setzen. Wir haben nicht wahllos Kommentare gegen uns genommen, sondern das soll natürlich auch ein Zeichen gegen Hate Speech sein und wir hoffen das wird auch so wahrgenommen, weil es halt nicht zensiert wurde.

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„Ich möchte, dass diese Szene ein Schutzraum ist. In dem sich Leute sicher fühlen und in dem sie anders behandelt werden, als in der Gesellschaft.“

Knüpft „Zu weich für Punk“ ebenso an das Thema an? Wenn jemand sagt „Du Weichei“ ist das in der Regel ja auch als Beleidigung gemeint.

Steff: Ja, es gibt ja so gewisse Vorstellungen, wie ein Mann oder eine Frau zu sein hat: Harte Männer weinen nicht und dürfen keine Gefühle zeigen. Das war damals noch extremer, aber ist heute teilweise noch genauso und ich hab mir immer gedacht „Hey, wir wollten in der Szene doch anders sein und den Unterschied ausmachen“. Oftmals habe ich aber das Gefühl, dass Szene und Gesellschaft identisch sind und die Szene einfach nur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Was mich stört, weil ich möchte, dass diese Szene ein Schutzraum ist. In dem sich Leute sicher fühlen und in dem sie anders behandelt werden, als in der Gesellschaft. Tatsächlich war auch dieses Lied als Reaktion zu verstehen auf gewisse Erlebnisse die wir hatten. Auch wenn es sehr ironisch vorgetragen wurde, steckt ja auch in jeder Ironie ein Funken Wahrheit.

Ja, das ist ein schwieriges Thema. Wenn man sich beispielsweise unter Posts der Tagesschau Kommentare durchliest, merkt man ja auch sehr schnell, dass die Leute gar nicht wissen wollen, wie es wirklich ist, sondern einfach nur Rumpöbeln und so verletzend wie möglich sein wollen.

Steff: Ich frage mich auch ganz oft, ob das Menschen sind, die man vielleicht kennt – das könnte ja mein Nachbar sein, der da sowas schreibt. Wir wissen natürlich, dass es weiterhin eine Minderheit ist, diese aber sehr laut schreit und so dermaßen präsent ist, dass man das Gefühl hat sie hätte Übergewicht. Manchmal komme ich mir da wirklich verloren vor. Wenn Du da wirklich mal was gegen sagst, hast Du gleich zehn Leute, sie sich auf Deinen Kommentar stürzen und versuchen Dich auseinanderzunehmen. Diese Leute sind auch gegen Fakten immun und keiner hält sich da an einen guten Umgangston. Oftmals gibt es da auch niemanden, der moderiert. Unter 10.000 Irren ist immer auch einer, der es ehrlich meint und irgendwann vielleicht durchdreht und ernst meint, was er da droht.

Bulli: Mittlerweile wird mit vielen Wörtern einfach so lapidar umgegangen. Das ist glaube ich auch das Ding, wenn im Internet so viel rumgehatet wird, dass die Leute das gar nicht schnallen und es sofort vergessen ist, weil das kaum einen interessiert, da es so normal geworden ist. Meist gibt es ja auch gar kein Feedback darauf oder es wird halt nur auf dem gleichen Niveau zurückgedisst. Wir haben dann ja noch ein Statement zu dem Wort „Hurensohn“ geschrieben – das benutzen ja auch viele Punk-Bands. Ich glaube das ist auch so ein Wort, das unüberlegt benutzt wird. Genauso wie sowas wie „Bist Du behindert?“. Das ist einfach irgendwie im Sprachgebrauch, weil es ständig benutzt wird. Die Leute greifen das einfach auf, ohne dass sie darüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet und als Schimpfwort benutzen.

„Aufgeschoben ist zum Glück nicht aufgehoben!“

Das stimmt. Aber kommen wir doch mal wieder zu einem schöneren Thema: Für „Ich hoffe Du findest was Du suchst“ bekommt Ihr unter anderem Unterstützung von Gunnar Schröder von Dritte Wahl und anderen Künstlern. Wie kamen diese Kooperationen zustande?

