Chris Dos von Anti-Flag im Interview

Chris Dos von Anti Flag im Interview
Foto: Maria Graul

Im Zuge der Tour zur aktuellen Anti-Flag Platte „Lies They Tell Our Children“ sprachen wir mit Chris Barker, dem Bassisten und Sänger der Band über das neueste Album der Politpunks. Wir erfahren, wie an dem Konzeptalbum gearbeitet wurde und wie der Prozess zwischen Band und Gastmusiker:innen war.

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Moin, es ist mir eine große Freude, mit euch über das neue Anti-Flag Album zu sprechen. Fangen wir doch gleich mal an: Ihr habt „Lies They Tell Our Children“ als Konzeptalbum bezeichnet, war das eine bestehende Idee oder hat es sich zu einem Konzeptalbum entwickelt? Wie sah der Prozess aus? Es war von Anfang an so aufgebaut. Wir haben gemeinsam beschlossen, während der Pandemie keine Platte zu machen, um den Bandmitgliedern Raum für ihre Familien zu geben. Justin kümmerte sich um seinen Vater. Pat und Head hatten zwei kleine Kinder zu Hause. Pats Frau ist Ärztin, sodass sie viel mit Covid und seinen Auswirkungen zu tun hatte. Dies war die längste Auszeit, die wir als Band je hatten und als die Welt aus ihrem Schatten trat, wollten wir wieder Shows spielen und uns wieder mit der Punkrock-Gemeinschaft verbinden, aus der wir so viel Hoffnung und Inspiration schöpfen dürfen. Nach zwei Tourneen durch Nordamerika schrieben wir eine Liste von Themen und historischen politischen Fehlentwicklungen, die wir bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen wollten. Nachdem wir diese Liste erstellt hatten, schrieben wir Songs, um zu ergründen, wie wir zu der Welt gekommen sind, in der wir heute leben.

Auf „Lies They Tell Our Children“ habt ihr eine Menge Gaststimmen versammelt. Wie kam es zu den Kollaborationen? Das war vom Konzept des Albums beeinflusst; für uns machte es Sinn, dass wir die Songs als einzelne Fäden betrachten, an denen wir ziehen, um eine tiefere Bedeutung zu finden, als dass wir sie als eigenständig bedeutsam behandeln sollten. Also haben wir uns auf unsere Einflüsse und Freunde gestützt. Wenn du einen Song, wie „The Fight of Our Lives“ schreibst, ist diese Brücke so sehr von unserer Zeit auf Tour mit Rise Against beeinflusst, dass wir dachten, warum nicht eine Verbindung zu Tim herstellen und allen die Kollektivität des Punks demonstrieren. Das ist oft passiert, mit Victory or Death oder NVREVR bspw. Die einzigen, bei denen das nicht der Fall war, waren Shallow Graves und Imperialism. Diese Gäste waren neuere Künstler, die wir liebten und mit denen wir zusammenarbeiten und sie unterstützen wollten.

Was den Sound angeht, so reicht das Spektrum der aktuellen Platte wahrscheinlich von Hardcore bis hin zu Fußball-Shanty-Songs. Habt ihr den klassischen Anti-Flag-Sound bewusst verändert? Das war keine bewusste Entscheidung, aber wir gehen immer mit dem Bewusstsein an ein Album heran, dass wir versuchen, noch bessere Songwriter und Künstler zu werden. Man versucht also ständig, sich selbst und die anderen in der Band dazu zu bringen, über Dinge auf eine neue Art und Weise nachzudenken; uns aus unserer Komfortzone zu bewegen. Wenn man die Leute mit seiner Musik aus dem Konzept bringen und aufrütteln will, muss man das häufig zuerst bei sich selbst tun.

Das Artwork eines Albums kann das Hörerlebnis erweitern und dazu beitragen, dass die Leute die Absicht des Songs wirklich verstehen. Chris Dos

Gab es Künstler:innen, die ihr gerne auf dem Album gehabt hättet, die jedoch abgelehnt haben? Die Einzigen, die nicht mitmachen konnten, hatten Probleme mit dem Timing. Sie hatten neue Musik, die zur gleichen Zeit erschien oder ihre Termine ließen es nicht zu. Es gab aber kein überraschendes Nein, sondern nur ein „nicht jetzt“.

Woher wusstet ihr, wer am besten zu welchem Song passen würde? Auch hier erinnerte der Song oft an den jeweiligen Künstler, den wir gefragt haben, ob er mitmachen möchte, sodass wir keine allzu großen Schwierigkeiten mit der Vorstellung hatten. Wir haben uns einfach auf die Freundschaft und den Erfolg besonnen.

Was für Inhalte verarbeitet Ihr in Euren Texten? Wenn man das physische Album kauft, gibt es eine Menge Informationen darüber, wie die Songs inspiriert wurden und was ihre tieferen Bedeutungen sind. Man kann selten alle Ideen in einem 2,5-minütigen Punksong unterbringen, also haben wir von Helden wie den Dead Kennedys gelernt, dass das Artwork das Hörerlebnis erweitern und dazu beitragen kann, dass die Leute die Absicht des Songs wirklich verstehen.

Es ist eine tolle Erfahrung und Gelegenheit, wenn diese Menschen in der Nähe sind und mit uns auftreten können. Chris Dos

Wie wurden die Stimmen zusammengebracht? Waren alle Künstler mit Euch im Studio, oder wie lief der Aufnahmeprozess ab? Das war in jeglicher Hinsicht bei allen unterschiedlich. Einige waren in unserem Studio. Andere bei Freunden im Studio. Manche haben unterwegs Zeit eingeplant oder bei Bekannten. Es war ein wirklich gemeinschaftlicher und globaler Prozess.

Wie kam es zu der Entscheidung, fast die Hälfte des Albums als Singles vor der Veröffentlichung zu veröffentlichen? Das wurde dadurch beeinflusst, dass „20/20 Vision“ ein Album geworden ist, das durch die Pandemie stark in der Zwickmühle war. Darüber hinaus dauert es heutzutage sehr lange, Schallplatten auf Vinyl zu produzieren. Also haben wir das Album im Mai fertiggestellt. Im Juni haben wir es abgemischt und gemastert und im Juli den ersten Song veröffentlicht, während wir auf Tour waren. So konnten wir die Songs live spielen und hatten nicht das Gefühl, dass wir warten mussten, um diese Sache, die uns so am Herzen lag, mit anderen zu teilen. Wir lieben diese Songs und wollen, dass so viele Menschen wie möglich sie hören.

Habt ihr derzeit auch Künstler:innen von der Platte bei euren Konzerten dabei? Das haben wir! Stacey Dee war mit uns unterwegs. Brian Baker bei einem Festival. Also ja, wir lassen es natürlich geschehen. Wir können alle Songs auch ohne sie spielen, aber es ist eine tolle Erfahrung und Gelegenheit, wenn diese Menschen in der Nähe sind und mit uns auftreten können.
 
Das letzte Wort hast du! „Lies they tell our children“ gibt es jetzt überall. Besorgt euch ein Exemplar. Hört es euch laut an. Gebt einen Scheiß auf alles andere, als auf Euch selbst. Tröstet die Verstörten, verstört die zu Gemütlichen!