Marius von All Aboard! im Interview

All Aboard! im Interview
Foto: Jannik Holdt

Lange Zeit war es still um All Aboard! 2015 erschien mit „Aficionado“ das letzte Album, aber nur digital. Band und Musik schien der Alltag, bestehend aus Familie, Jobs und einigem mehr, zu schlucken, wirklich viele Konzerte fanden nicht mehr statt. Doch dann kam Corona und plötzlich hatte das Quartett aus Mönchengladbach wieder Bock auf gemeinsames regelmäßiges Proben und das Entwickeln neuer Songs. Daraus ist in kurzer Zeit das neue Album „The Rules Of Distraction“ geworden, ein starkes Stück Punkrock und das wohl mit Abstand beste Werk der Band. Wenige Tage vor Release unterhielten wir uns mit Schlagzeuger Marius über die Entstehung des Albums, die einzelnen Songs und über vieles mehr.

„Dann kam Corona und urplötzlich hatten wir wieder Bock auf die Band und wir waren wieder Feuer und Flamme.“

„The Rules Of Distraction” ist in wenigen Tagen draußen. Erzähl doch mal ein wenig zur Entstehungsgeschichte. Wir haben seit sechs Jahren keine neue Musik mehr herausgebracht oder veröffentlicht. 2015 haben wir mit „Aficionado“ noch ein Album eingespielt, welches aber nur digital auf den Markt kam. Wir haben in der Zeit eigentlich mehr mit dem echten Leben gekämpft. Irgendwie hatten Familie, Jobs und vieles mehr deutlich mehr Priorität. Und irgendwie waren aber auch nicht alle aus der Band damit happy, dass wir einmal im Monat probten, Bier tranken und vielleicht zwei Shows im Jahr spielten. Aber genau dahin hatte sich das entwickelt. So standen wir öfters kurz davor, es komplett sein zu lassen und All Aboard! einzustellen. Wir hatten uns ursprünglich mal gegründet, um eine Band auf Tour sein zu können und haben ja auch viel live gespielt. Und dieser Anspruch ist bei manchen verloren gegangen, bei anderen aus der Band aber noch nicht, zu mindestens nicht komplett. Jeder aus der Band musste also für sich erstmal entscheiden, ob es das noch ist und ob es noch Sinn macht, mit All Aboard! weiterzuspielen. Die Diskussion haben wir tatsächlich öfters geführt und es sah auch gar nicht so gut aus. Doch dann kam Corona! Von heute auf morgen hatten wir alle so viel Zeit und wussten nicht mehr wohin damit. Und plötzlich hatten sich weitere Gespräche über die Zukunft der Band erübrigt, da wir normal geprobt haben, Songs geschrieben und erste Demos aufgenommen haben. Wir hatten alle nix mehr so tun und das erste was wir machen wollten, war zusammen zu proben und etwas neues aufzunehmen. Urplötzlich hatten wir wieder Bock auf die Band und wir waren wieder Feuer und Flamme. Viele Songs sind daher neu entstanden. Zudem haben wir Songfragmente, die wir zuvor schon mal erstellt hatten, die aber liegengeblieben waren, genommen und diese als Basis für weitere Songs genutzt. Und im Sommer sind wir dann ins Studio gegangen und haben aufgenommen.

Dann seid ihr ja einige von wenigen, die sagen können „Corona sei Dank“! Ja, auf jeden Fall. Ob es die Band noch ohne die Pandemie geben würde, kann ich nicht sagen, aber auf jeden Fall hätten wir, glaube ich, diese Energie und Leidenschaft nicht mehr hineingesteckt, wie wir es nun gemacht haben. Ich glaube, sonst hätten wir kaum ein neues Release realisieren können. Und jetzt sind wir tatsächlich wirklich wieder komplett angefixt. Derzeit warten wir zwar darauf, endlich wieder Shows spielen zu können, denn eine Social Media-Band sind wir nicht. Wir sind aber alle tierisch happy mit dem neuen Album und freuen uns, dass noch einmal ein neues Baby von uns herauskommt.

