Im KreuzverHör: ZSK – Hallo Hoffnung

Während Archi in den letzten Wochen durch Italien tingelte, um mit den Sewer Rats Ruhm und Ehre einzuspielen, tigerte Maria in der Redaktion auf und ab, um sich endlich mit ihm über „Hallo Hoffnung“, dem fünften Studioalbum der Berliner Polit-Punks ZSK, auszutauschen. Die Beiden haben zusammengefunden und natürlich ihren Eindruck mit uns geteilt.

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ZSK – Hallo Hoffnung
Release:
27. Juli 2018
Label: People Like You Records

Archi: Es ist als wäre es gestern gewesen, dass ich ZSK als Support der Toten Hosen in Rostock gesehen habe. Es war jedoch 2005 und mittlerweile sind 13 Jahre vergangen.

„Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn es so richtig Scheiße ist, ist da immer noch die Musik. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

Maria: Haha, immer wenn wir hier zusammenkommen, um uns über Musik auszutauschen, landen wir bei unserem Alter. Spannend, alter Sack – dreizehn Jahre ist ja quasi Dein halbes Leben.

Archi: Sind wir damit schon in der Midlife-Crisis? ZSK sind es mit ihrem neuen Album “Hallo Hoffnung” auf jeden Fall nicht!

Maria: Als ob! Wir? Wir haben einfach das Glück in unserem jugendlichen Alter schon eine ganze Menge Musik gehört zu haben. Aber Du hast recht und irgendwie passt der Opener “Es müsste immer Musik da sein” auch ganz gut zum Thema „Alter“.

Archi: Da gab es ja schon die ersten Unkenrufe, als die Tracklist veröffentlicht wurde. Der Song würde ein billiger Broilers-Abklatsch werden. Kenner der Materie wissen natürlich, dass es sich um das Zitat „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was Du machst. Und wenn es so richtig Scheiße ist, ist da immer noch die Musik. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und Du hörst immer nur diesen einen Moment.“ aus dem Film „Absolute Giganten“ handelt und ein gutes Stück brachialer nach vorne geht, als „33 rpm“ der Düsseldorfer. Ein energischer Opener, wie er im Buche steht – die Hoffnung aus dem Albumtitel ist direkt Programm.

ZSK ebneten Anfang der 2000er den Weg für die „neue deutsche Polit-Punk Welle“

Maria: Genau und Joshi erklärt auch ganz treffend: „Das Album ist für all diejenigen, die sich trotz der um sich greifenden Gleichgültigkeit und dem Hass nicht verbittern lassen. Es ist für alle, die weitermachen und die Veränderung wollen.“ Über ein Gemisch aus Freundschaft, Hoffnung und Veränderungsmotivation ist ein ziemlich perfekter Übergang zum zweiten Song “Unzerstörbar” entstanden und dieser ist tatsächlich kaum weniger energetisch, als der Albumopener. Auch hier wird der Finger direkt in die Wunde gehalten – allerdings konstruktiv anklagend, investigativ mahnend und mit einem dicken Bündel Zuversicht im absoluten Fokus. Es geht nur noch nach vorn.

Archi: Veränderung ist ein gutes Stichwort – Es gibt wenige Bands, die es schaffen, über so viele Jahre konstant solch eine Energie zu bewahren, ohne sich zu verbiegen und bei denen Veränderungen nicht durch äußeren Druck, sondern ganz natürlich passieren. Oder wie siehst Du das? Für mich schlägt die neue Platte in eine ähnliche Kerbe wie mein All-Time-Favorite-ZSK-Song “Keine Angst”.

„Für mich braucht ein guter Song eigentlich tatsächlich nur drei Minuten“

Maria: Ich muss ja sagen, dass ich “Hallo Hoffnung” einerseits viel “erwachsener”, aber auch viel mehr im deutschsprachigen Punkrock angekommen erlebe, als seine Vorgänger. Das was Du beschreibst, nehme ich auch wahr, auch wenn die – ich nenne es mal Glaubwürdigkeit – der Berliner immer wieder in Frage gestellt wird. Da sollte man sich doch immer zuerst darauf konzentrieren, was man sieht und sehen kann und da stehen ZSK meiner Meinung nach recht weit an der Front – egal ob es um aktuelle politische Themen wie Flucht oder alteingesessene wie Rechtspopulismus geht. Da kann einem die ganze andere Diskussion schon schnell mal auf den Sack gehen.