Bulli: Wir haben nicht den Song für das Feature geschrieben, sondern haben uns danach gedacht „Wäre doch mega, wenn zum Beispiel Gunnar oder Torsun oder Mel oder Dariush dabei wären“. Das waren auch jeweils die Leute für Features, die wir als erstes angedacht haben und die glücklicherweise alle zugesagt haben.

Steff: Genau. Und auch wenn wir eine Szene sind, kommen alle vier Leute aus verschiedenen Ecken. Torsun macht mit seiner Band Elektro Punk, Gunnar macht Deutschpunk, Dariush kommt aus einer linkspolitischen Oi-Punk Band und Mel macht Alternative Punk. Deswegen war es für uns im Sinne der Vielfältigkeit sehr interessant diese Gäste zu wählen. Wir können auch das Fazit ziehen, dass sie das Album in ihrer Art zu singen und zu musizieren auf jeden Fall in unserem Sinne bereichert haben.

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Sehr schön. Eigentlich habt Ihr zum 20. Jubiläum nicht nur eine Tour, sondern auch einen Festivaltag veranstalten. Soll dies noch nachgeholt werden?

Bulli: Ja der findet dieses Jahr statt. Das wurde dann zum zweiten Mal verschoben. Ich glaube das Line-Up konnte so übernommen werden, alle Bands haben sogar ein drittes Mal zugesagt (lacht).

Steff: Kann man so jetzt nicht mehr genauso machen wie ursprünglich geplant, weil es eigentlich für beide Parteien ein Jubiläum gewesen wäre. Wir hätten 20-jähriges Jubiläum gehabt, das Rock am Berg 15-jähriges Jubiläum. Der Zug ist jetzt abgefahren. Aber das Festival steht nach wie vor, der Veranstalter hat versucht das Ding zu spiegeln. Für uns eigentlich jammerschade, da wir uns auf dieses ursprüngliche Festival sehr, sehr gefreut haben. Wir waren glaube ich fünf Mal da zu Gast und uns verbindet auch eine Freundschaft zu den Leuten von Rock Am Berg. Für uns war es auch eine Ehre, dass sie gesagt haben, dass sie uns einen Festivaltag abgeben – Welcher Veranstalter gibt Dir schon einen Tag von seinem Festival ab? Wir haben da auch sehr viel Zeit und Arbeit reingesteckt muss ich sagen. Auch in das Booking. Ich weiß noch, dass wir an irgendeinem Abend vor einem Konzert in unserem Bandbus gesessen und eine Wunschliste mit fast 100 Band erstellt haben, diese im Schulnotensystem beurteilten und der beste Notendurchschnitt hat es dann geschafft (lacht). So haben wir das Line-Up dann zusammengestellt. Aufgeschoben ist zum Glück nicht aufgehoben!

„Punk ist übersichtlicher geworden.“

Bulli, Du wohnst ja in Hannover, Steff, Du bist noch in Celle?

Steff: Genau, ich bin in Celle, aber das ist ja eigentlich eins (lacht).

Ihr kommt ja auch alle ursprünglich aus Celle, oder?

Steff: Die Band hat sich in Celle gegründet, aber als es dann richtig los ging, hat unser Schlagzeuger – den wir immer noch haben – in Ostfriesland gewohnt, später in Göttingen und jetzt in Berlin. Bulli wohnt in Hannover, ich in Celle unser neuer Gitarrist Yannik wohnt in Hamburg. Unsere Mercherin, die wir immer noch mit dabei haben, wohnt in Duisburg. Das heißt, bevor wir losfahren können, werden erstmal ein paar Meter abgerissen. Leider verstehen die Leute oft nicht, dass ein Konzert von uns deswegen mittlerweile nicht mehr nur gegen Spritgeld und Pennplatz gemacht werden kann, weil es eben enorme An- und Abreisekosten gibt.

Wie sieht die Punkszene heute in Celle aus? Wenn ich an Celle denke, kommt mir sofort das Bunte Haus und die Biermannstraße in den Kopf. Generell ist die Punkszene in Celle – oder zumindest war es früher so – nicht ganz klein oder?

