Che Sudaka in Hannover

    Che Sudaka
    Foto: Maria Graul

    Seit einigen Wochen ist es frostig in Hannover. Ungewöhnlich hartnäckig hält der Winter mit all seinen Qualitäten und Eigenschaften an der vorherrschenden Jahreszeit fest. Am vergangenen Mittwoch kehrte dann mit der spanischen Band Che Sudaka ein wohliges Gemisch aus dem Temperament Kolumbiens und Argentiniens und der Sonne Barcelonas in das Kulturzentrum Faust ein. Die Reggae-, Punk-, Ska-, Hip-Hop-, Latin- und Alternative-Rock Band kehrte sowohl Winter, als auch Frühling den Rücken zu und beschenkt die rund 200 Gäste des Mephisto mit sommerlichen Hymnen und Rhythmen voller Fernweh, rebellischem Aufstand und pulsierendem Hüftschwung.

    Che Sudaka“ steht auf dem riesigen Banner an der Rückwand der eher kleinen Bühne des Mephisto im Kulturzentrum Faust geschrieben. Che Sudaka ist einer dieser Bandnamen, der klarer als viele andere ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus setzt. Die Brüdern Leo und Kachafaz aus Argentinien und Cheko und Jota aus Kolumbien kamen um das Jahr 2000 als illegale Einwanderer in Barcelona an. So angenehm wie die Vielfältigkeit der Band ist auch das buntgemischte Publikum dieses Abends zu beobachten. Mittlerweile haben sich die vier Musiker weltweit eine treue Fangemeinde eingespielt. Im vergangenen Sommer konnte man die Wahlkatalanen bereits im Zuge des Révoltés Festivals (Bericht) auf der Gilde Parkbühne erleben.

    „Herzlichen Willkommen zur Straßenmusik von Che Sudaka“

    Über eine Verschmelzung elektronischer und Lateinamerikanischer Stile kündigen sich die vier Barcelonier gegen 20.30 Uhr an. Kaum die ersten Akkorde hinter sich gelassen, richtet der fast energieüberladene Kachafaz das Wort an sein Publikum: „Herzlichen Willkommen zur Straßenmusik von Che Sudaka.“ Er grinst und korrigiert: „Vor langer Zeit haben wir Musik auf der Straße gemacht, das ist der Ursprung Che Sudakas.“ Nachdem die vier Musiker Europa erreichten, schlugen sie sich zunächst als Straßenmusiker in täglich wechselnden Projekten um die Plaça de George Orwell im Barrio Gótico von Barcelona durch, seinerzeit Zentrum der alternativen Szene und Treffpunkt für eingewanderte Künstler und Musiker.

    Nach kürzester Zeit ist das Publikum dem Temperament der Spanier spürbar verfallen und vom Rhythmus des südamerikanischen Cumbia-Ska-Punk förmlich infiziert. Hände in den Hosentaschen? Von wegen! Diese schwingen ausdauernd durch die Luft und wer nicht hüpft hat gleich verloren. Von rechts nach links und zurück. Dafür bedarf es nur eine kleine Handbewegung der Band – so viel nonverbale Interaktion gab es schon lange nicht mehr zu beobachten. Die Glückseeligkeit und Euphorie von Tanzenden und Musizierenden ist wirklich überwältigend.

    Che Sudaka sind aktuell auf Tour, um ihr neuestes Album „Almas Rebeldes“ zu präsentieren und im Zuge dessen das fünfzehnjährige Band-Jubiläum standesgemäß zu zelebrieren. Schon der Vorgänger „Hoy“ schneiderte den Musikern weltweit die unumstrittene Referenz des Mestizo-Ska-Punk zu. Rebellische Seelen heißt der Titel übersetzt und damit könnte man ausholen und behaupten, Che Sudaka hätten die Scheibe irgendwie selbstbetitelt.

    Musik als Waffe für mehr Solidarität

    Der südamerikanische Rhythmus zwischen ausgelassener Lebensfreude und ernstgemeinter Revolution passt perfekt ins kalte Hannover und die Band versteht es zusätzlich, ihr Publikum in Perfektion anzuheizen. Fast bekommt man etwas Muskelkater in den Wangen – es macht sich ein beschwingtes und fast beschwipstes Dauergrinsen breit. Und weil Freude keine Grenzen kennt heizt Kachafaz immer wieder an: „Hey Hannover, zeigt uns, dass es Euch gut geht, das ist die Energie, die wir sehen wollen!“ und das Publikum antwortet jubelnd.

    Doch auch wenn die Melodien schwungvoll Freude transportieren, sind die Texte der Südamerikaner durchgehend sozialkritisch und mit ordentlich Ernst und Tiefgang versehen. Es geht immer wieder gegen kulturelle, ideologische und physische Grenzen. Che Sudaka verteidigen das menschliche Zusammenleben gegen politische und mediale Spaltungen und sehen sich als Medium für ein kollektives Bewusstsein. Ihre Musik nutzen die Künstler dabei als „Waffe“ für die Stärkung einer vermehrt solidarischen Gesellschaft. Um das symbolisch zu verstärken drückt sich besonders Leo das Mikro immer wieder kraftvoll auf die Brust.

    Dann entert Cheko das Mikrofon und überrascht: „Ich lerne gerade Deutsch, mal gucken, ob Ihr mich versteht. Dieser Song und dieses Konzert, ist für all die guten Menschen in der Welt. So wir Ihr. Wir müssen verstehen, dass alles was uns unterscheidet ein Schatz ist, der uns zusammenbringt und nicht trennt“ Gänsehaut und zustimmender Jubel setzen ein und Cheko fährt fort: „Der nächste Song ist für Euch, denn wir sind davon überzeugt, dass es das größte Geschenk für Menschen ist, wenn man in ihrer Muttersprache mit ihnen reden kann. Das ist für all die Kraft und die Seele der Menschen. Also klatscht alle mal ordentlich in die Hände.“

    Che Sudaka bringen die Sonne und das Gefühl des Südens nach Hannover, aber besonders in die Herzen der Gäste dieses Abends

    Neben den Songs des 2017er Albums „Almas Rebeldes“ spielt sich der Vierer quer durch seine Diskografie und immer wieder findet die Frage nach dem Glücklichkeitsfaktor des Publikums einen Platz. Wenn das Publikum eher verhalten reagiert, wird nachgebohrt: „Familiaaaaa, seid Ihr happy? Seid Ihr wirklich happy? Wir möchten, dass Ihr heute Abend glücklich nach Hause geht!“ Mit der familiären Ansprache unterstreicht Kachafaz immer wieder die besondere Verbindung zwischen Band und Publikum. Kurze Zeit später wird Bewegung im Gastraum gefordert. Nach rechts und links soll es im Takt der Musik gehen – Hannover überzeugt und Kachafaz bedankt sich großzügig: „Faaaaantastiiiiisch, Ihr seid besser als der ganze Rest, es hat das erste Mal so gut zu beiden Seiten geklappt. Ich glaube Ihr mögt es wirklich. Vielen, vielen Dank.“ Die Hände der Besucher schnellen in die Luft und jubeln ihm die Antwort begeistert entgegen.

    Che Sudaka bringen die Sonne und das Gefühl des Südens nach Hannover, aber besonders in die Herzen der Gäste dieses Abends. Mit den Worten „Erinnert Euch gerade in schlechten Zeiten daran, dass das Leben eine Party ist. Genießt es!“ verabschieden sich die Musiker nach einer ausschweifenden Zugabe von der Bühne. La vida es hermosa. Muchas gracias, Che Sudaka.

    Che Sudaka

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