Roman und Kruse von Adam Angst im Interview

Adam Angst Musikzentrum Hannover 21112018 Maria Graul
Foto: Maria Graul

Vor der Show im November (Konzertbericht) traf Maria sich mit Roman und Kruse von der Kölner Band Adam Angst. Gemeinsam sprachen sie über das neueste Album „Neintology“ (KreuzverHör), die Szene, Lampenfieber und was man machen kann, um außerhalb der Musik aktiv zu werden und Menschen schöne Momente zu setzen – was das alles mit den Scorpions, Warentrennern und Tankstellenkassen zu tun hat, erfahrt Ihr in unserem Interview.

„Wir unterhalten uns nicht den ganzen Tag darüber was Punk ist, sondern machen, was wir machen. Ich glaube, dass das eine gute Idee für viele Leute wäre.“

Herzlich Willkommen in Hannover. Schön, dass Ihr hier seid.

Dankeschön, schön, dass wir kommen durften.

Was kommt Euch denn als erstes in den Sinn, wenn Ihr an Hannover denkt?

Kruse: Die Scorpions. Das ist die Standardantwort, aber es ist so. Ich bin ein alter Metal-Typ und von daher ist es wirklich so. Meine erste Kassette, die ich gehört habe, als ich zwölf Jahre alt war, ist die „Savage Amusement“. Deswegen ist das das Erste, was mir in den Kopf kommt.

Roman: Ich war erst zweimal in Hannover. Zweimal mit Adam Angst im Béi Chéz Heinz und wir haben nicht wirklich viel gesehen. Beim ersten Mal waren wir danach noch feiern und beim zweiten Mal weiß ich es gar nicht mehr. Deswegen habe ich, wenn ich an Hannover denke, nur das Béi Chéz Heinz und ab heute dann auch das MusikZentrum im Kopf.

„Ich versuche das so doll in mich einzusaugen und aufzunehmen, wie es nur eben geht.“

Schon anhand der Venues kann man sehen, dass Adam Angst in den letzten zwei Jahren gewachsen sind. Wie geht es Euch damit?

Roman: Mega! Das Schöne daran ist ja, dass man sieht, dass den Leuten gefällt, was wir machen und das ist einfach das beste Feedback, was man bekommen kann. Da kommt natürlich auch dazu, dass wir bei jeder Platte denken, wir machen ein Album, das natürlich erstmal uns gefällt. Was ja aber nie heißen muss, dass es auch anderen Leuten gefällt. Wir möchten natürlich auch ein bisschen mit der Musik experimentieren und nicht exakt das gleiche Album, wie beim ersten Mal schreiben. Das ist immer so eine 50/50-Chance und man gewinnt und verliert Leute. Wenn man aber sieht, dass man immer mehr Leute gewinnt und sich in Köln zum Beispiel die Besucherkapazität im Vergleich zu unserer ersten Show verdoppelt hat und auf der ganzen Tour alles hochverlegt wurde, ist das der absolute Wahnsinn. Wir haben in allen Clubs klein angefangen, weil wir unsicher waren, wie es läuft. Da macht unser Booking einen großartigen Job. Einfach geil!

Kruse: Ich kann das nur bestätigen. Das macht tierisch viel Spaß! Jetzt auf dieser Tour war alles entweder ausverkauft oder ganz nah dran. Dann haben so zehn Karten gefehlt. Es kommt dazu, dass es nicht nur voll war, sondern die Leute unsere erst kürzlich veröffentlichte Platte komplett mitsingen konnten. Das sind dann nicht nur drei oder vier Leute, sondern da schallen Dir einfach Chöre entgegen.

