KreuzverHör: The Offspring – Let The Bad Times Roll

The Offspring - Let The Bad Times Roll

Was lange währt, wird endlich gut. So oder ähnlich möchte man ja fast in Dauerschleif, ob des zeitlich mehr als ausgereizten Spannungsbogens floskeln, den The Offspring zur Ankündigung ihres neuen Albums aufbauten. Was dann herausgekommen ist, lässt wohl die wenigsten unüberrascht. Neben richtig großartigen Songs, liefert „Let The Bad Times Roll“ Irritationen, deren Erklärung eher an den Haaren herbei gezogen, als ernsthaft realistisch klingt.

„Wenn ich mir vorstelle, ich müsste Sterben und würde meine Angehörigen nicht verschrecken wollen, wäre das ein richtig guter Kompromiss.“

Maria: The Offspring überraschen nach (nicht nur) gefühlten zehn Jahren Ankündigungen, mit einem Album, an das nahezu keine:r mehr glaubte. “Let The Bad Times Roll” erscheint Ende der Woche auf Concord Records und ich möchte dieses KreuzverHör mit der Behauptung eröffnen, dass die zehnte Platte der Musiker aus Südkalifornien, wenn überhaupt, Mittelmaß ist und das auch nur, weil der Graben von “richtig gut” bis “belangloser, als Klassik Rock” reicht!

The Offspring klingen noch wie The Offspring

Cynthia: Also in Anbetracht des “Levels of Expectations” ist das Ganze leider echt eher lauwarm. Ich meine, wenn man sich schon so viel Zeit lässt, erwartet die Fanbase ja irgendwie einen Knaller. Es sind einen paar gute Sachen dabei, auch wenn The Offspring irgendwie einen bisschen das AC/DC Problem haben.

Maria: Allem voran muss man allerdings anerkennend zugestehen, dass The Offspring zumindest noch wie (etwas sehr viel ältere) The Offspring klingen. Und auch, wenn mir der erste Durchlauf eher zäh von der Nadel ging, gibt es sich im Verlauf glücklicherweise verträglicher. Aber fangen wir von vorne an. “This Is Not Utopia” ist ein klassischer The Offspring Song.

Cynthia: Ein bisschen meine ich das mit dem AC/DC Problem… “This is not Utopia” hätte auch auf einem älteren Album sein können – nichts neues – einfach der gute, alte The Offspring Sound, wie man ihn kennt.

„Und dann wippte sich mein Fuß überraschend ins ‚Verderben'“

Maria: Voll, das hätte tatsächlich sogar ein Filler der “Ixnay on the Hombre” oder “Conspiracy of One” sein können.

Cynthia: Einerseits gut, denn man weiß, was man bekommt (zumindest in etwa) und es gibt keine bösen Überraschungen. Aber eben auch nichts Neues.

Maria: Stimmt, allerdings muss ich den Altpunx hier doch noch ein bisschen mehr zusprechen. Der Song ist catchy und in seiner Grundstruktur angenehm unorthodox – man könnte sogar auf die Idee kommen, die Musiker hätten hier immer wieder neue Ideen ausgelebt und zu einer ziemlich runden Sache zusammengefügt. Wie gesagt, auf den Hitalben der Musiker eher zweitklassig, hier aber tatsächlich einer meiner Favoriten.

Der erste Durchlauf ist so einfach an mir vorbei gerauscht

Cynthia: Da bin ich ganz bei dir. Auch einer meiner zwei Favoriten. Der nächste Song, die erste Single “Let the Bad Times Roll” hat eine Weile gebraucht – da gab es schon einiges Besseres. Der erste Durchlauf ist so einfach an mir vorbei gerauscht und irgendwie war ich sogar etwas enttäuscht. Wenn man es ein paar mal hört, bleibt es aber doch im Ohr hängen. Das Video ist zudem echt witzig gemacht. Und ich bin immer wieder überrascht, welche Höhen Dexter in seinem Alter noch mit der Stimme erreichen kann. (lacht)

„Wer hat den Socken im Mund?“

Maria: Der ist ja immer etwas “höher, als die anderen”. Bei dem Song war ich mir leider relativ schnell sicher, dass ich nie jemandem verraten werde, dass mein Fuß hier einfach dauerhaft wippte und ich den bereits 2019 geschriebenen Song immer noch absolut eingängig finde. Hier wirken die Gitarren richtig gut. Nachdem “Let the Bad Times Roll” als erste Auskopplung erschien dachte ich “Christ, so soll das jetzt werden” – mit all den ​’Woo-hoo-hoos und der flachen Melodie? Naja und dann wippte sich mein Fuß überraschend ins “Verderben” und ich musste den Song wieder und wieder hören. Thematisch übrigens der Blick auf die damals ordentlich beängstigende Trump Politik. Gut, dass wir erstmal mit den Spinner durch sind. Also anderes Thema, hast du eine Idee wer beim nächsten Song “Behind Your Walls” am Beginn einen Socken im Mund hat? Das ist doch im Leben nicht Dexter Holland sondern klingt eher – neben dem nasalen Gesang – ziemlich foofighteresk.

