Thrice – Horizons/East

Fulminant meldeten sich Thrice Ende Juli mit „Scavengers“ aus der Corona Blase zurück und lieferten einen fetten und doch sehr fein arrangierten Vorgeschmack ab, für das zeitgleich angekündigte neue Langspielerlebnis der vier Dudes aus OC, California.

„Ein Aufbruch hinaus aus einer sinnbildlichen Stadt, in der alle Straßen Sackgassen sind und es kein Wort gibt, um die Farbe des Himmels zu beschreiben.“

Eine logische Konsequenz

Das Album mit dem Zähler Nummer 11 soll den Namen „Horizons/East“ tragen. Damit ergibt sich in Bandjahr 23 ein stattliches Veröffentlichungsratio, gerade wenn man die gut 4-Jahre-Auszeit bedenkt. Hinzu kommt hier das zum ersten Mal vollumfänglich selbst im neuen Thrice-eigenen New Grass Studio produziert wurde. Wahrscheinlich keineswegs ein einzig durch die Pandemie bedingter Umstand, aber sicherlich dadurch zusätzlich begünstigt, ermöglichte das der Band doch die isolierte Arbeit am Album in Zeiten, wo an Auftritte im Live-Geschäft nicht zu denken war. Eine logische Konsequenz, um verordnete Zwangspausen und Alltagschaos in Zeiten der Pandemie bestmöglich zu nutzen.

Jenseits dieser Grenzen

Mit einem langsam anschwellenden, breiten, sphärisch akzentuierten Syhntiethema lüftet der Introsong „Color of the Sky“ langsam den Vorhang. Von diesen Klängen getragen vereinnahmt die sonore Stimme von Dustin Kensrue die ungeduldig wartenden Zuhörer:innen im Vorwort, als würde er allein im Rampenlicht auf der dunklen Bühne stehen und zur Achtsamkeit mahnen für das, was im Folgenden auf „Horions/East“ musikalisch erzählt werden soll. Inhaltlich führt das tiefgründige Auftaktstück in einen Aufbruch aus einer Welt, die zwar Heimat, aber keine Freiheit bedeutet, sodass der unruhig fragende Geist danach strebt, die Mauern zu überwinden, um zu erfahren, was es jenseits dieser Grenzen hinter dem Horizont zu entdecken gibt. Ein Aufbruch hinaus aus einer sinnbildlichen Stadt, in der alle Straßen Sackgassen sind und es kein Wort gibt, um die Farbe des Himmels zu beschreiben.

Soweit so ausführlich, im Anschluss folgt mit „Scavengers“ der bereits eingangs erschienene Lichtblick der dieser LP vorauseilte, der aber zweifelsohne auch im Gesamtkontext ein Highlight darstellt. „Burried In The Sun“ zeichnet ein verblüffend dystopisch anmutendes Bild einer Welt, die geprägt ist von einer Koabhängikeit von Terror und Kontrolle und dem inhärenten Kampf ums eigne Seelenwohl, dem sich viele von uns täglich ausgesetzt sehen. Aufmerksamen Hörer:innen bleiben beim Hauptthema des Songs möglicherweise auch Einflüsse der letzten EU-Headliner Tour mit Refused nicht verborgen. Insgesamt zeigt sich „Horizons/East“ von seiner Thematik sehr bestimmt von inneren Konflikten und unserer Rolle in dieser Welt, die wir uns in einem Moment des Nachdenkens immer wieder vor Augen halten sollten, um uns klar zu werden wie die Dinge, die uns täglich umgeben, zusammenhängen. Um einmal mehr dafür zu appellieren, dass wir uns im Anbetracht der fragilen Komplexität unserer Gesellschaft und unseres Lebens darauf besinnen sollten, diese positiv zu beeinflussen durch Empathie und Solidarität.

„WE WANT IT ALL—WE DEMAND THE IMPOSSIBLE THERE’S A BETTER WAY TO BUILD A WORLD, WHERE EVERY HAND IS HELD AND HOLDING UP A BETTER WAY TO BUILD A WORLD“

Evolutionäre musikalische Gedanken

Den inhaltlichen Exkursen dieser Platte aber stehen auch die musikalisch ambitionierten in nichts nach. So versuchen sich Thrice auch an eigens gestellten Herausforderungen, die sehr interessant umgesetzt sind, wie beispielsweise in „Nothern Lights“. „Einige der Kompositionen begannen sogar mit offenen Herausforderungen, die die Band sich selbst stellte, wie z.B. einen Song zu schreiben, der die Quartakkorde verwendet, die sie in einem Großteil des von ihnen geliebten Jazz gefunden haben, oder die Fibonacci-Folge zu nehmen und sie in ein Gitarrenriff zu verwandeln“, verrät die Presseinfo. Aber nicht nur evolutionäre musikalische Gedanken werden verfolgt, auch die Thrice-Fans früherer Stunde, die ab und zu dem Drive und der Energie der frühen Werke von Thrice nachtrauern, kommen auf ihre Kosten. In „Summer Set Fire To The Rain“ bekommt man davon einiges zum Genießen angeboten.

Im Gesamtbild ein Schritt in die vollkommenere Unvollkommenheit, abseits des perfekten, fällt positiv der prägnante, definierte Charakter der Bassgitarre auf, die einen greifbaren Kontrast bildet zu den vielschichtigen Gitarren, die viele der Songs tragen. Die Stimme von Dustin Kensrue, die oft um einiges ungeschliffener wirkt, als sie es zuletzt war. Ein gelungener Mix aus Innovation, klassischen Thrice-Elementen und einer Rückbesinnung auf die alten Stärken.

Mit dem Blick zum Horizont

Die Platte gleicht einem Aufruf für einen Moment innezuhalten, um sich seiner selbst zu vergegenwärtigten, damit man seine Richtung wiederfindet nach einer langen entbehrungsreichen Zeit, um nach vorne zu schauen mit dem Blick zum Horizont. Wer nicht wirklich gewillt ist, sich auf einen tiefergehenden inhaltlichen Diskurs einzulassen, der wird auf diesem Album auf jeden Fall gut musikalisch unterhalten, aber verpasst mit Sicherheit den tieferen Kern dieses Werkes.

Thrice – Summer Set Fire to the Rain

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Thrice HorizonsEastThrice – Horizons/East
Release: 17. September 2021
Label: Epitaph Records
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