Ihr hab bereits angerissen, dass Euer Heimspiel in Köln komplett ausverkauft war. Das spricht dann sicher auch für eine Bombenstimmung…

Roman: Eine wahnsinns Stimmung. Ein Dienstag wurde zu einem Freitagabend. Jeder hatte Geburtstag und drehte völlig ab. Ich hab das selten, dass mich die Menge schockt, vor der ich spiele. Wir haben zum Beispiel mal mit den Toten Hosen in einem Fußballstadion gespielt und da waren so krass viele Leute, aber gestern hat es mich im Vergleich dazu richtig gepackt, dass einfach 1000 Leute nur wegen uns gekommen sind. Die Show war natürlich auch emotional für mich total wichtig, da es meine Heimatstadt war und viele Leute im Publikum waren, die ich kannte. Köln hat mich echt umgehauen. Ich find es immer mega geil, aber bei dem Konzert war ein echt heftiger emotionaler Heimatstadtfaktor dabei.

Kruse: Das finde ich generell einfach total krass. Wenn man es gewohnt ist – wie jede andere Band, die in Deutschland im Punkrock und Hardcore unterwegs ist – erstmal vor zehn Leuten anzufangen und dann vielleicht irgendwann Glück zu haben und vor 80 Leuten zu spielen oder vor Hundert, dann ist das, was wir hier gerade erleben einfach sehr, sehr besonders. Ich versuche das so doll in mich einzusaugen und aufzunehmen, wie es nur eben geht, da ich nicht weiß, ob das so anhält.

„Ich habe tierisch Bock zu spielen!“

Entsteht dadurch vielleicht auch eine Erwartungshaltung an die nächste Stadt?

Roman: Ich kann mich an keine beschissene Show erinnern. Wir haben in Zürich gespielt und wir dachten „Boar das wird schwer heute“. Schon allein, weil es ein Sonntag war.

Kruse: Und dann war es ein anderes Land, da weiß man nicht, wie die Platte erstens angekommen ist und zweitens, wie der Vertrieb gearbeitet hat. In Deutschland bekommt man das mit, aber wir wussten ja nicht mal, ob die Platte in der Schweiz überhaupt in den Läden steht. Kann ja sein, dass das nicht funktioniert hat.

Roman: Es war dann aber so, dass nach dem dritten oder vierten Song einer irgendwie einen Schalter umgelegt hat und plötzlich ist der komplette Laden explodiert. Das war der Wahnsinn. Ich habe demzufolge nicht die Erwartungshaltung, dass das Publikum durchdrehen muss. Ich sehe es eher so, dass ich etwas falsch mache, wenn das Publikum nicht durchdreht. Ich habe eher ein Erwartungshaltung an mich, dass ich den Leuten eine Show bieten kann, bei der sie das meistmögliche von mir für ihr Geld geboten bekommen und das Gefühl haben, dass es sich gelohnt hat unsere Show zu besuchen.

Und wie sieht es mit dem Tourblues danach aus?

Roman: Dieses Tourloch ist einfach krass. Das Leben was du auf Tour hast – wir haben jetzt das Privileg mit einem Nightliner touren zu dürfen und wir werden in der Nacht einfach in die nächste Stadt geshuttelt – ist eine krasse Umgewöhnung. Mein Arbeitstag ist super geregelt. So durchstrukturiert, dass man zu den gleichen Zeiten Frühstück und Mittag isst. Hier bist du einfach völlig raus. Nach dem Move, den wir jetzt auf Tour haben, wieder reinzukommen, ist einfach was ganz anderes. Dann sitzt du wieder ganz normal im Büro, arbeitest dein Zeug runter, fällst abends auf die Couch und schmeißt Netflix an, haust dir eine Tüte Chips rein und gehst morgens wieder zur Arbeit. Da fehlt einem die ganze Energie, die man in so einem vollen Laden bekommt und die man ja immer wieder mitnimmt.

Habt Ihr Lampenfieber?

