Torsun und Kilian von Egotronic im Interview

Egotronic
Foto: Bastian Bochinski

In politisch fragwürdigen Zeiten kommt ein wenig „Linksversiffte Unkultour“ gerade recht. Deshalb ist es besonders erfreulich, dass Egotronic mit ihrem neuen Album „Ihr Seid Doch Auch Nicht Besser“ (Albumreview) im Gepäck unterwegs sind. Vor ihrem Auftritt im ausverkauften Café Glocksee in Hannover haben sich Torsun und Kilian Zeit für ein Gespräch mit uns genommen.

„Wir haben keine Linksradikalen, die mordend durchs Land ziehen.“

Willkommen in Hannover! Verbindet Ihr mit der Stadt eigentlich etwas Besonderes?

Torsun: Es ist halt eine Kackstadt (lacht). Ich habe mal gelesen, Hannover wäre irgendwann mal bei einer EXPO stehengeblieben. Nee, ich habe hier ein paar wirklich gute Freunde, ich mag die Stadt. Die Konzerte waren immer gut, ich kann mich an keine Show hier erinnern, bei der die Stimmung Kacke gewesen wäre.

Kilian: Und von mir wurde hier ein wunderschönes Foto geschossen.

Es scheint so, als ob das neue Album mehr provoziert. Werdet Ihr anders wahrgenommen?

Kilian: Es gab schon immer viele Reaktionen. Nach „Scheiße bleibt Scheiße“ gab es auch einen richtigen Shitstorm. Aber diesmal war es schon extrem.

Torsun: Audiolith hat auch irgendwann angefangen, Kommentare zu löschen, weil neben Vergasungsfantasien plötzlich auch die Idee der Vergewaltigung der Hauptdarstellerin aufgetaucht ist. Am Ende waren es rund 500 Kommentare weniger. Da ist schon eine Menge Scheiße über uns gerollt.

Die Aussage „Ihr seid doch auch nicht besser“ kennt man eigentlich nicht aus der linken Ecke. Warum habt Ihr das Album danach benannt?

Kilian: Genau das war der Grund dafür. „Ihr seid doch auch nicht besser“ ist so ein klassischer Rechten-Spruch. Aber wir sind ja auch nicht besser!

Torsun: Auf der Platte sind Extremismustheorien sowieso ein Thema und das Besondere ist eigentlich das Cover der Platte. Die Gäste der nachgestellten Matussek-Party schauen den Betrachter direkt an und treten sozusagen in Interaktion mit ihm. Und Kilian ist auf den Titel gekommen, weil es eben einer der häufigsten Kommentare ist.

Und deswegen sollt Ihr auch angezeigt worden sein. Stimmt das?

Torsun: Also bisher ist nichts passiert, aber Matussek hat auf Twitter geposted, dass er uns angezeigt hat. Das war kurz nachdem das Video zu „Kantholz“ rauskam. Im Zuge dieser Platte waren wir auch öfter in Kontakt mit den Anwälten von Audiolith, die immer geguckt haben, ob es irgendwelche Probleme geben könnte.

Kilian: Was ich ganz typisch fand, war die Reaktion Matusseks. Er hat ein Video geposted, in dem er so tut, als ob er das Video als Spaß verstehen und drüber stehen würde. Und kurz darauf kam dann der Tweet mit der Anzeige.

Torsun: Er hat vor allem einen Mordaufruf gegen sich halluziniert. Da muss man schon sehr wild spekulieren, um das in das Video reinzuinterpretieren. Aber das muss die rechte Seite tun, weil es auf der linken Seite keine Entsprechung für ihre Gewalttaten und Morde gibt. Wir haben keine Linksradikalen, die mordend durchs Land ziehen.

„Der Winter dauert halt ein halbes Jahr.“

Auch persönliche Themen haben mehr Raum auf der Platte, es geht zum Beispiel um Berlin und auch um Torsuns Krankheit Rheuma.

Torsun: Der Text zu „Berlin im Winter“ ist eine Antwort auf Sedlmeir, eine Ein-Mann-Rock`n`Roll-Band. Der hat einen Song geschrieben namens „Sommer in Berlin“. Ich habe dem textlich etwas entgegensetzen wollen. Der Winter ist halt scheiße. Es ist grau und es liegt meistens noch nicht mal Schnee.

Killian: Das finde ich ja eigentlich ganz gut.

