Get Dead – Dancing With The Curse

Get Dead veröffentlichen mit „Dancing With The Curse“ das definitiv stärkste Album ihrer Karriere und somit die erste Scheibe, die für mich den Bann der „schnell ad acta gelegten“ Platten beendet. Was das bedeutet, kann man sich vielleicht vorstellen, aber dazu später mehr.

„Lasst Get Dead vielleicht nicht die erste Band sein, die nach der Pandemie Europa betourt – mit ‚Dancing With The Curse‘ werden die Musiker und ihre Fans diesen Kontinent ohne mit der Wimper zu zucken niederbrennen.“

Melodien, Breaks und überraschende Momente

Angenommen werden kann, dass „Dancing With The Curse“ in den letzten zwei Monaten mindestens eine Million Rotations in meinem Orbit gemacht hat. Es läuft einfach überall und das Gros der Songs fasziniert mich immer noch und wieder. Es sind die Melodien, die Breaks, die überraschenden Momente, die Diversität der Genres und am Ende ganz sicher dieses unfassbare Hitpotential seiner Songs. Wenn ich an eine Full-Album-Show denke, bekomme ich einen Haufen dieser unfassbar angenehmen Gänsehaut – das gab es vielleicht im modernen Punkrock der letzten, sagen wir mal 15 Jahre, noch nie.

„Everybody´s gonna get dead“: Auch wenn Frontmann Sam die Worte „We keep moving like DiCaprio, behavior thuggish“ in einer großartigen Ausgereiftheit abarbeitet, eröffnet „Disruption“ ein amtliches Rap, Ska und Reggae Gewitter, dass sich gen Ende im schönsten Punkrockreigen entspannen wird. „Nickel Plated“ hält Takt und gibt dabei ordentlich auf die Fresse. Während vermutlich mit den Worten „No te enganes“ eine mexikanische schwarz/weiß Komödie aus dem Jahr ’37 benannt wird, ist es auch eigentlich egal, wie autobiografisch hier abgerechnet wird, am Ende ist klar „Love is the only worthy death“!

Im musikalischen und lyrischen Wechselbad

„Fire Sale“ verknüpft erneut die Genres und beinah könnte man denken, Sams charakteristische Artikulation würde sich im Eifer der Strophe überschlagen wollen, während er das längst zugesprochene Bad Boy Image ganz gezielt aufrecht hält. Ein starker Song im musikalischen und lyrischen Wechselbad: „Go grab an abacus an abracadabra Stick. Youre gonne need mathematics and magic to follow us after this.“ „

Stickup“ gehört in all seiner Großartigkeit zu den Songs, die klar mit der gebrochenen Welt und einem desaströsen Establishment inklusive Gesellschaft abrechnen. Dazu schreit sich Sam, neben einer begnadeten Rhythmusgruppe, die raue, rauchige Seele aus dem Hals. Klassenkampf as its finest – „this place is collapsing. We are all going down!“

Zum Glück ist zumindest das sterbliche Ende noch nicht ganz so nah und „Glitch“ legt im wahrsten Sinne nach. Ein hochemotionaler Song, der mit den erfolgreichen und gescheiterten Einschlägen zwischen Tourleben und Beziehung hadert: „Wenn man zu Hause ist und mit jemandem, den man liebt, den Alltag durchlebt, verliert man nach einer Weile sehr leicht den Grund aus den Augen, warum man mit ihm zusammengezogen ist. Die guten Zeiten werden seltener und weichen Stress, Ängsten, Verantwortung und all den anderen Dingen, die Menschen auseinanderreißen. Fehler bekommen mehr Gewicht und schließlich wird dieses Gewicht für zwei Menschen zu schwer“, findet zumindest Sam King – meiner Meinung nach hört sich eine damit verbundene Abgeklärtheit anders an. Just saying.

Dafür gibt es keine Kategorie

Für Get Dead gibt es ganz offensichtlich keine Kategorie. Von Hardcore bis HipHop kann auf jedem Album immer alles auftauchen. Wenn das nicht mal Punk im engsten Sinne ist. Vielleicht verschafft nämlich genau das der Band eine Basis, die sich nie verbraucht anfühlt.

„Confrontation“ baut schnell einen ordentlichen Spannungsbogen auf und ballert dann im dreckigsten Ska-Punk los. Beleuchtet wird die Zerrissenheit der Gesellschaft und die damit verbundenen vorgegaukelten Möglichkeiten. 2-toneesk schließt „Hard Times“ an und spielt „8 Track“ in die Karten. Übrigens ein „unfassbar kreativer“ Name für einen Song, käme man nicht auf die Idee, dass hier geschickt mit dem großen Motiv des Drogenmissbrauchs gearbeitet wird. Der „8 ball“ beschreibt umgangssprachlich 3.5 Gramm Kokain. Get Dead fahren in nahezu jeder Zeile ein unbegreiflich detailliertes und verspieltes Songwriting auf.

„Green Girl“ lässt die Gläser klirren und hat nichts gegen einen gebührenden Absturz, womit sich die Substanzen, die es zu missbrauchen gilt, nach und nach die Klinke in die Hand geben. Bitter und dennoch ein nicht ganz uneleganter Spiegel. Besonders auffällig und eingängig ist hier das Zusammenspiel zwischen Gitarre und Bass.

„Pepperspray“ ist melodisch so ein unfassbar schöner Akustiksong, der definitiv auch inhaltlich was hermacht. Lang vor den BLM Sommerdemonstrationen dieses Jahres geschrieben, gibt er jedem Menschen, der sich für die gute Seite in den Sturm stellt so unendlich viel Kraft und Motivation. Get Dead vermitteln allen zu unterstützenden Demonstranten, dass es genau das Richtige ist, was sie tun.

Weit aus dem Fenster gelehnt

Ich könnte mich jetzt weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass „Confidence Game“ einer der großartigsten Punksongs des Jahres ist und ich würde das Fenster schließen und es genauso meinen. Den Abschluss macht das treibende „Take It“ und während die heavy rotation von vorne beginnt, fragt man sich, wie diese guten dreißig Minuten überhaupt ein Ende haben konnten: Mein bis dato absolutes Album des Jahres 2020.

Es ist echt zum Heulen, dass es noch verflucht lange dauern wird, bis wir dieses Meisterwerk live erleben dürfen. Lasst Get Dead vielleicht nicht die erste Band sein, die nach der Pandemie Europa betourt – mit „Dancing With The Curse“ werden die Musiker und ihre Fans diesen Kontinent ohne mit der Wimper zu zucken niederbrennen.

Video: Get Dead – Disruption

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Get Dead - Dancing with the Curse AlbumcoverGet Dead – Dancing With The Curse
Release: 09. Oktober 2020
Label: Fat Wreck Chords
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