Dave Hause & The Mermaid, Kayleigh Goldsworthy und Cadet Carter in Hannover

    Dave Hause Live Bei Chez Heinz Hannover
    Foto: Maria Graul

    Dave Hause, der einstige Merchandiser für Kid Dynamite und Roadie für Bands, wie The Bouncing Souls oder Sick Of It All, ist ein weiteres Mal mit seiner aktuellen Band The Mermaid in Hannover. Bespielte er 2017 zuletzt das Mephisto des Kulturzentrum Faust, gastiert er heute im Béi Chéz Heinz. Eröffnet wird der Abend von Kayleigh Goldsworthy und Cadet Carter.

    „Es ist uns eine Ehre hier zu spielen. Wir wissen, dass man Musik hier noch honoriert und schätzt.“

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    Von treuen Autos und betrunkenen Flügen

    Kayleigh Goldsworthy, die schon mit Chuck Ragan auf seiner Revival Tour spielte und sich seit ihrer Solokarriere, mit Bands wie Against Me!, The Menzingers, The Front Bottoms und Frank Turner die Bühne teilte, spielt in Hause´s Band The Mermaid Keyboard und eröffnet pünktlich 20.00 Uhr den Abend in Hannover. Mit ihrer zauberschöne Stimme erzählt die in Syracuse, New York geborene Künstlerin, die von ihrer Heimat im Landesinneren nach New York City, Südkalifornien und Nashville reiste, bevor sie endlich Wurzeln in Philadelphia schlug, Geschichten mitten aus dem Leben. Sie erzählt über ihr Auto Sasha, das laut Kayleigh’s Aussage einen echt guten Job macht oder über eine interessant einzuordnende Mischung bestimmter visueller und olfaktorischer Wahrnehmungen, die glasklare Assoziationen schaffen. Das Publikum bittet die Musikerin, diese Vorstellung mit dem Bild, betrunken im Flugzeug zu sitzen, zu verknüpfen – denn auch über so eine Situation habe sie einen Song geschrieben. Sie entschuldigt sich charmant für die schon so oft besprochene Mittelsäule der Bühne des Chéz Heinz und verspricht dem Publikum immer mal wieder die Bühnenseite zu wechseln. Die Gäste spenden Applaus, Goldsworthy kommt beim gut gefüllten, aber sehr zurückhaltenden Publikum an.

    Bildergalerie: Kayleigh Goldsworthy

    „Das nächste Lied ist für alle, die `ne scheiß Zeit haben oder hatten“

    Nach einer wirklich kurzen Umbaupause nehmen Cadet Carter aus München Schwung auf. Rund 270 Besucher stehen fest verwachsen vor der Bühne und lassen das Gefühl entstehen, als würde man auf die Stones warten. Ein Anblick, den man zu so früher Konzertstunde eher selten sieht. Neben vereinzeltem Kopfnicken bilden sich hier und da kaum wahrnehmbare Zuschauerchöre. Die Tanzbereitschaft unter den Gästen zeichnet sich allerdings beim besten Willen nicht ab. Man kann es vielleicht auf einen Sonntag entschuldigen, denn in Hannover ist aktuell rund um die Woche ziemlich viel los. Cadet Carter liefern ab und versuchen das Publikum immer mal wieder zu animieren. Dieses lässt sich abholen. Hier sei es wesentlich wärmer, als in München, im Süden des Landes, stellt Frontmann Nick Sauter fest und bewirbt im selben Atemzug das neue, selbstbetitelte Album. Cadet Carter servieren einen einwandfrei sonntagsverträglichen Alternative Rock. Beim Woohoo-Einsingen für den US-amerikanischen Hauptact des Abends, braucht das Publikum zwei, drei Anläufe, kommt dann aber aus sich raus und stimmt mit ein. „Das nächste Lied ist für alle die ’ne scheiß Zeit haben oder hatten“, verabschiedet Sauter vor dem letzten Song „Bad Few Weeks“ und fährt fort „Du kannst nicht ewig darin versinken, irgendwann musst man den Arsch auch wieder hochbekommen.“ und verspricht: „Vielen Dank Hannover, wir sehen uns ganz bald wieder!“

