Kummer und Blond live in Hannover

Kummer am 09.09.2022 live in der Swiss Life Hall in Hannover
Foto: Hanna Hindemith

Ziemlich genau zwei Jahren und 11 Monate sind seit der Veröffentlichung von Felix Kummers erstem Soloabum (Albumreview) vergangen – dass es auch das letzte sein sollte, war Ende 2019 noch nicht abzusehen. Auf der „Kiox“-Tour wollte Kraftklubs Frontmann im März 2020 das ausverkaufte Capitol bespielen – doch die Pandemie machte ihm, wie einem Großteil der Kulturschaffenden, einen Strich durch die Rechnung. Während mehrmals Ersatztermine angesetzt und aufgrund der Corona-Lage wieder verworfen wurden, wurde es ruhig um Kummers Soloprojekt.

Am 20. Oktober 2021 kündigte er schließlich eine letzte Single an: „Der letzte Song“ mit Fred Rabe, Sänger der Giant Rooks, als Feature-Gast. Die restlichen Termine wurden kurzerhand in „Bye, Bye Kummer“-Tour umgetauft, die Show in Hannover in die Swiss Life Hall hochverlegt. Diese letzte Gelegenheit wollte sich niemand entgehen lassen.

Ich bin ein Connoisseur des Moshpits, aber achtet bittet aufeinander – für manche ist es vielleicht das erste Konzert.Kummer

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Blond feiern den offenen Umgang mit der Menstruation

Als Support-Act bringen Blond die ausverkaufte Halle auf Betriebstemperatur. Das Indie-Pop Trio aus Chemnitz ist durch Songs wie „Spinaci“, „Sanifair Millionär“ und „Books“ bekannt geworden – und nicht ganz zufällig dabei: Die Band besteht aus Nina und Lotta Kummer, Felix‘ Halbschwestern, sowie deren Kindheitsfreund Johann Bonitz. In prinzessinnenhaften Rüschenkleidern betreten die Schwestern die Bühne und legen mit „Thorsten“ los. Der ironische Text über Mansplaining und ungefragte Kommentare, die das Äußere betreffen, gepaart mit einem satten Sound, bringen erste Bewegung ins Publikum. Als sich die Schwestern bei einem kurzen Mitmach-Tanz die Rüschenkleider herunterreißen und stattdessen Cheerleader-Uniformen zum Vorschein kommen, wird der Jubel lauter. In „Mein Boy“ besingen sie anschließend die schwierige Suche, nicht nur nach einem, sondern dem richtigen Therapeuten.

Bildergalerie: Blond

Nach dem Hit „Sanifair Millionär“, dessen Performance einem wilden Zirkus mit Kippe im Mundwinkel gleicht und die Zuschauer zum Tanzen bringt, wird es Zeit für eine ebenso wortgewandte wie feministische Ansage der Schwestern, die obendrein den „Da muss man dabei gewesen sein“-Podcast betreiben. „Alle, die jetzt noch nicht bluten, fangen spätestens beim ersten Refrain damit an“, verkündet Nina und fügt süffisant hinzu: „Helft Euch bitte aus mit Hygieneartikeln.“ Der Song „Es könnte grad nicht schöner sein“ bringt mit Zeilen wie „Ich habe eine gute Zeit und genau dann kicken meine Tage rein“ oder „Du gehst Dich schlagen, redest über Dein Glied, Rede ich von meinen Tagen, vergeht Dir der Appetit“ die Thematik rund um Menstruationsschmerz und -shaming auf den Punkt. Nach „Du und Ich“, einem humoristischen Gedankenspiel zu möglichen Reaktionen auf begrapscht werden und ungefragt zugesendete Dick Pics, verabschiedet sich das Trio – nicht ohne einen Hinweis auf ihre Show am 4. November im MusikZentrum.

Der Connoisseur des Moshpits

Lana del Reys „Summertime Sadness” läutet nach kurzer Umbaupause Kummers Auftritt ein – den von Felix diesmal. Mit oranger Bomberjacke stürmt er die Bühne und performt „9010“ vor einer hohen LED-Wand. Das Publikum ist – nach der jahrelangen Wartezeit – mehr als bereit, den Abend denkwürdig zu gestalten: bereits nach einer Minute wird der erste Moshpit eröffnet. Vor der Bühne hält jemand ein Schild mit der Aufschrift „Du bist okay“ hoch – Felix bemerkt es und bedankt sich für die Überleitung zum nächsten Song. Dem Debütalbum folgend, gibt Kummer danach „Nicht die Musik“ und „Aber nein“ zum Besten. An das springende, mitsingende und moshende Publikum gerichtet sagt er: „Ich bin ein Connoisseur des Moshpits, aber achtet bittet aufeinander – für manche ist es vielleicht das erste Konzert.“

Wie die Kelly Family, nur cooler

Die Ballade „Der letzte Song (Alles wird gut)“ existiert mittlerweile in verschiedenen Versionen. Eines vorweg – weder Fred Rabe noch Nina Chuba waren an diesem Abend als Duettparter in der Swiss Life Hall. Doch für den weiblichen Gesangspart hat der Chemnitzer mit Blond eine würdige Vertretung gefunden. Nina, Lotta und Felix Kummer auf einer Bühne – so etwas kennt man sonst nur von der Kelly Family. Nach der sentimentalen Mitsing-Hymne reißt das Kraftklub-Cover „Schüsse in die Luft“ in einer eigenwilligen Rap-Interpretation die Besucherinnen und Besucher wieder aus ihrer Trance. Der Hallenboden bebt vom Springen, doch für Kummer ist noch Luft nach oben: „Hannover, das war gut, aber…“

Bildergalerie: Kummer

Mit „Ein Song reicht“ und „Randale“ folgen weitere Kraftklub-Cover, Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der Halle steigen beständig an. Zum Durchatmen hält die Setlist jedoch noch einige ruhige Stücke des Soloalbums bereit. „Es tut wieder weh“ und „26“ machen den Anfang. Vor „Alle Jahre wieder“ sagt Kummer: „Gestern ist zwar die Queen gestorben, aber wir spielen diesen Song für alle, die zu früh gestorben sind.“

Der wirklich letzte Song

Passend zur Temperatur in der Menge folgt der Zugezogen Maskulin-Song „36 Grad“, bei dem Felix Kummer unter seinem Alias Carsten Chemnitz als Feature-Gast mitwirkte. Nach dem Kraftklub-Cover „500 K“ folgt erneut „Der letzte Song“, diesmal in der Fred Rabe-Version – nur ohne Fred Rabe. Kummer dirigiert den Gesang des Publikums von der Bühne aus und aktiviert mit seinen von satten Bässen begleiteten Rap-Parts die letzten Energiereserven der Anwesenden. Als der 33-Jährige von der Bühne verschwindet, ist klar, dass das nicht alles gewesen sein kann – ein paar wichtige Stücke fehlen noch, um den Abend abzurunden und die Fans zufriedenzustellen.

Unter Zugabe-Rufen und großem Jubel kommt Kummer auf die Bühne zurück und performt das selbstreflektierte Liebeslied „Bei Dir“, gefolgt von „Der Rest meines Lebens“. Auch wenn die Bariton-Gesangsparts von Max Raabe vom Band kommen, tut das der rührseligen Abschiedsstimmung keinen Abbruch. Im Saal wird mitgesungen, Feuerzeuge werden entzündet und Handy-Taschenlampen aktiviert – bis nur noch zu sagen bleibt: Bye, Bye!