Cokie The Clown and The Fentanyls, Paper Dolls und Dead Sound in San Francisco 20. April 2019, The Great American Music Hall

    Cokie The Clown live in San Francisco 15
    Foto: Valerie Soldate

    Der Nofx Frontmann Fat Mike hat in den vergangenen Wochen in den sozialen Netzwerken mit seiner Tauschhandel Aktion „Ihr bringt Cokie cooles Zeug und Cokie verschenkt dafür VIP Pässe” für Aufmerksamkeit gesorgt. Gestern war es dann endlich soweit. Die erste von insgesamt drei Record Release Shows, der am 26. April erscheinenden Platte „You´re Welcome“ des Fat Mike Nebenprojekts Cokie The Clown, fand in San Francisco in der Great American Hall statt.

    „You´re welcome!“

    Straighter melodischer Punkrock assoziiert die Anfangszeiten Green Day´s

    In einer gut gefüllten und unfassbar schönen Location geht es pünktlich um 21.00 Uhr mit der ersten Vorband, den Paper Dolls, los. Die Band spielt straighten melodischen Punkrock und erinnert immer wieder stark an die Anfangszeiten von Green Day. Nicht zuletzt, weil die Stimme des Sängers der von Billie Joe Armstrongs ziemlich ähnelt. Die Band macht einen wirklich guten Job und vor der Bühne macht sich Tanzstimmung breit. Vielleicht wohl wissend, dass Cokies Show vermutlich weniger Möglichkeiten zum Feiern bieten wird. Nach einer guten halben Stunde ist die Show vorbei und so manch einer hat sich insgeheim gewünscht, dass das Ganze noch eine Weile weiter geht.

    Stadionrock, Pop und eine Prise Ramones

    Nach einer kurzen Umbauphase geht es mit der zweiten, ebenfalls aus Oakland kommenden und noch relativ unbekannten Band Dead Sound weiter. Hier wird Stadionrock, Pop und eine Prise Ramones zusammengewürfelt. Die Kalifornier spielen ein solides Set, können aber mit den Paper Dolls in puncto Hitdichte nicht ganz mithalten. Trotzdem ist es insgesamt ein guter Ansatz auch noch weniger bekannten Bands eine Chance zu geben. Denn ganz ehrlich, Fat Mike hätte mit Sicherheit problemlos gestandene Fat Wreck Bands für diese Show gewinnen können. Nach einer guten halbe Stunde beendet der zweite Support sein Set und man merkt, wie die Spannung unter den Besuchern steigt. Zwischendurch kann man Besucherstimmen von „Ich weiß wirklich nicht, was man heute erwarten kann“ bis „Das wird echt merkwürdig werden“ vernehmen. So viel vorab: Es wird ein unglaublich angespannter, manchmal urkomischer, aber definitiv extrem unvergesslicher Abend werden.

    Namenhafte Musiker, ein Miniorchester und die dunkelsten Tiefen der Psyche Michael Burketts

    Nach einer letzten kurzen Umbaupause ist es dann endlich soweit und man soll erfahren, wie „strange“ dieses „Konzept“ nun wirklich ist: Fat Mike hat für seine Cokie The Clown Shows kurzerhand die Band „The Fentanyls“ mit namhaften Musikern aus der Punkrock Szene zusammengestellt. Dazu gehören unter anderem John Carey von Old Man Markley, Karina Denike der Dance Hall Crashers und Joe Raposo von Lagwagon. Weiterhin wird die Show durch ein Mini Orchester, in Form von Geige und Cello, begleitet. Schnell erinnern wir uns an die Jera On Air Darbietung des Nofx Klassikers The Decline, welche durch ein Orchester unter der Leitung des Musikers B.A.Z aufgeführt wurde. Der musikalische Tausendsassa ist mittlerweile die erste musikalische rechte Hand in der Karriere Fat Mikes und auch heute ein Teil seiner Band. Bevor es losgeht betont Cokie, dass das heute keine Nofx Show und auch keine freudvolle Show werde. Vielmehr richtet sich der Blick ab jetzt in die dunkelsten Tiefen der Psyche Michael Burketts.

    Bildergalerie: Cokie The Clown And The Fentanyls, Paper Dolls und Dead Sound

    “I peeled my fuckin’ skin off for this record.”

    Los geht es mit dem Albumopener „Bathtub“, welcher bis auf wenige Klaviertöne fast ausschließlich a capella bleibt. A capella und Fat Mike? Das passt eigentlich ungefähr so gut zusammen, wie Nutella Brötchen und Sardellen. So entsteht bereits nach wenigen Minuten das Gefühl, als würde ein besoffener Clown ein Gedicht aufsagen. Wie im gesamten Debütalbum bekommt man auch am ersten Abend dieser Mini Tour einen ziemlich intimen und gleichermaßen traurigen Einblick in das Leben des Musikers. Fat Mike sagt selbst, dass er sich für dieses Album völlig nackt gemacht habe.

    So erzählt er auch live die Geschichten, über die aktive Sterbehilfe bei seiner Mutter im Song „That Time I Killed My Mom“ oder dem herzergreifenden und tief betroffen machenden Rückblick des bereits erwähnten Openers, welcher erzählt, wie er gerade noch rechtzeitig seine überdosierte Partnerin mitten in der Nacht aus einer Hotel Badewanne zog. Fat Mike hat also weder live, noch in der Ankündigung zur Platte, zu viel versprochen: man wird im Zuge dieser Show so richtig runtergezogen. Untermalt werden die autobiografischen Geschichten durch vom Sampler abgespielten Sounds.

    Ein unglaublich stranger, manchmal urkomischer und definitiv extrem unvergesslicher Abend

    So ganz ohne Spaß funktioniert dann wohl auch dieser Abend nicht. Cokie The Clown schlägt sich ständig mit einem Hammer auf den Kopf, während lustige Videospielgeräusche aus dem Sampler abgefeuert werden. Kurze Zeit später kündigt er die erste Singleauskopplung „Punkrock Saved My Life“ mit den Worten: “Ok, lasst uns einen Song spielen, der zumindest ein wenig Punkrock enthält”, an. Nach einem durch technische Problemen vergeigten Basspart, musste der Song erneut angestimmt werden. “Der Typ hier gehört zu Lagwagon”, scherzt Fat Mike und für einen kurzen Moment hat man dann doch das Gefühl -zumindest anteilig- auf einer NOFX Show zu sein.

    „Fuck You All“

    Insgesamt wirkt der ganze Auftritt immer wieder unrund. Hier und da werden Textzeilen vergessen, Textzeilen werden abgelesen und die Arrangements hätten an manchen Stellen wohl etwas ausgefeilter sein können. Da kann man natürlich hinterfragen, ob wir hier Zufall oder Plan erleben. Auch der Genuss des großartigen Backgroundgesangs Karina Denikes dürfte gern erweitert werden, da diese für unseren Geschmack wirklich viel zu wenige Parts abbekommt. Man wird das Gefühl einfach nicht los, dass man eventuell zu wenig Zeit hatte, das komplette Arrangement zu verfestigen, während Mikes Worte „‚You’re Welcome‘ wurde so konzipiert, dass sich die Zuhörer auf ihren Sitzen winden.“, im Hinterstübchen schwingen. Nach etwas mehr, als einer Stunde, endet ein unglaublich stranger, manchmal urkomischer, aber definitiv extrem unvergesslicher Abend mit dem selbsterklärenden Song „Fuck You All“, bei dem sich ausgiebig Mittelfinger in die Luft strecken. Um es in den Worten Cokie the Clowns zu sagen: „You´re welcome!“

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