Roman: Habe ich, aber nicht immer. In Köln zum Beispiel ging mir der Arsch auf Grundeis. Ich habe das, wenn ich viele Leute im Publikum kenne. Dann geht es bei mir total ab. Ich bekomme einen Tatterich und werde nervös und gehe Songs im Kopf durch und vergesse blackoutmäßig, wie die gehen. Manchmal passiert aber auch gar nichts. Oft habe ich einfach so Bock zu spielen, dass das Lampenfieber schnell weggeht. Ich freue mich dann den ganzen Tag darauf, diese anderthalb Stunden Musik zu machen.

Kruse: Ist bei mir auch so. Ich hab tierisch Bock zu spielen. Ich habe kein wirkliches Lampenfieber, aber so eine Art Tunnelblick. In der letzten dreiviertel oder halben Stunde vor der Show, will ich nicht mehr reden und bekomme nicht mehr so viel mit. Ich bin dann in meiner eigenen Welt und bereite mich innerlich darauf vor, was auf der Bühne kommt.

„…ich nenne das immer den Postbotenmove.“

Verändert sich der Tunnelblick auf der Bühne so, dass Ihr detaillierter wahrnehmt, was in der Crowd passiert?

Kruse: Ja!

Roman: Ja voll. Beruflich bin ich Veranstaltungskaufmann. Bei Moshpits und Circle Pits oder Stagedivern bekomme ich eher einen Security Blick. Dann denke ich „Bitte fangt den auf“ oder „Lasst den jetzt nicht auf den Boden knallen“. Gerade wenn wir keine Barrieren haben, dann schaue ich, dass die Leute alle sicher sind und das es ihnen gut geht, gerade, wenn sie gegen die Bühnen gepresst werden. Ich versuche mir immer auf meiner Seite alle Gesichter und die Leute anzuschauen.

Kruse: Ich versuche mir einerseits die Leute anzugucken und auch zu fokussieren, um eine Verbindung herzustellen und andererseits, weil ich es gewohnt bin Shows in wesentlich kleineren Läden und Shows in Hardcoreläden zu spielen, schaue ich, ob die Leute sich möglicherweise weh tun, ob die Leute darauf achten, ob Stagediver aufgefangen werden oder ob sich irgendwo Schlägereien entwickeln. Da passe ich während der Show drauf auf.

Roman: …auch darauf, dass alle Spaß haben. Dass nichts abgeht, mit dem wir uns nicht identifizieren können. In so einem Fall würde ich die Show abbrechen und schauen, dass nichts passiert, unserem Tour Management oder Backliner Bescheid geben, aber auch selbst handeln, wenn wir wahrnehmen, dass Situationen nicht klar gehen. Wir haben alle Altersgruppen auf unseren Shows. Da sind Leute, die nicht so häufig auf Konzerte gehen, da schaue ich schon, dass die „Bollofraktion“ nicht willkürlich draufdrescht. Und wenn Du siehst, wie die Leute abgehen, dass alle Spaß haben, puscht das einen selbst auch ordentlich. Wenn ich mich auf der Bühne nur auf meinen Kram konzentrieren würde, dann würde das auch keinen mehr interessieren – ich nenne das immer den Postbotenmove.

„Wir haben ewig lang nach einem Albumnamen gesucht und sind einfach nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen.“

Auch auf dem neuen Album zeigt sich, dass Adam Angst ganz genau hingucken. Viele Themen auf „Neintology“ scheinen inhaltlich unverändert zum selbstbetiteltem Vorgängeralbum zu sein, aber krasser in Eurer Deutlichkeit. Wie seid Ihr zum Konzept „Neintology“ gekommen?

Roman: Die Frage haben wir schon mehrmals gehört und es ist immer etwas lustig, da die meisten vermutlich glauben, dass voll die krasse Antwort käme. Wir haben ewig lang nach einem Albumnamen gesucht und sind einfach nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Irgendwann kam Felix mit der Idee „Neintology“ und wir fanden das alle cool. In der Liste der 100 Albumnamen, die dann alle erstmal durch den eigenen „Scheißefilter“ müssen und dann jeweils nochmal durch den von fünf anderen Leuten mit fünf anderen Meinungen, endlich sowas gefunden zu haben, mit dem alle cool sind, passte. Dann haben wir angefangen darüber nachzudenken, wie wir das ganze Sektenthema ausschmücken können – mit dem Artwork und der Einweihungsfeier im Bla in Bonn. Das ist wahrscheinlich die unspektakulärste Antwort die man geben kann, aber wir hatten eine lange Liste mit Namen und „Neintology“ passte für alle.

