Silverstein – Misery Made Me

Die kanadische Post-Hardcore-Band Silverstein kann sich zu einer der aktivsten Bands der jüngsten Zeit zählen. Obwohl mittlerweile im 22. Jahr seit Gründung werden sie nicht müde neues Material zu produzieren, neue Wege zu gehen und immer den Daumen am Puls der Zeit zu haben. Dabei scheuen sie nicht vor den mutlimedialen Möglichkeiten der modernen, digitlaen Welt zurück, sondern nutzen diese immer wieder und binden sie (und damit auch ihre Fans) aktiv in ihre Musik und deren Entstehung mit ein.

Mit „Misery Made Me“ steht nun der neue Longplayer in den Regalen und auf den Plattformen zur Vefügung und zeichnet ein klares Bild, was die Band in den letzten Monaten auf unserer aufgewühlten Welt im Ausnahmezustand bewegt hat. Vor allem zeichnet er aber auch ein Bild davon, wohin sich die Band kontinuierlich bewegt.

Auch wenn hier kein Konzeptalbum vorliegt, entfaltet „Misery Made Me“ sich vollends erst als gesamtes Werk mit allen Höhen und Tiefen, mit all der Wut, Verzweiflung, aber auch der Hoffung und Kraft, die sich in den Songs finden lassen.Andy

Alte Verpackung, neuer Inhalt

Der Albumtitel hätte so auch schon auf jedem der Vorgänger prangen können und erfüllt quasi jedes Klischee, das man mit Silverstein verbinden kann. Aber schon nach wenigen Takten des Openers „Your Song“ wird deutlich: Das ist vertraut, aber irgendwie auch sehr anders. Druckvoll, sehr eingängig, Mainstream und auch nicht, aber auf jeden Fall: Hier ist ordentlich mehr Dampf auf dem Kessel. Die Vocals von Sänger Shane Told haben mehr Nuancen bekommen. Alles kratzt und knarzt ein bisschen mehr, es kommt mehr Authenzität an und alles klingt ein bisschen mehr nach Schweiß, Blut und Spucke. Die sonst gerne vorherrschende Melancholie mischt sich mit Wut, Verzweiflung, aber auch Trotz, Widerstand, Kraft und Hoffnung prägen die Atmosphäre.

Doch bevor man sich so richtig heimisch fühlen kann, kommt schon der zweite Track daher. „Die Alone“, bei dem Gastsänger Andrew Neufeld von Comeback Kid einige Parts beigesteuert hat, dreht nach einer kurzen Intro ordentlich am Tempo- und Härteregler. Hier kommt ein lupenreiner Hardecore-Kracher um die Ecke, der zwischen den schnellen Strophen einen brachialen Chorus auf den Hörer niederprasseln lässt und wohl zu einem der heftigsten Songs in der Bandgeschichte gezählt werden kann. Würde man die kurzen, aber stimmigen Melodieparts auslassen, könnte der Song so auch auf einem Comeback Kid Album zu finden sein.

Transformation

Und dieses Konzept zieht sich durch das Album durch. Hatten die Kanadier schon auf den Vorgängeralben mit neuen Einflüssen experimentiert, vermehrt elektronische Klänge in ihre Musik intergriert und ihr Spektrum erweitert, so erreichen sie auf „Misery Made Me“ ein ganz neues Level. Im Vorfeld hatte die Band verkündet, dass auf dem Album für jeden etwas dabei sein würde. Und das trifft es (im Rahmen des musikalischen Grundgewässers, in dem man sich bewegt) ziemlich gut. Geradlinige Rocksongs wie die Single „Ultraviolet“ oder das fast schon Linikn-Park-mäßig radiotaugliche „Cold Blood“ mit typischen tragenden Melodien und griffigen Hooklines wechseln sich mit durckvolleren Songs bis hin zu hardcorelastigen Tracks ab und gehen Hand in Hand mit ordentlich elektronisch unterfütterten Songs. Dabei sind die Übergänge nicht trennscharf und auch innerhalb der Songs zeigt sich immer wieder, wie breit gefächert die Band sich präsentiert.