Cynthia: Ich hab jetzt mal im Pressetext nachgeschaut – da steht kein Feature. Hmm.. aber ich dachte auch schon, dass das nicht Dexter sein kann. Der Song lief bei mir aber bisher auch nicht sonderlich oft.

Catchy Songs schreiben konnten The Offspring immer

Maria: Schade eigentlich, der entwickelt sich für mich echt richtig gut und angenehm kraftvoll und ist handwerklich echt außergewöhnlich – besonders die Kunstpause auf 02:50 mag ich gern leiden. Die zwölf Songs halten sich übrigens auffällig akkurat an die dreieinhalb Minuten Grenze – das ist noch Punk! (lacht müde)

Cynthia: Haben wir denn hier auch maximal drei Akkorde?

Maria: Haha, ziemlich sicher.

Cynthia: Mir war “Behind Your Walls” bisher immer etwas zu “sperrig” für The Offspring. Aber gut, das braucht vielleicht einfach etwas. Der Nächste, “Army of One”, der hat’s mir angetan. Einmal angehört und zack für den Rest des Tages im Ohr. Catchy Songs schreiben konnten The Offspring ja schon immer und meistens waren die, die sich am fiesesten ins Ohr gebrannt haben, nicht grad die “technisch anspruchsvollsten”. Ich mag die treibenden Gitarren – das Tempo ist gut, der Refrain bleibt im Ohr hängen und dieser “getragene” Gesang (“and the woooooould.. keeps on tuning…”) Hach, sowas liebe ich ja. Ich würde sagen, dass ist mein Favorit auf dem Album.

„Der Song macht so wenig mit mir, dass er mich damit schon wieder ärgerlich macht.“

Maria: Ja, ich seh was Du meinst. Irgendwie ein klassischer The Offspring Song, der mir früher beim Skaten sehr sicher auch nicht auf die Ketten gegangen wäre – jetzt regt er aber rein gar nichts mehr in mir. Er ist mir sogar ziemlich egal, wenn ich ehrlich bin. Das habe ich selten. Der macht nämlich so wenig mit mir, dass er mich damit schon wieder ärgerlich macht. Spannend, wie gegenläufig Musik sein kann. Warte mal, ich hör fairerweise schnell nochmal rein.

Ein Gefühl von Aufbruch

Cynthia: Ich finde, das is so ein typischer „Gute Laune – Aufbruch“-Song. Zumindest fühle ich mich nach Aufbruch, nach Dinge tun – ich sehe mich durch die Straßen laufen mit einem Grinsen im Gesicht, als gehöre mir die Welt.

Maria: Ha, ich versteh ganz was du meinst. Das, was du als Aufbruch bezeichnest weckt in mir die Assoziation eines schlechten Westerns – frag mich bloß nicht warum, bitte. Apropos Wester, es gibt einen Neuzugang bei The Offspring. Mit Todd Morse kommt kein Unbekannter der Szene an den Bass der Kalifornier. Morse spielte beispielsweise bei H2O.

Cynthia: Spannend. Sehr Spannend. Ich bin auf einmal wieder 16 und mir gehört die Welt bei besagtem Song. Vielleicht auch weil er so typisch The Offspring ist und die mich in dieser Sturm und Drang Zeit so stark begleitet haben.

“Feelgood Rock”

Maria: Wie gesagt, verstehe ich total. Ist im nächsten Song “Breaking These Bones” ja ähnlich. Klassische The Offspring Songs, schnell im Tempo und einprägsam im Gesang. Richtig spannend wird jetzt aber, was du zu “Coming For You” sagst.

Cynthia: Den Song kenn ich ja schon seit dem er 2015 als Single vorab veröffentlicht wurde und ich meine, den hab ich sogar schon live gehört. Nach allem, was das Album bisher so zu bieten hatte irgendwie etwas anders. Besser wenn man allein das Songwriting betrachtet, aber nicht so ein fieser Mitwipp-Ohrwurm. Hier merkt man meiner Meinung nach schon, dass die Band sich weiterentwickelt hat. Kein Party Hit aber echt angenehm zu hören. Ich würde sagen das sowas wie “Way Down The Line” auf der IOTH ist – gut, aber anders.