„Wir sind einfach älter geworden, unser Musikgeschmack hat sich auch ein wenig verändert und auch unser Zusammenspiel hat sich weiterentwickelt und zum Glück auch verbessert.“

Ja, das Album weiß ja auch zu gefallen. Dabei ist mir aufgefallen, auch im Vergleich zu früheren Outputs oder Konzerten von Euch, dass Ihr Euch irgendwie schon weiterentwickelt habt. Meiner Meinung nach seid Ihr ein stückweit musikalisch erwachsen geworden. Würdest Du diese Aussage unterschreiben? Ich weiß genau was Du meinst und ja, aus meiner Sicht stimme ich voll zu. Früher, zu der Zeit, als Du unsere ersten Shows gesehen hast, hat unser Sänger David einen Song auf der Akustikgitarre gespielt und wir anderen haben dann irgendetwas dazugeschrammelt, fertig war der Song. Tatsächlich sind so die ersten 15 Songs in nicht einmal ganz drei Monaten entstanden, mit denen wir sehr lange fast ausnahmslos live unterwegs waren. Das ist mittlerweile komplett anderes. Ein Song braucht viel länger, der gesamte Prozess ist ein komplett anderer und langwieriger. Zudem schreiben wir die Songs jetzt zusammen. Es ist halt etwas komplett anderes mittlerweile und das meine ich nicht wertend. Wir sind einfach älter geworden, unser Musikgeschmack hat sich auch ein wenig verändert und auch unser Zusammenspiel hat sich weiterentwickelt und zum Glück auch verbessert. Ich kann aber auch jeden verstehen, der sagt, ich stand mehr auf die rotzigen Momente eurer Musik. Ich höre auch, dass sich da etwas verändert hat. Aber das war einfach für uns nicht mehr zeitgemäß.

Das neue Album trägt den Namen „The Rules Of Distraction“, der laut Infozettel an das Buch „The Rules Of Attraction“ von Bret Easton Ellis aus dem Jahr 1987 angelehnt ist. Was hat es damit auf sich und wie seid Ihr darauf gekommen? Bret Easton Ellis ist der Autor von „American Psycho“. Ich habe das Buch im vergangenen Jahr zum zweiten Mal gelesen und bin darüber durch Zufall auf „The Rules Of Atraction“ gekommen. Das war gerade zu der Zeit, in der wir wieder angefangen haben intensiver Songs zu schreiben. Und da ich den Titel total catchy fand, ohne genau erklären zu können warum, habe ich angefangen damit ein wenig rumzuspielen. Bei uns ist es jetzt „Rules Of Distraction“ geworden, die „Regeln der Ablenkung“ oder die „Regeln der Verstörtheit“ oder so in der Richtung. Das passt einfach ganz gut zu den Themen, die wir in den Texten auf dem Album verarbeiten – in Bezug auf Verstörtheit. Es passt aber auch, da wir uns in diesen Coronazeiten von vielen Dingen ablenken lassen, die eigentlich wichtig sind. Den Bogen haben wir dann als Jahrmarktthema auf dem Cover noch einmal in die andere Richtung gespannt.