Wahnsinn, dass dann so ein fettes Konzept entstanden ist.

Kruse: Genau, letzten Endes war es wirklich so, dass wir nicht das Konzept hatten und sich daraus ein Titel entwickelt hat, sondern es war genau andersrum. Wir hatten einen Titel, von dem Felix am Anfang noch nicht mal überzeugt war. Er schrieb irgendwann in einer Mail, dass er die Idee „Neintology“ gehabt habe, aber glaube, dass es doch nicht das Richtige sei und als Antwort kam von allen „Eigentlich ist das ganz geil“ und darauf hat sich das als dankbares Thema entwickelt, über das man sich konzeptionell Gedanken machen kann. Visuell beispielsweise wie beim „Blase aus Beton“ Video, das Artwork oder unsere Fotos, die natürlich offensichtlich Scheiße aussehen sollen. Es ist klar, dass das Absicht ist.

Roman: Ich glaube jeder, der Adam-Fan ist oder uns kennt, weiß auch, dass wir immer eine fette Portion Humor mit reinhauen. Wenn wir komplett freidrehen können, skypen wir und überlegen, was wir da noch reinpacken können und ganz ehrlich, unser Plattencover ist das hässlichste Cover, was ich seit langer Zeit gesehen habe. Aber genau das wollten wir: Dass die Leute in den Laden gehen und neben den ganzen schönen Albumcovern so ein richtig hässliches Adam Angst-Cover steht, was am Ende einfach wieder unser Humor ist, da wir auch gut über uns selbst lachen können.

„Punkt eins ist, es muss uns gefallen.“

Spannend ist allerdings, dass es ja letztlich sehr schlüssig wirkt, aber auch sehr kontrovers diskutiert wurde und die Herangehensweise sehr unterschiedlich zu sein scheint. Wie ist denn das Feedback auf die Kontroverse?

Roman: Ich habe alles gehört. Auch von Bekannten, die genau diese Unterschiedlichkeiten wie „ich finde das geil und das nicht“ oder es gibt die Fraktion „ich finde das geil“ und „ich finde das scheiße“ oder „ich finde nur die drei Songs geil“. Das ist bisschen wie beim Thema Essen – entweder es schmeckt Dir oder nicht. Da kann man sich ewig drüber streiten.

Kruse: Punkt eins ist, es muss uns gefallen. Ob andere Leute den gleichen Humor haben oder verstehen, was wir damit ausrücken wollen, können wir sowieso nicht beeinflussen. Dementsprechend sind das alles Meinungen und es gibt Leute, die die Platte gut und eben nicht gut finden, aber wir haben da inzwischen einen Weg gefunden, weniger drauf zu achten und das zu machen, was sich für uns gut anfühlt. Dann können die Leute selbst entscheiden, ob sie da Bock drauf haben oder nicht.

Roman: Das hat man beispielsweise auch über das Feedback zum „Alexa“-Song gehört, bei dem uns die Leute oft in die Ecke drücken wollten, dass wir total gegen diese neuen Technologien sind. Wir wurden zu den Typen aus dem „Blase“-Song gemacht, die sich in die Ecke kauern und keinen Bock auf Zukunft und Fortschritt haben. Da sagen wir klar, dass das nicht stimmt und ein Szenario ist, welches wir uns ausgedacht haben. Man merkt an der Stelle genau das, was Du sagst – die Art und Weise, wie die Leute herangehen und sich auch teilweise auf Sachen versteifen. Ich denke dann immer, wir können das erklären und es wird angenommen oder nicht. Man kommt also immer wieder bei dem „Entweder es gefällt Dir oder nicht an“. Es wäre total engstirnig zu sagen, dass ich es Scheiße fände, wenn es den Leuten nicht gefällt.