Archi: Das Thema „Glaubwürdigkeit“ haben sie ja selbst auf dem vergangen Tonträger durch den Song „Punkverrat“ schon abgehandelt und man muss ehrlich zugeben, dass eine Band wie ZSK Anfang der 2000er den Weg für die „neue deutsche Polit-Punk-Band Welle“ mit Vertretern wie Radio Havanna oder auch Montreal geebnet haben. Aber wir entfernen uns zu weit von der neuen Platte. Darum ein 180° Themenwechsel: Mir ist mit Freude aufgefallen, dass keiner der Songs die Vier-Minuten-Marke überschreitet.

Maria: Haha, jetzt musste ich bisschen schmunzeln. Ich bearbeite parallel noch ganz verspätet die neue The Interrupters Platte und schrieb vor kaum einer halben Stunde, dass da gerade mal zwei über die Drei-Minuten-Grenze gehen. Vier ist ja schon recht sportlich – aber wir finden auf der neuen Platte der Herren ZSK auch mindestens sechs Werke unter drei Minuten. Da wurde schon sehr viel sehr richtig gemacht.

Archi: Für mich braucht ein guter Song eigentlich tatsächlich nur drei Minuten und davon hat “Hallo Hoffnung” ein paar zu bieten.

„ZSK erschliesen ihren Tanzbereich im deutschen Polit-Punk mit „Hallo Hoffnung“ nochmal neu“

Maria: Absolut. Übrigens wurde “Hallo Hoffnung” im legendären Horus Sound Studio in Hannover aufgenommen. Da fühlt es sich fast heimelig an zu wissen, dass ZSK nun schon die vierte Platte in Hannover aufgenommen haben.

Archi: Ja, das Album bringt auf jeden Fall den klassischen ZSK-Sound mit, ohne viele Schnörkel oder Experimente – das war es auch, was ich vorhin damit meinte, dass es erstaunlich ist, wie eine Band nach so vielen Jahren noch immer die gleiche Energie und den gewohnten Sound rüberbringen kann – und vorallem will. Hut ab!

Maria: Wobei ich Dir da widersprechen muss. Und da kommen wir zurück an den Punkt, an dem tatsächlich anerkannt werden muss, dass ZSK ihren Tanzbereich im deutschen Polit-Punk nochmal neu erschlossen haben. Ich verstehe schon, was Du mit der “gleichen Energie” meinst, finde aber, dass der Vierer tatsächlich eine ordentliche Portion Songwriting und Gerotze drauf gepackt hat. Das ist ja beispielsweise auch das, was ich mir von den Genrekollegen Radio Havanna immer wieder wünsche. “Hallo Hoffnung” ist natürlich auch gut abgemischt und gemastert – aber viel, viel orientierter und mit rotem Faden, als die letzten Alben.

Chris #2 von Anti-Flag und Guido Donot verewigen sich nach 15 Jahren Freundschaft musikalisch auf „Hallo Hoffnung“

Archi: Wo wir gerade nochmal bei der anderen Berliner Combo sind: Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit – weißt Du worauf ich hinaus will?

Maria: Anti-Flag?

Archi: Genau. Beide Bands haben nun ein Feature mit einem Mitglied der amerikanischen Polit-Punk-Legende Anti-Flag – ich konnte es kaum erwarten, den betreffenden Song “Make Racists Afraid Again” zu hören und wurde nicht enttäuscht.