Maria: “Feelgood Rock” – aber 2021 passt er tatsächlich das erste mal richtig auf ein The Offspring Album. Belanglos, aber nicht ganz so “verstörend”, wie sein – immerhin irgendwie experimenteller” Nachfolger. Dessen Titel “We Never Have Sex Anymore” bei diesem Song in Verbindung mit dieser Band schnell zur Wahrheit werden kann. Der landet, auch wenn ich das Augenzwinkern natürlich verstehe, safe nicht auf meiner Kuschelrock Playlist. Grundgütiger.

Das will selbst der Ska nicht hören.

Cynthia: Also wenn ich keinen Sex mehr haben will und mein Date verscheuchen will, dann kann ich den auflegen. Ansonsten – nein und nochmal nein. Grausam und verstörend. Was zur Hölle – wollen The Offspring jetzt versuchen Ska oder Swing oder was auch immer zu machen? Das sollten sie bitte ganz schnell wieder lassen.

Maria: Das will selbst der Ska nicht hören.

Cynthia: Auch wieder wahr. Ne ganz ehrlich: Der Song kann weg. Einfach skippen.

Maria: Andererseits könnte man so The Offspring auf einem Jazzabend oder im Kaffeehaus unterbekommen und auch der ist so penetrant aufgebaut, dass er einem nach dem fünfundzwanzigsten Hörerlebnis ergebenerweise doch gefällt – irre. Die Auseinandersetzung mit dem Renteneintritt ist halt – Punk hin oder her – Prozess.

Cynthia: The Offspring werden eben auch nicht jünger und das Publikum auch nicht. Kein ganz unkluger Versuch, sich der “neuen” Zielgruppe anzupassen?

“Das macht schon ein bisschen Gänsehaut“

Maria: Und dann wirds fast poetisch – erkennst du “In The Hall of the Mountain King”?

Cynthia: Jepp. Aber ein bisschen frage ich mich, warum das auf dem Album sein muss. Live mag sowas ganz gut kommen, aber auf nem Album is das so ne Sache.

Maria: Schade eigentlich, dass Edvard Grieg nicht mitbekommt, wie gut er in der Subkultur ankommt. Ich versteh ab jetzt eh nicht mehr so richtig, was hier in der Sortierung passiert ist. Der ganze Wert, den das Album bis hier irgendwie retten kann, geht augenblicklich flöten. Weder das allseits beliebte Intro “In The Hall of the Mountain King” noch “Lullaby” machen für mich Sinn.

Chaos and Order oder “Hassan Chop” und „Lullaby

Cynthia: Normalerweise setzt man sowas wie ein zweites Intro, um einen zweiten Teil eines Albums einzuläuten. Aber das was hier nach dem Intro kommt ist.. naja.. wirr? Nochmal zwei neue Songs, die aber eher so vor sich hin plätschern, dann eine wirklich großartige Piano Version eines Klassikers und den Titeltrack mal anders (“Lullaby”). Ich meine “Gone Away” als Piano Version macht schon nen bisschen Gänsehaut. Aber was zum Geier hat das so auf dem Album zu suchen? Als Bonustrack meinetwegen, aber so…. ?

Maria: Die einzige logische Erklärung ist für mich, dass die Platte hoch und runter als “full record show” gespielt werden soll. Dann macht das fast Sinn. Beim Bergkönig und “Hassan Chop” (Puh) kann sich der geneigte Pit ordentlich die Hörner abstoßen, während “Gone Away” das Publikum zufrieden und (vermeintlich) erschöpft während des Outros “Lullaby” ins Bett bringt. Allerdings gebe ich dir Recht, “Gone Away” hat eine total schönes neues Gewand bekommen, während es das herbstliche Hauptmotiv der Platte bildet. Ich würde mich sogar soweit aus dem Fenster lehnen, zu behaupten, dass das kein Zufalls oder Lockdown Boni ist. Im Hause The Offspring scheint ein ernsthafter Umbruch auf dem Programm zu stehen. Das schöne an der Version ist das Gefühl, welches sie vermittelt: Wenn ich mir vorstelle, ich müsste Sterben und würde meine Angehörigen nicht verschrecken wollen, wäre dieser Song, der vor 24 Jahren auf der bereits benannten Platte “Ixnay on the Hombre” erschien, ein richtig guter Kompromiss.

Video: The Offspring – Let The Bad Times Roll

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The Offspring - Let The Bad Times RollThe Offspring – Let The Bad Times Roll
Release: 16. April 2021
Label: Concord Records
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