Kruse: Genau, das ist eine Meinung die man haben kann.

Roman: Genau.

Kruse: Ich finde auch Sachen Scheiße und stehe nicht auf Bands. Ich bin einfach nur nicht der Typ, der das öffentlich äußert – die sollen machen, was sie wollen. Es ist am Ende deren Vorstellung, wie sie klingen wollen. Und wenn es Leute gibt, die das gut finden, ist das gut für die Leute und gut für die Band, aber es muss ja nicht mein Geschmack sein.

Absolut, ich hinterfrage ja auch immer ganz gerne, wie es wäre, würden wir alle die gleiche Band hören oder nur in einen Club gehen…

Roman: Ja, absolut.

Kruse: Genau, man darf das ganze einfach auch nicht persönlich nehmen. In München ist mal ein Typ zu mir gekommen, der nach der Show zu mir sagte: „Die Show fand ich mega geil, aber die neue Platte finde ich richtig Scheiße!“ und ich dachte mir, dass das okay ist und fand es cool, dass er mir gesagt hat, dass das Konzert geil war.

„‚Punk‘ ist einer der mega Streitsongs für alle!“

Ihr bewegt Euch alle im Genre Punk…

Roman: Ja!

Kruse: Ja!

…als ich „Punk“ das erste Mal hörte, musste ich wirklich sehr laut lachen, scannte mich einmal von oben bis unten und reflektierte den Song. Danach dachte ich „Danke“. Ihr provoziert da maximal in die eigene Szene und am Ende macht Ihr Euch über Euch selbst lustig.

Kruse: Das machen wir den ganzen Tag.

Roman: „Punk“ ist einer der mega Streitsongs für alle, war ja glaube ich auch in Eurem KreuzverHör so?

Bis zum Ende!

Roman: (lacht) Am Ende des Tages machen wir uns natürlich darüber lustig und es sind die Typen, die immer sagen man sei nicht Punk. Die Antwort ist dann immer: „Definiere mir Punk und ich sage Dir, ob ich es bin oder nicht“. Ich habe super viele Freunde, mit denen ich drüber gestritten habe, was Punk ist und ob wir Punks sind. Wir haben alle feste Jobs, bekommen unser geregeltes Gehalt und haben unsere Wohnungen. Ist es Punk, weil wir aus der Punkblase kommen? Das ist ein fetter Überbegriff und Punk ist natürlich auch eine Lebenseinstellung und politische Meinung. Ich bin super dankbar, dass Punkrock mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Aber ich würde mich nicht als Punker bezeichnen.

Als was würdest Du Dich denn bezeichnen?

Roman: Als Roman! (lacht)

Kruse: (lacht) Da haben wir beide auch schon drüber diskutiert und ich würde mich als Punker bezeichnen, genau aus dem Grund, den Roman gerade genannt hat. Nämlich weil mich das, seit ich denken kann, so hart geprägt hat. Punk, Hardcore und Metal ist das womit ich aufgewachsen bin, mit dem ich groß wurde und woraus sich ganz viel meines persönlichen Lebens, meiner Meinung, meiner Moralvorstellung und meiner ethischen Vorstellung definiert hat. Deswegen laufe ich nicht mit einem Shirt rum, auf dem „Punk“ steht, aber ich bin – um ehrlich zu sein – ziemlich froh, dass ich aus der Szene komme. Ich sage halt nicht andauernd „ich bin übrigens ein Punk“ – ich meine, was soll das?!

Vermutlich ist die Frage, was Punk ist, die aktuell am meisten öffentlich diskutierte Frage in der Szene und besonders, was Punk im 21. Jahrhundert bedeutet.

