Kind Kaputt – Zerfall

„Wer sind eigentlich Kind Kaputt?“ war mein Stand Anfang Februar 2018. An diesem Abend gastierten die 8Kids in Leipzig und Kind Kaputt gaben den Support. Ohne jegliche Erwartungen und musikalische Vorkenntnisse ließ ich mich auf die drei Typen ein. Und naja, was soll man sagen, ich war sowas wie begeistert! Irgendetwas war da neu, ungewöhnlich und doch vertraut und altbekannt. Diese unkonventionelle Mischung aus ziemlich geilem Sound, einer „unperfekten“ Stimme und einer charmant jugendlichen Art haben mich direkt vereinnahmt. Zum Leidwesen der 8Kids war der Support aufgrund dieser unerwarteten Erfahrung mein Highlight für diesen Abend. Seitdem lief die 2018er EP „Die Meinung der Einzelnen“ des Öfteren rauf und runter und machte definitiv Bock auf mehr. Warum ich diese lange Einleitung mit meiner persönlichen Erfahrung schreibe? Das hier ist mein erstes offizielles Review und ich habe definitiv große Erwartungen an das erste Album von Kind Kaputt.

„Ein wirklich gelungenes Debütalbum einer hochmotivierten, aber leider noch recht unbekannten Band, das hohen Erwartungen durchaus gerecht wird.“

Ein leidenschaftliches Plädoyer, das sich anschließend in energiegeladenen, meist druckvollen Refrains entlädt

Auch nach fünfmaligem Hören der LP fällt es schwer, das alles in seiner Komplexität zu erfassen, um es in angemessen in Kurzform wiederzugeben. Das ist keineswegs negativ zu interpretieren, da das Angebot an Platten, die mangels Tiefgründigkeit nach drei Durchläufen abgenutzt erscheinen und in der Belanglosigkeit von Playlisten verschwinden, viel zu groß ist. Vielmehr kann man positiv erwähnen, dass man Stück für Stück mehr entdecken kann und von Mal zu Mal mehr zwischen den Zeilen erkennt, was vorher nicht offensichtlich war.

Der Sound von Kind Kaputt knüpft erfreulicherweise nahtlos an das an, was man bisweilen von der Band kennt. Mit einem großen Spektrum an klanglicher Dynamik der Songs und viel Liebe zum Detail in den Arrangements, schaffen es Kind Kaputt ihren eigenen Sound zu profilieren. Sie verstehen es dem Zuhörer mit einer immer noch gut erkennbaren Struktur die Möglichkeit zu geben, die Band durch ihre vielfältigen Gedanken zu den einzelnen Kapiteln von „Zerfall“ zu begleiten. Zum Wiedererkennungsmerkmal entwickelt sich im Verlauf immer deutlicher der Strophengesang, welcher – oft vorgetragen – gleich eines leidenschaftlichen Plädoyers daherkommt, um sich anschließend in energiegeladenen sowie meist druckvollen Refrains zu entladen. Im Vergleich zu früheren Auskopplungen erscheint es ab und an so, dass etwas instrumentelle Verspieltheit gegen den Fokus auf Text und Inhalt eingetauscht wurde.

Schuld. Eingeständnis. Vermeidung.

Schwermütig offenbaren sich die Texte – vom Leben ernüchtert durch diesen verfluchten Prozess, durch den man im Begriff ist erwachsen zu werden und im zunehmenden Bewusstsein der Vergänglichkeit, die uns allen innewohnt. Jedoch ohne dabei haltlos verzweifelt zu wirken und den Hörer am Ende mit weinerlichen Statements und Phrasen fremdverschämt zurückzulassen. Die Texte bieten einiges an Raum, um sie selbst zu interpretieren und sich darin wiederzufinden. Was im Gegensatz zu vorherigen Songs wie „Denkmal“ und einigen Liedern der EP fehlt, ist der unterschwellig mitreisende Optimismus der dort spürbar war. Aber auch das ist im Kontext der behandelten Themen des Albums nur folgerichtig und verleiht der Platte eine angenehme Ernsthaftigkeit.

Neben den Vorabauskopplungen „Geisel“ und „Schwerschlucken“, welche das Warten auf das Album durchaus verkürzt haben, finden sich noch einige, wirklich großartige Tracks auf der LP. Songs, die meinen persönlichen Geschmack getroffen haben, möchte ich kurz als eine Top 3 nennen. Somit ist „Schuld“ eine schöne Abwechslung auf Position neun. Ein Start mit einem klassisch schönen Gitarrenintro und anschließend angenehmer Gesangsmelodie. Die Steigerung des Songs reißt mit, um gegen Ende quasi zu eskalieren. Das Abschlussthema hinterlässt ein versöhnliches Gefühl. Kategorie „Lieblingslied“.

Die vorher bereits beschriebene Dynamik kommt durch „Eingeständnis“ sehr gut zum Tragen. Am Ende besticht das Lied mit erstklassigen Instrumentalthemen, denen hier entsprechend viel Zeit zur vollen Entfaltung eingeräumt wird. Letztlich pusht der treibende Anfang von „Vermeiden“ den Puls und verleitet zum Kopfnicken. Zu Beginn doch eher klassisch strukturiert, vereint der Song viele Elemente die Kind Kaputt ausmachen.

Der vierte Mann

Ein wirklich gelungenes Debütalbum einer hochmotivierten, aber leider noch recht unbekannten Band, das hohen Erwartungen durchaus gerecht wird. Die Songs bestechen durch ein hohes Maß an Tiefgründigkeit. Sowohl textlich, als auch musikalisch spürt man den Enthusiasmus, den die drei Musiker hier an den Tag legen und der Sache so ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Erwähnenswert ist auch die Gesamtkonstellation der Band, die den vierten Mann, verantwortlich für die visuelle Kreativarbeit, bewusst mit in den Fokus als offizielles Bandmitglied rückt. Von mir eine ganz klare Empfehlung, sich die Zeit zu nehmen, diese LP ausführlich zu hören und sich ein eigenes Bild zu machen.

Video: Kind Kaputt – Schwertschlucken

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Hier erhältlich
KIND KAPUTT Zerfall 2019Kind Kaputt – Zerfall
Release: 22. März 2019
Label: Uncle M