Maria: Kein anderer Titel wäre denkbar gewesen. Hach ja, Chris #2… Der hat übrigens -entgegen aller Erwartungen – auch noch seinen Beitrag in deutscher Sprache geleistet. Da fällt mir auf, ZSK und Anti-Flag sind die beiden Bands, die ich in diesem Jahr jeweils mehr als vier oder fünf mal gesehen haben werde. Die spielen 2018 ja wirklich gefühlt alles. Nicht mal im Ausland ist man vor denen sicher! Aber Chris Barker hat nicht den einzigen Gastauftritt. Auch – der hier bereits durch unser KreuzverHör genommene – Guido Donot ist dabei. Erzähl doch mal, was Du da so drüber weißt.

„Hier wächst also zusammen, was zusammen gehört!“

Archi: Das ist für mich alles andere als überraschend, wo doch ZSK und die Donots schon fünfzehnjährige Freundschaft hegen – mich hat es eher gewundert, dass Joshi nicht auf “Lauter als Bomben” vertreten ist, wenn ich ehrlich bin. Hier wächst also zusammen, was zusammen gehört!

Maria: Wie philosophisch.

Archi: Auch ich habe meine Momente!

Maria: Ich weiß und das ist auch gut so! Aber zurück zu Guido: Neben einem doch recht optimistischen und eher seichten Albumtitel und einem durch und durch reifen Songwriting gibt es – dank der Kooperation ZSK/Donots – mit “Die besten Lieder” endlich auch ein ordentliches Sauflied. Und das beginnt mit “Die besten Lieder sind die übers Saufen, wer etwas anderes behauptet ist dumm…”. Während ich schon eine Crowd nach der anderen den Song lauthals mitgrölen höre, muss ich ordentlich schmunzeln. Da ist er, der Punk – falls der mal wieder vermisst wurde und so kann man ja unfassbar unkompliziert 15 Jahre Freundschaft feiern.

Archi: Dass Dir das gefällt, kann ich mir denken. Ich bin bei dem Thema “Sauflieder” leider raus – das holt mich so gar nicht ab. Aber ich kann mir vorstellen, wie gut der Song live ankommen wird.

Maria: Du hast leider gesagt!

Archi: Klar “leider”, denn ich gebe doch zu allem gerne meinen Senf dazu – Außer zu Pizza!

Maria: Die schmeckt auch am besten ohne Senf. Hast Du mir schon erzählt, welcher Dein liebster Track der neuen Scheibe ist?

„Das ist so schlimm, dass man vor lauter Verachtung nicht mal mehr kotzen möchte“

Archi: Nein noch nicht, aber es ist – wie sollte es auch anders sein – das erwähnte “Make Racists Afraid Again”. Über das Thema kann gar nicht genug gesungen werden. Und bei Dir?

Maria: Ich bin da nicht so weit weg: Der Titel „Wut“ und sein Pendant „Hallo Hoffnung“ treffen mich beide sehr persönlich. Der aktuelle politische Diskurs Deutschlands  – vom Rest der Welt ganz abgesehen – ist für mich kaum noch ertragbar. Ich stelle mir täglich die Frage, ob ich nicht alles hinwerfen und mich auf den Weg „für die Sache“ machen soll! Menschen riskieren täglich – wenn sie nicht gerade von offensichtlich hirnfreien Politikern außer Gefecht gesetzt werden – selbstlos ihr Leben, um wiederum Menschen beispielsweise vor dem Ertrinken zu retten. Rechtspopulismus wird absolut unverblümt so salonfähig gemacht, dass man mit Wohlgefallen und in jeder Zeile im vollen Widerspruch unseres Grundgesetzes, als Politiker einer Partei mit offensichtlich heuchlerischen christlichen Werten, in aller Öffentlichkeit über 69 Abschiebungen sprechen darf, ohne  – und das ist überhaupt das widerlichste daran – wirklich Konsequenzen tragen zu müssen. Das ist so schlimm, dass man vor lauter Verachtung nicht mal mehr kotzen möchte. An der Stelle schlagen beide Titel irgendwie Hand in Hand ein, denn trotz der ganzen Scheiße berappelt man sich immer wieder und weiß: „Außer der Angst, haben wir nichts zu verlieren“!

Video: ZSK – Hallo Hoffnung

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