Roman: Genau! Ich habe lang im Bla in Bonn gearbeitet, was ganz klare eine linke Punkrock Kneipe ist. Alle die da arbeiten, sind von Spirit definitiv Punker, aber für mich sieht da keiner nach Punkrock aus. Nur weil da irgendwer hart tätowiert ist, ist das für mich nicht gleich ein Punker.

Kruse: Um es mal ganz hart zu sagen: Wenn man es auf den Anfang der Szene runterbricht und nach England und auf 1977 guckt, dann waren die Sex Pistols eine durch ein Management gemachte Band. Punkt. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Roman: Genau das ist der Song „Punk“. Das sind wir. Es waren so viele Leute, die sich im Internet darüber beschwert haben, dass wir gar nicht das sind, was wir singen. Das haben wir dann eins zu eins übernommen. „Ihr seid gar keine richtigen Punker.“ – Danke, dass Ihr uns helft, einen Songtext zu schreiben. Es war dann unser Ansatz, einfach mal zurückzufeuern. So, dass wir uns selbst aufs Korn genommen haben und sagen: „Kannste ruhig weitersagen, trifft hier keinen. Tut mir leid.“

„Wenn Scheiße erzählt wird, muss man über seinen Schatten springen und da sein.“

Hat sich die Szene für Euch verändert?

Roman: Ich sehe, dass die Communitiy und der linke Spirit und der Kampf gegen Nazis immer größer wird. Auf allen Demos, auf denen ich bin, sieht man, dass es mehr und mehr Menschen werden. Das ist für mich ein so schöner Moment. Wenn ich sehe, dass auf einer Anti Nazi-Demo in Köln sehr viele Menschen auf der Straße stehen und aktiv was machen. Wenn Du so eine scheiß Fascho-Partei hast, die einen Stand aufbaut und da sieben Arschlöchern stehen und nur verlieren, merke ich, dass das gemeinsame Dagegenstehen immer mehr und immer größer wird. Auch, wenn wir bei unseren Shows sehr junge Menschen mit „Fuck AFD“-Shirts rumlaufen sehen, finde ich das sehr geil. Was sich für mich verändert, ist die Akzeptanz miteinander. Wir haben auf unseren Shows ganz unterschiedliche Menschen: Punker mit ihren Iros, daneben steht ein Ende 40er Dude mit seinem Bier und zieht sich die Show rein und dazwischen steht ein Emo oder so. Alle sind hier, alle sind geil und der Punker haut dem Emo nicht auf die Fresse.

Kruse: Ich finde, dass man das mit der Szene eigentlich nicht wirklich beantworten kann, weil die Szene an sich so in diverse Untergruppen aufgesplittert ist. Ich glaube, dass es bei unseren Shows zum Beispiel Leute gibt, die sich als Punk bezeichnen oder Punkrock hören und das hat null Komma null mit dem zu tun, was andere Leute als Punk definieren oder selbst leben oder die Musik, die sie hören und auf welche Shows sie gehen oder was sie im DIY-Gedanken vielleicht selbst organisieren. Und das ist vollkommen okay. Wir unterhalten uns nicht den ganzen Tag darüber was Punk ist, sondern machen, was wir machen. Ich glaube, dass das eine gute Idee für viele Leute wäre.

Roman: Einfach machen, worauf man Bock hat.

Das ist ja auch eigentlich die ganz klassische Punk Attitüde.

Roman: Ja!

Kruse: Ja, ganz genau.

„Wir sind uns einig, dass man darauf achtet, dass es den Menschen neben einem einfach gut geht. Dass man schaut, dass alle um sich herum ein gutes Gefühl haben und sich wohlfühlen.“

Ihr habt es gerade schon angesprochen: Wie kann man den aktuell im DIY-Gedanken aktiv werden und Menschen – auch unabhängig von der Musik – schöne Momente zaubern?