    Bildergalerie: Cadet Carter

    Die Temperatur steigt merklich

    Drei Songs bevor es so richtig losgeht, soll sich das Béi Chéz Heinz an diesen warmen Frühlingstag verdunkeln. Mit der Vorfreude der Besucher, steigt auch die Temperatur im Kellerclub merklich. Der Musikerkollegen Dan Adriano prophezeit mit seinem Song „From This Oil Can“ die vorherrschende Stimmung des Abends. Als Dave Hause endlich die Bühne mit seinen Mermaids und dem Song „Eye Aye I“ betritt, wird das zuvor noch recht verhaltene Publikum zumindest vom Geräuschpegel agiler. Mehr als eng gedrängt verteidigt man seine Position in den ersten Reihen. Die Musiker sind gut drauf und so geht es Song für Song ohne große Pausen oder Ansagen durch den ersten, sehr gediegenen Teil des Sets.

    Neben einigen altbekannten Gesichtern, denen die vergangenen konzertreichen Wochen hörbar in den Knochen stecken, wirkt das Publikum bunter gemischt, als so oft. Man lauscht Songs wie „The Ditch“, „Autism Vaccine Blues“ oder „Lemon Hill“ und Hause bedankt sich immer wieder lachend. Lindsay, die beste Freundin seiner Frau ist am Merch dabei und nach einer wirklich herzliche Danksagung des Musikers, ist auch Lindsay ganz aus dem Häuschen und freut sich zum ersten Mal in Deutschland zu sein. Der wohl eingängigste Ohrwurm seiner Solokarriere, „C’Mon Kid“, schließt an und lockt die Stimmstärke der Fans ans Kellerlicht.

    Dave Hause steigt in die Fußstapfen Springsteens

    Hause war vor ziemlich genau einem Jahr gerade mitten in den Arbeiten an seinem neuen, kürzlich erschienenen Album „Kick“ (Albumreview), welche er damals, durch die großartige Nachricht Vater von Zwillingen zu werden, unterbrach. Die Platte ist mittlerweile auf dem Markt und Hause wirkt gesetzter. Es wirkt, als würde der Vollblutmusiker in die Fußstapfen Springsteens steigen. Die Hardcore Wurzeln, des aus Philadelphia stammenden Künstlers, scheinen auf Eis zu liegen und auch The Loved Ones stehen immer mehr auf einem ganz anderen musikalischen Stern. Das kann definitiv jeder finden, wie er will, doch obwohl diese Show unbestritten wie auf diesen Tag geschnitten scheint, vermissen die alteingesessenen Fans auch die andere Live-Energie des Amerikaners.

    Bildergalerie: Dave Hause & The Mermaids

    „Diese kleinen Läden fühlen sich vielmehr nach Heimat an.“

    Songs wie „Dirty Fucker“ kommen an und werden gefeiert und im Verlauf der Show gibt es nicht nur für Lindsay am Merch Applaus, sondern auch für The Mermaid. Am Tag zuvor bespielte man das Groezrock in Belgien und der Frontmann freut sich, was dort für großartige Bands zusammenkommen, doch „diese kleinen Läden fühlen sich vielmehr nach Heimat an“. Tim an der Gitarre ergänzt, dass Deutschland sein Lieblingsland sei und bestärkt diese Aussage, als er auf die Nachfrage, ob das nicht Kalifornien sei, verneint. „Shaky Jesus“, ein weiterer Song vom Album „Bury me In Philly“, versetzt den Kellerclub in eine eindrückliche Stille, wie man es nicht oft im Heinz erlebt. Und so erklärt sich letztlich auch dieses selten zu beobachtende Phänomen, dass sich die Besucher ohne den altbekannten Abstand vor die Bühne drängen. Sie hängen an seinen Lippen und folgen dem Musiker Zeile für Zeile. Das Publikum schwingt im Takt fast unsichtbar von rechts nach links und zeigt sich immer wieder textsicher.