Wo Du es gerade ansprichst: Das Cover mit der Comicoptic und der Rummelszenerie ist wirklich cool geworden, wie ist es entstanden? Beim Plattencover hatte ich schon länger das Bild vom Spreepark bei Berlin vor Augen, ich weiß nicht ob Du das kennst. Das ist ein verwilderter und verwucherter Freizeitpark in Treptow, der vor knapp 20 Jahren stillgelegt wurde. Aber abgerissen wurde nichts, das heißt alle Fahrgeschäfte, Buden etc. stehen noch und sind dem Verfall ausgesetzt. Das ist sicher auch dem geschuldet, dass ich im vergangenen Jahr viel Zeit hatte zu lesen und Bilder in meinem Kopf zu entwickeln. Durch eine Zufallskette ist dann alles schlüssig geworden und hat sich zusammengesetzt. Das wäre sonst sicher hintenübergefallen. Dave, ein alter Freund von uns, der mittlerweile in Berlin wohnt, hat das für uns gezeichnet. Der macht sowas auch beruflich mittlerweile. Zum Glück kennen wir den noch von früher, so dass er dies für uns für einen „Freundschaftspreis“ entworfen hat. Das Inlay etc. hat dann mein ehemaliger Mitbewohner Oli gestaltet.

Bleiben wir noch etwas beim neuen Album. Beim Song „Satisfaction“ habt Ihr ein kleines Snippet aus dem Film „Trainspotting“ verwendet. Warum? Das ist der Spoken-Word-Part zu Beginn. Ich habe, als der Songs gerade fertig war, zufälligerweise den Film geschaut. Wir hatten auch textlich noch eine Strophe zu wenig. Und da dachte ich, warum arbeiten wir nicht mal mit einem Spoken Word und fand das dann ganz lustig, vor allem weil es nochmal etwas aus dem Bereich der Popkultur ist. Die Stelle ist natürlich viel überspitzter, als der Song dann eigentlich ist. Ich stehe aber auch einfach auf solche Referenzen und wenn die Leute bei solchen Parts überlegen müssen. Ich mache das auch immer gerne, wenn ich lese, eine Band hat den Text an etwas angelehnt. Dann versuche ich auch mich da reinzufuchsen und die Verbindung zu finden. Und daher haben wir das nun auch mal gemacht und es ist auch ganz cool geworden.

„Der Song handelt ja auch davon, dass man am liebsten seine eigene Bar gründen will, weil man keinen Bock mehr hat, irgendwo anders zu arbeiten.“

Eine weitere Referenz soll dann in dem Song „57 Walnut Street“ zu finden sein. Was hat es damit auf sich? Also erst einmal ist das die Adresse bei den Simpsons, wo Moe von Moes Taverne wohnt. Der Song handelt ja auch davon, dass man am liebsten seine eigene Bar gründen will, weil man keinen Bock mehr hat irgendwo anders zu arbeiten. Die Verbindung fanden wir einfach cool. Zudem findet sich dort auch noch ein weiterer zwei Sekunden langer Text-Snippet. Den kann man aber überhören.

Und wenn wir schon über eure Songs reden, dann müssen wir unbedingt auch „Mouth Of The Shark“ ansprechen. Der Text basiert auf den Gedichten von Geflüchteten. Wie kam es zu der Idee, diese Inhalte für einen Song zu verwenden? Wir haben zuerst das Lied geschrieben und als es fertig war, hatten wir immer noch keinen Text. Das erklärt auch, warum der Song sehr fröhlich wirkt, was der Text ja definitiv nicht ist. Ich habe mich parallel mit SeaWatch und anderen Organisationen beschäftigt. Eine dieser Organisationen, es kann auch Mission Lifeline gewesen sein, bietet Geflüchteten eine Plattform, um ihre Kunst zu präsentieren. Ich habe mich da einmal durchgeklickt und auch, wenn wir bisher textlich nie eine politische Band waren, so fand ich dennoch diesmal die Idee sehr charmant, den Leuten noch einmal eine indirekte Plattform zu geben. Und so haben wir die Gedichte zu einem Text verarbeitet, aber nicht 1:1 abgeschrieben. Vielleicht können wir so deren Aussagen noch einmal eine etwas größere Plattform geben. Mir fällt es immer sehr schwer, bei solchen Themen auf den Punkt zu kommen und da war es sicher die schönere Lösung, Leuten mit starken Aussagen zuzuhören, die das auch durchlebt haben, was sie da erzählen. Wir sehen uns hier also als Sprachrohr. Das war übrigens auch der letzte Text, der erst kurz vor unserem Gang ins Studio fertiggeschrieben wurde. Und so kam es, dass Artur und Niels den komplett fertigen Song auch erst nach der Aufnahme erstmalig komplett gehört haben. Wir sind aber sehr zufrieden damit.