Torsun: Ich hasse es! Es wird grau und hört nicht mehr auf. Und der Winter dauert halt ein halbes Jahr. Und bei Dr. House geht es um Schmerzen. Zur Zeit der Aufnahmen musste ich wirklich die ganze Zeit Pillen schmeißen. Drogen nehmen sollte eigentlich Freude machen, aber wenn man jeden Tag wegen Medikamenten dicht ist, geht es einem richtig auf den Sack. Durch den Vocoder-Gesang klingt es aber absurd fröhlich.

Ihr geht auf dem Album verstärkt auf aktuelle politische Themen ein. Vielleicht, weil es gerade besonders notwendig ist?

Torsun: Die Texte habe ich erst kurz vor den Aufnahmen geschrieben, dementsprechend aktuell waren sie auch. „Kantholz“ bezieht sich auf das Ereignis in Bremen. „Linksradikale“ ist entstanden, als die taz das rechte Hannibal-Netzwerk aufgedeckt hat. „Lustprinzip“ war zum Beispiel viel allgemeiner, aber die Platte jetzt ist genau für diese Zeit. Deshalb bezieht sich das Artwork auch so stark auf Social Media.

Hat die Vorgehensweise auch etwas damit zu tun, dass die Positionen des Schlagzeugers und Gitarristen neu besetzt werden mussten?

Kilian: Es beeinflusst einen schon irgendwie, wenn auch unterbewusst.

Torsun: Grundsätzlich ist es aber so, dass immer erst das Instrumentale kommt und dann der Text. So haben wir auch den Vorteil, dass wir aktuelle politische Entwicklungen in den Texten aufnehmen können.

„Antifaschistisch zu sein ist für mich das Normalste der Welt. Ich vertrete die Grundrechte des Menschen.“

Ihr beschäftigt Euch auf dem Album auch mit der Hufeisentheorie. Kann man Eurer Meinung nach linke und rechte Gewalt überhaupt miteinander vergleichen?

Torsun: Für mich ist das schon seit den frühen Neunzigern Thema, wo meine Politisierungsphase stattgefunden hat. Ich bin in der Zeit von Rostock-Lichtenhagen politisch aktiv geworden und seitdem war es immer Thema, dass die Linken ja genauso schlimm sind. Auf der einen Seite hat man Nazis, die morden und auf der anderen Seite Linke, die demonstrieren. Diese Gleichsetzung ist völliger Irrsinn. Danach wären die wahren Verfassungsfeinde ja die Linken. Die Linken werden konsequent dafür benutzt, die Fascho-Seite zu verharmlosen, für nichts anderes ist diese Theorie da.

Wo liegt der Hauptunterschied zwischen rechter und linker Gewalt?

Torsun: Rechte Gewalt richtet sich immer gegen Minderheiten, linke Gewalt versucht diese Gewalttaten zu verhindern. Man muss zumindest versuchen, den Leuten zu vermitteln, dass dieses Extremismus-Geschwafel und „beide Seiten sind gleich“ nicht stimmen. Deshalb beschäftigen wir uns damit auf unserem Album. Man kann mit einem Popsong kein politisches Thema abhandeln, aber wenn dadurch das Interesse bei manchen geweckt wird, ist schon viel gewonnen.

Gilt denn immer noch der Spruch „Die bekackten Deutschen, nichts hat sich geändert“?

Torsun: Ursprünglich war das ein Sample aus „The Big Lebowski“ und super lustig damals. Aber politisch ist es immer noch genau so. Wir sind nicht alters milde geworden.

Was kann jeder Einzelne tun, damit sich etwas ändert?

Torsun: Jeder nach seinen Möglichkeiten. Man sollte etwas tun, sei es Widersprechen, wenn jemand Scheiße redet oder einzugreifen, wenn man mitkriegt, dass Leute attackiert werden.

Kilian: Auch dass man sich damit befasst und es nicht ignoriert. Man wird gerne als Antifa-Spinner bezeichnet. Dabei ist für mich antifaschistisch zu sein das normalste der Welt. Ich vertrete die Grundrechte des Menschen. Aber viele Menschen haben Angst, anzuecken, wenn sie das sagen. Das finde ich mindestens bedenklich.

Torsun: Wer etwas tun kann, sollte etwas machen. Sonst bleibt irgendwann nur noch zu flüchten.

Video: Egotronic – Der Bürgermeister

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