    Musikalisches Multitalent trifft single-tasking Genie

    „Vielen, vielen Dank Leute, habt ihr Songwünsche?“, fragt Hause und stimmt, einen alten Begleiter der Band im Publikum begrüßend, „Resolutions“ vom gleichnamigen Album an. Im Song singt Hause passender Weise: „Resolutions, resolutions, a little too much sin. I want to play my Al Green records and spend more time with Tim.“ Ein elementarer Bestandteil der Band ist nämlich mittlerweile Daves Bruder Tim, mit dem er in enger Zusammenarbeit die neue Platte erarbeitet hat. Dass diese Kooperation prägend ist, zeigt sich auch auf dem Banner, welches, wie auch das neue Album, den Namen Hause präsentiert. Und nicht nur von Tim ist der Leadsänger merklich fasziniert, auch Matt Olsson am Bass wird anerkennend angekündigt. Das musikalische Multitalent würde nämlich nicht nur ein Instrument nach dem anderen beherrschen, sondern auch beim Kollegen Fallon Schlagzeug spielen. Dave ist gut drauf und so scherzt er in lockerer Interaktion mit der Band: „Ich hab schon Schwierigkeiten gleichzeitig Kaugummi zu kauen und mir die Schuhe zu binden!“

    Dafür, dass der Abend eher ruhig verläuft, singen die Besucher das schnellere „We Could Be Kings“ inbrünstig mit. „In Amerika sind immer alle unter Stress“, erklärt Hause und leitet das Ende des Abends ein: „Da will man keine Zugabe, da will man, dass die Band ihre Songs spielt und man dann wieder nach Hause kann. Es ist uns eine Ehre hier zu spielen. Wir wissen, dass man Musik hier noch honoriert und schätzt.“

    „Es fühlt sich an, als hätten wir nie mehr Freiheit spüren können.“

    Die Zugabe startet mit dem erst kürzlich erschienene „Fireflies“. Nun ist Hause auch in Plauderlaune und so kündigt er den Song mit der dazugehörigen Geschichte an, in der es um besonders wichtige Menschen im Leben geht, die einem einerseits nicht erst jetzt, sondern schon vielleicht ein ganzes Leben lang nah sind, aber auch die, die einem ein lang vermisstes Gefühl zurückbringen können. Es geht um die Leute und Emotionen, auf die man ein bisschen besser aufpassen sollte: “Wir schnitten Nachts Löcher in den Zaun des Golfplatzes. Wir rauchten dort Gras, betranken uns und machten rum. Es fühlt sich an, als hätten wir nie mehr Freiheit spüren können. Ich kann mich zumindest nicht an eine Zeit erinnern, in der ich mich ähnlich frei fühlte. Das Problem dabei ist allerdings, dass man in dem Alter nicht realisiert, dass man diesem Gefühl ein Leben lang hinterherrennen wird. Also habe ich mit Tim versucht einen Song zu schreiben, in dem man eine besonders wichtige Person bitte gemeinsam an diesen Ort voller Freiheit, Zeit und Erinnerungen zurückzukehren.“

    Und dann ist diese soeben besungene Zeit zwar eine wichtige, aber auch flexible Variable, wenn sie für einen kurzen Moment stehen bleibt und die Musik einfach nicht aufhört zu spielen. Während „The Great Depression“ und „Sabateurs“ noch laufen, verlassen die ersten Gäste bereits das Venue, aber Hause sieht es gar nicht ein gleichermaßen die Bühne zu verlassen, setzt mit einer zweiten Zugabe nach und geleitet seine Gäste somit, getragen von den mehr und mehr zarten Klängen und melancholisch bis wütenden, aber zumeist selbstreflektierten Texten, in eine kühle Frühlingsnacht, die diesen Abend noch eine Weile nachhallen lassen wird.  So bildet „Time will tell“ dann nicht nur musikalisch, sondern auch metaphorisch ein Ende, welches vor allem eine universelle Zuversicht gibt.