Wenn man sich die Trackliste des Albums so anschaut, dann fallen einem direkt die Lieder „Attraction“, „Satisfaction“ und „Distraction“ auf. Das vermittelt ein wenig den Eindruck, ein Konzeptalbum vor sich zu haben. Ist es das auch? Es wäre wirklich schön, wenn man das sagen könnte. Ich hätte tatsächlich wirklich mal richtig Bock ein reines Konzeptalbum herauszubringen, was einen durchgezogenen roten Faden beinhaltet. Das ist hier aber nicht der Fall. Vielmehr sind „Attraction“ und „Distraction“ eher eine Hülle für den Rest des Albums und passt eben, vor allem in das Bild mit Freizeitpark auf dem Cover etc., sehr gut rein. Die Hülle wurde aber erst später um den Rest der Songs herumgesponnen.

„Ich freue mich, wenn ich die gesamte Geschichte zu unserem Album allen noch einmal am Tresen erzählen kann“

Wenn Du selber einen Lieblingssong der neuen Platte bestimmen müsstest, welcher wäre das? Puh, ich denke textlich sicher „Mouth Of The Shark“, weil hier die Herangehensweise mal eine andere war und wir schon einiges aussagen damit. Ein abschließendes Urteil werde ich mir aber erst erlauben, wenn wir die Songs mal live gespielt haben. Ich könnte natürlich jetzt Titel nennen, aber live ist das dann noch einmal was komplett anderes. Hinzukommt, das wir sie auch wirklich erst einmal einige Male gespielt haben müssen. Wir haben sie letzten Sommer eingespielt und seitdem ja auch im Grunde nicht mehr geprobt. Frag mich daher am besten in einem Jahr nochmal. Es ist halt doch etwas komplett anderes, die Songs live zu spielen und zu sehen, wie die Lieder mit den Leuten harmonieren.

Wie sehen die nächsten Pläne aus, auch wenn dies vielleicht gerade sehr schwer zu beantworten ist? Ist es gerade überhaupt möglich Pläne zu machen? Pläne kann man natürlich machen. Ich habe tatsächlich Shows für Dezember und Januar gebucht, aber immer mit dem Hintergedanken im Sommer zu schauen, wie weit die Lage ist und ob es realistisch umsetzbar sein wird. Derzeit sind es sechs Shows, keine wochenlange Tour. Nach elf Jahren weiß man auch, welche Städte man ansteuern sollte und welche eher nicht. Zudem nehmen wir uns den Luxus und werden nur noch Wochenendshows spielen. In Deutschland bist Du schnell in 5-6 Stunden überall wo Du hinwillst, da musst nicht an einem Dienstagabend irgendwo in der Pampa auftreten. So wollen wir also künftig damit umgehen, wollen auf jeden Fall Shows spielen und können es auch kaum erwarten. Bislang sind unter anderem das Booze Cruise und Hannover gebucht und jetzt müssen wir schauen, ob das dann auch stattfinden kann.

Marius, damit sind wir am Ende angekommen. Hast Du noch ein paar abschließende Worte? Ich freue mich, wenn ich die gesamte Geschichte zu unserem Album allen noch einmal am Tresen erzählen kann, denn ich bin nun mal mehr der Tresentyp.

Video: All Aboard! – 57 Walnut Street

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All Aboard! - The Rules Of Distraction CoverAll Aboard! – The Rules Of Distraction
Release: 21. Mai 2021
Label: Bakraufarfita Records
Amazon Partnerprogramm Alben CD hier erhältlich