WIZO in Hannover

Ein durch das Publikum schweifender Blick verrät schnell, dass der gute alte Punk keinesfalls tot, sondern wenn überhaupt – rein optisch – ein wenig älter geworden ist. Doch das ist eigentlich scheißegal, denn es ist wieder eins dieser Konzerte, auf dem man mit einem großartig gemischten Publikum und jener gemeinsamen Sache den Punk pflegt, feiert und am Leben erhält. Und auch wenn es – nicht allein wettertechnisch – immer kälter auf dieser Welt wird, bedarf es am vergangenen Dienstag „nur“ einem altbekannten und liebgewonnenen Veranstaltungsraum voller „Ärsche im Raum der Zeit“, um sich wieder ein Mal bewusst zu machen, warum genau diese Musik, die Menschen um einen herum und letztlich genau diese Szene mit all ihren Besonderheiten die richtige Entscheidung war, ist und bleiben wird.

Nicht nur eine belanglose Plattitüde

Gegen 20.00 Uhr betreten Axel Kurth, Ralf Dietel und Alex Stinson die Bühne, um das Publikum zu begrüßen, über die Vorzüge einer Linkspositionierung auf der Bühne zu plaudern und letztendlich ihren höchst sympathischen Support LES 3 FROMAGES anzukündigen. Das französische Vierergespann braucht nicht lange, um das Publikum von sich zu überzeugen und begeistert mit einer ordentlichen Portion Humor.

Dass der hier gelebte Punk nicht nur eine belanglose Plattitüde ist, beweist der WIZO immer und immer wieder. Im ständigen Kontakt zum Publikum werden Witze gerissen und Schmeicheleien verteilt: „Ihr seid schuld, dass wir gerade so viel Spass mit Euch haben!“, verkündet Frontmann und Gründungsmitglied Axel Kurth. Aber auch die ernsten Themen bekommen ihren Platz: Die politische Message der Sindelfinger ist aktueller denn je. Wie immer bekommen aber nicht nur die Herrschenden eins über den Deckel gebraten, sondern auch die aktuelle und kommende Gesellschaft. Es wird unverblümt kritisch hinterfragt und der Zeigefinger auf Offensichtliches gerichtet. So ist beispielsweise „Das Goldene Stück“ auch heute noch der deutliche Spiegel für eine unvollständig durchdachte Flüchtlingspolitik, die es dem der Alternative hinterher stolpernden „kleinen Vollidioten mit Brandsatz in der Hand“, immer mehr ermöglicht, seine Dusseligkeiten ganz öffentlich zu präsentieren.

Umso schöner ist es, dieses ausverkaufte Kulturzentrum Faust Zeilen wie „Ich bin ganz klar gegen Nazis“, „Alerta“ oder „Antifa, Antifa! – Wir sind alle Antifaschisten!“ mitgrölen zu hören. Da wundert es einen nicht, dass auch VIVA CON AQUA und SEA SHEPHERD die Gunst der Stunde – um die Gesinnung des hier anwesenden Publikums wissend – nutzen und für die eigenen Projekte werben, um finanzielle Mittel für die Gute Sache zusammenzutragen.

Chapeau! – Wie der Franzose sagen würde

Den Hut ziehen sollte man allerdings nicht nur vor den beiden Bands und dem anwesenden Publikum des Abends, sondern auch vor fast 30 Jahren prägender Musikgeschichte und dem Gefühl, dass dieser Abend nie hätte enden dürfen. Denn wer es schafft, nach so viel bedeutungsvollem Aktivismus und Auf und Abs seine Fahne immer noch festumschlossen und voll authentisch in den Wind zu halten, bestärkt zumindest das Gefühl, dass es sich weiterhin lohnt für diese besonderen Werte aufzustehen und auch in Zeiten von AFD, Trump, Hinterwäldlern und Nachquatschern nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Wir haben das Glück gelernt zu haben, was Freiheit und freies Denken heißt und das sollten wir nie wieder vergessen.

Seht hier die Bilder des Abends:

WIZO

LES 3 FROMAGE