Steff: Nein, klein war sie tatsächlich nicht. Für eine Kleinstadt war die Punkszene fast zu groß… oder was heißt zu groß, zu groß kann die Szene nie sein, aber es gab zum Beispiel jeden Dienstag die wöchentlichen Punkertreffs in Celle, wo auch Leute aus Hannover, Lüneburg, Hamburg gekommen sind. Ich kann mich erinnern, dass um die 80 Leute da waren. Das war echt unglaublich. Das war auch eine Zeit in der Punker das Stadtbild prägten. Nicht unbedingt immer positiv, aber eine Zeit lang war Celle wirklich für seine lebendige Punkszene bekannt. Das ist mittlerweile anders geworden. Es gibt zwar immer noch Punker hier, denen siehst Du das aber optisch nicht mehr so an wie damals, als Du mit Nieten oder Iro rumlaufen musstest. Heute haben die Leute glaube ich auch begriffen, dass Punk nicht was Optisches sein muss. Nichtsdestotrotz gibt es die Biermannstraße nicht mehr, das Bunte Haus allerdings schon. Punk ist übersichtlicher geworden. Aber mit der Übersicht hab ich das Gefühl, dass es auch mehr Zusammenhalt gibt und es nicht mehr so oberflächlich ist, wie es teilweise mal war. Wobei ich immer das Gefühl hatte, dass die Punkszene in Celle sehr herzlich ist. Dennoch hat diese Dezimierung meiner Meinung nach zu mehr Zusammenhalt geführt.

Bulli: Im Bunten Haus proben wir zum Beispiel auch.

Und wie macht Ihr das mit dem Proben, wenn Ihr alle so verstreut wohnt?

Bulli: Jetzt gerade proben wir nicht, aber wenn wir uns zum Proben treffen müssen alle nach Celle kommen. Wir haben auch mal in Berlin geprobt.

Steff: Klingt wie eine Drohung: „Dann müssen alle kommen!“ (lacht)

Bulli: (lacht) Ja, das ist schon echt ein Aufwand. Es gab schon Tage an denen wir um 08.00 Uhr morgens angefangen haben. Wenn Kühn aus Berlin kommt, fährt er mit dem ersten Zug los und ist dann auch vier Stunden unterwegs. Der nimmt auch gerne mal die Regionalbahn und ist dann acht Stunden im Zug für eine Probe (lacht).

Steff: Damit er alle zwei Stunden rauchen kann (lacht).

Bulli: Selbst Schuld! (lacht)

Steff: Der fährt dann wirklich über die kleinsten Bahnhöfe. Wir haben auch mal in Berlin gespielt und dann meinte Kühn „ah ich komme aus Ostfriesland, dann kann ich mit Euch zurück fahren!“ Und ich so: „Alles klar, ich buche Tickets für den ICE“ und er „Nee, nee, lass uns mal meine Strecke fahren!“ Und da sind wir über Dörfer gefahren… Teilweise war da nur ein Wagon hinter dem Zug. Aber er kannte alles auswendig und meinte „Hier haben wir jetzt eine Viertelstunde, da können wir eine rauchen oder zwei, da hinten ist ein Supermarkt…“ Der wusste alles und das waren so ostdeutsche Dörfer bei denen ich mir dachte „okay, mutig mutig Kühn!“ (lacht). Es ist halt seine Strecke die er ständig fährt.

„Ich wünsche mir einfach, dass wir als Menschheit daraus eine Lehre ziehen. Dass es das wert war.“

Was wünschst Ihr Euch für die Zeit nach der Pandemie und wie sieht das in Eurer Vorstellung aus?