Wer nahezu das gesamte Spektrum komprimiert in einem Song erleben möchte, sollte sich den zweigeteilten Track „The Altar / Mary“ zu Gemüte führen. Brachial mit wütendem Geschrei eingeleitet wechselt der Song schnell zu tiefen, pumpenden Parts, um dann in einen melodiösen Teil zu wechseln, der von effektgeschwängerten Gesangslinien und elektronischen Klängen dominiert wird, nur um wieder in einem Gitarrengewitter zu münden, das mit verzweifelten Shouts in den Schlusspart überleitet, der von dicken Synthieklängen unterlegt ist und wieder sehr melodiös (aber auch – zumindest für mich wenig elektronisch erfahrenen Hörer – verstörend) daherkommt. Das Ganze gestaltet sich also eher sperrig und nimmt die Hörer:innen mit auf eine Achterbahnfahrt durch emotionale Zustände, mutig und konsequent, nicht ohne eine gehörige Portion musikalischer Belastbarkeit abzuverlangen. Zum Glück folgt mit „Slow Motion“ im Anschluss eine sehr geradlinige Nummer, die schon fast langweilig und konservativ daherkommt.

Mit „Misery Made Me“ offenbart sich die Stärke der Band, die sich nach ihren sehr klischeelastigen Beginnerjahren (mit nicht minder weniger Vorreiterposition) spätestens seit dem grandiosen Konzeptalbum „This Is How The Wind Shifts“ neu erfindet, Platz und Raum für Experimente, neue Einflüsse und Ideen lässt. Waren diese zunächst noch sehr dezent und rüttelten wenig an dem musikalischen Grundgerüst, war der Weg im letzten Output „A Beautiful Place To Drown“ doch mehr als spürbar, fühlte sich da aber streckenweise immer noch an wie ein Fremdkörper, der sich nicht ganz in das Gesamte einfügen wollte. Im Jahr 2022 ist die Transformation nun vollzogen und Silverstein hat neu und verändert ihren Kokon verlassen. Und in all dem Neuen und Unerwarteten, lassen sich noch immer deutlich die Wurzeln wiederfinden.

Mehr als die Summe der Einzelteile

Das Album hat viel zu bieten. Bei der Produktion wurde geklotzt und nicht gekleckert. Düstere Soundwände, die wie dunkle Wolken am Himmel hängen, türmen sich bedrohlich auf, drückende Parts, die sich schwer auf die Ohren legen, prasseln herab, aber ebenso schweben die vertrauten Gesangslinien, eingängig und klar, durch die Songs und elektronische Parts, die sphärisch wabernd einen Teppich ausbreiten, komplettieren das Gesamtwerk. Wer sich auf „Misery Made Me“ einlässt wird auf eine Reise mitgenommen, die sehr abwechslungsreich ist, aber auch nicht immer ganz einfach. Vor allem konservative Hörer:innen werden zum Teil vor eine echte Herausforderung gestellt und müssen vielleicht auch resigniert das Handtuch werfen.

Denn unabhängig davon, dass sich einige Perlen auf dem Album verstecken, sind diese nicht immer sofort erkennbar. So hatte ich nicht wirklich einen Song dabei, den ich auf Repeat gestellt hatte. Aber auch wenn hier kein Konzeptalbum vorliegt, entfaltet „Misery Made Me“ sich vollends erst als gesamtes Werk mit allen Höhen und Tiefen, mit all der Wut, Verzweiflung, aber auch der Hoffung und Kraft, die sich in den Songs finden lassen. Und das Album als Ganzes hatte ich sehr wohl Repeat.

Video: Silverstein – Die Alone (feat. Andrew Neufeld/Comeback Kid)

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