Roman: Wir sind uns da einig, dass man darauf achtet, dass es den Menschen neben einem einfach gut geht. Dass man schaut, dass alle um sich herum ein gutes Gefühl haben und sich wohlfühlen. Da kann man super viel machen. Felix hat mal in einem Interview gesagt, dass es schon bei der Supermarktkasse anfängt. Wenn du einfach diesen Warentrenner hinter deinen scheiß Einkauf hängst, freuen sich tausend Leute darüber. Ich eingeschlossen. Das heißt, den Leuten einfach was wiederzugeben. Das ist für mich das, was man machen kann. Auch wenn es Kleinigkeiten sind: Hauptsache tun und nicht nur zuhause sitzen und drüber reden, oder Facebookscheiß posten. Wirklich rausgehen und schauen, dass es dem Nebenmann gut geht. Mit Menschen reden und handeln.

Kruse: Was dazu kommt ist, das Maul aufzumachen. Keine Angst zu haben, dass man Konsequenzen zu befürchten hat oder uncool vor seinen Leuten oder der Klasse oder in der Kneipe da steht. Wenn Scheiße erzählt wird, muss man über seinen Schatten springen und da sein.

Hin zu „Alle sprechen Deutsch“: Der Song ist der Paradiesvogel des Albums oder auch die catchy Punk Polka: Wie hat sich der Song entwickelt und wie ist es, den zwischen all den anderen zu spielen?

Kruse: Wir waren mit drei Leuten in einem kleinen Studio in Osnabrück und haben experimentiert und geschaut, ob wir Songs aus dem Nichts entwickeln können. „Alle sprechen Deutsch“ war dann einer davon. Der ist letztlich nur entstanden, weil da ein Kontrabass rumstand. Ich habe den in die Hand genommen und habe den klassischen Beat der Strophe gespielt – was ja, wenn man ganz ehrlich sein will, der klassische Beat der Volksmusik ist. Wozu auch die Polka gehört. Da wir ganz gern mit folkloristischen Einflüssen experimentieren, oder mit anderen Musikrichtungen – wie auf der ersten Platte der Tango „Teufel“, der ja auch für das was wir machen eher ungewöhnlich ist. Dass das auf der Platte rausfallen wird, war uns klar. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass uns schon klar war, dass der live ganz gut funktionieren wird. Da muss man sich nur eine Flogging Molly Platte angucken und weiß Bescheid. Wir hatten Bock auf den Rhythmus und das Ganze hat sich dann recht schnell organisch entwickelt. Wir hatten erst nur den Bass und dann hat sich schnell das Instrumental darauf entwickelt. Das gibt dann so ein bisschen den Text vor.

„Legt Warentrenner hinter die Waren!“

Der vermutlich perfekte Song für die Festivals…

Kruse: Ja, das weiß man ja nicht nicht. Da müssen wir schauen, wie sich das entwickelt. Ich habe das auf den Shows der Tour gemerkt, dass das unheimlich gut funktioniert.

Roman: Der Refrain ist ja auch ziemlich heavy. Das denkt man nicht, aber das Instrumentale ist krass Punkrock. Super schnell und super viele Akkorde. Das ist mir live erst aufgefallen, dass Der Song so Gas gibt.

Kruse: Eigentlich ist das unser California-Punk-Song.

Das letzte Wort habt Ihr.

Roman: Legt Warentrenner hinter die Waren!

Kruse: Und wenn Ihr mir einen großen Gefallen tun wollt, stellt Euch an der Tankstelle oder Supermarktkasse, wenn ich gerade meine Geheimzahl eingebe, nicht neben mich. Verdammte Scheiße, ich hasse das!

Roman: Du hast eh nichts auf dem Konto.

Kruse: Das außerdem!

Video: Adam Angst – Alle Sprechen Deutsch

Hier erhältlich
Adam Angst 2018Adam Angst – Neintology
Release:
28. September 2018
Label: Grand Hotel Van Cleef

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