Bulli: Ich wünsche mir natürlich ein „normales“ Leben mit Konzerten und Kultur, dass man Leute einfach so treffen und umarmen kann, ohne dass man ein komisches Gefühl hat, dass es nicht okay wäre. Ich erwische mich schon bei so Gedanken wie: ich habe gestern einen Film gesehen und dachte „Ey die haben alle gar keine Maske auf!“. Das sieht sofort komisch aus. Das macht schon was mit einem in Bezug auf sein Sozialverhalten, das habe ich im Sommer gemerkt, als ja schon wieder etwas mehr ging. Was früher so normal war und man nicht hinterfragt hat, ist jetzt auf einmal so special. Das hat viele Leute – mich auch – schon ordentlich verändert. Ich glaube das fällt auch wieder schnell. Ich hätte zum Beispiel gedacht, dass viele Leute ihre Masken aufbehalten, aber wenn es wieder so weit ist, dass man die Maske abnehmen kann, wie bereits auf einigen Konzerten, war ich teilweise der einzige, der überhaupt noch eine Maske getragen hat.

Ich habe auch mal eine Instagram-Story von einem Konzert gesehen, auf dem keiner eine Maske getragen hat und alle waren vorne zusammen im Pit. Da dachte ich auch nur „Oh Gott, seid Ihr verrückt? Ihr seid alle viel zu nah!“

Bulli: Ja, das ist schon komisch. Aber die Inzidenzen waren teilweise ja sogar unter drei, zum Beispiel, als wir in Magdeburg gespielt haben. Da waren auch alle getestet. Aber man denkt trotzdem: Das ist hier alles überhaupt nicht richtig. Ich glaube aber, das fällt auch wieder ab.

Steff: Ich selbst fühle mich als Mensch von der Pandemie nicht eigeschränkt, mich stört es nicht, dass ich die Maske trage, mich stört es nicht, dass ich hier und da Abstand halten muss, ich hab jetzt nicht so damit zu kämpfen wie zum Beispiel jemand der in Berlin in der Platte im achten Stock wohnt und drei, vier Kinder hat, die Zuhause betreut werden müssen. Das habe ich alles nicht, ich kann rausgehen und bin in der Natur. Das ist für mich jetzt keine schlechte Zeit. Aber ich wünsche mir einfach, dass wir als Menschheit daraus eine Lehre ziehen. Dass es das wert war. Dass wir uns einfach klar werden, dass wir angreifbar und verletzbar sind und nicht denken wir wären die Krone der Schöpfung. Dass wir einfach bewusster leben. Dass wir nicht jeden Scheiß fressen, dass wir mit der Erde besser umgehen, mit der Natur, mit der Tierwelt. Dass das alles irgendeinen Sinn hatte. Das ist einfach das Größte, was ich mir wünsche. Ich könnte natürlich sagen, dass ich mir wünsche, dass für die Band alles wieder normal wird, aber ich würde das gerne größer halten und möchte lieber sagen „Die gesamte Menschheit muss daraus irgendwelche Lehren und Schlüsse ziehen“, damit es wieder besser wird und nicht noch mal passiert. Das ist eigentlich der größte Wunsch, den ich habe.

Bulli: Das kann man sich wünschen, aber ich weiß, dass das nicht passieren wird. Ich habe heute erst im Radio gehört, dass wir gerade in der fünften Welle sind. Das war mir gar nicht so bewusst. Das ist doch krank. Weil einfach nichts gelernt wurde in den letzten zwei Jahren.

Und jedes Mal sind alle aufs Neue überrascht, dass es so gekommen ist, wie die Experten schon lange vorher gesagt haben…

Bulli: Es ist genauso gekommen, wie monatelang gesagt wurde.

Bleibt zu hoffen, dass doch so langsam draus gelernt wird… Vielen Dank für Eure Zeit und das Interview!

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Tourdates 2022

29.01. Bern, Blaues Pferd Festival
18.02. Leipzig, Conne Island
19.05. Saarbrücken, Kleiner Klub
20.05. Darmstadt, Oettinger Villa
28.05. Apen, Apen Air
18.06. Merkers, Rock am Berg Open Air
08.09. Stuttgart, Juha West
24.09. Köln, Gebäude 9
22.10. Nürnberg, Aggropunk Fest
04.11. Wien, Arena Wien
05.11. Dresden, Chemiefabrik
25.11. München, Feierwerk
09.12. Hamburg, Uebel&Gefährlich
10.12. Hannover, Kulturzentrum Faust