Marias musikalischer Jahresrückblick 2019

Blicke ich auf 2019 zurück, fühlt es sich, wie eine einzige Sekunde an. Eine Sekunde, die so unendlich emotional gefüllt ist, dass ich manchmal nicht so richtig wusste, wie das auszuhalten sein soll. Da mir aber auch schnell ganz schrecklich langweilig wird, wenn sich durch den Kopf im Sand der Horizont so fürchterlich begrenzt, war das schlussendlich keine Option.

„Für all die Herzensmomente und -menschen und all die ganze Musik, ohne die das Leben so viel mehr Tristesse verzeichnen würde, bin ich unendlich dankbar.“

Auch wenn es privat mein schmerzhaftestes Jahr war, gab es auf der Musikebene unendlich viele Herzensmomente zu verzeichnen. Diese verschmolzen durch so viele tolle Menschen immer wieder mit dem Privaten und machten das Unerträgliche irgendwie verkraftbarer. Dafür und all die ganze Musik, ohne die das Leben so viel mehr Tristesse verzeichnen würde, bin ich unendlich dankbar.

Meine Lieblingsalben 2019

Für mich hat der Punk 2019 alles gegeben. Es sind viele eingängige Alben entstanden, die Lust machen, live gehört zu werden. Ein Glück, dass wir dieses Jahr keine Limitierung haben. Mittlerweile ist ja weitverbreitet bekannt, dass ich dezente Schwierigkeiten habe, mich diesbezüglich zu entscheiden. Lehnt Euch also am besten schon mal ganz entspannt zurück, denn ich habe beschlossen, es als Schlusslicht unseres Jahresrückblicks ein wenig zu übertreiben und glaubt mir Freunde, ich könnte noch einige mehr aufzählen.

Off With Their Heads – Be Good

Ich liebe diese Band. Das habe ich schon immer getan und ich beiße mir heute noch in den Ar***, dass ich mir selbst den gesundheitlichen Mittelfinger zeigte, als Off With Their Heads dieses Jahr in Hannover spielten. Ich sags ja – nicht mein Jahr. ABER, wenn ein Album einer Band, deren Melancholie soooo bitterschön ist, mit den Zeilen „I should have seen this from the start. I should have always been on my own“ beginnt, dürfe eigentlich alles gesagt sein. Darf man sich für vertonte ehrliche Wut und Verzweiflung bedanken? Wenn ja, sei das hiermit und mit Robs Review aus dem August getan!

Strung Out – Songs Of Armor And Devotion

Ich bin nach wie vor Fan dieses Albums. Spannend ist, dass nach einem sehr wütenden 2018 der Punk 2019 so ganz global etwas geschmeidiger wurde. Thematisch stehen Lösungsansätze im Fokus und so beschäftigt sich auch Jason Cruz eher mit humanistischen Lösungen, als tobenden Attitüden. „Songs Of Armore And Devotion“ steht für mich auch heute noch unter dem Motto „Eine Strung Out Platte ist, wie das ganz normale Leben!“ Mehr dazu könnt Ihr Euch in meiner Albumbesprechung zu Gemüte führen.

Good Riddance – Thoughts and Prayers

Good Riddance kommen 2019 also mit dem Äquivalent zur aktuellen Stung Out Platte um die Ecke. Dank der vorherrschenden Zustände, nämlich ziemlich angepisst. Dabei knacken übrigens nur zwei Songs die Drei-Minuten-Marke. Mehr dazu und die ganze Geschichte um die Edmund Pettus Bridge, findet Ihr in meiner Albumbesprechung. Live kann sich das nur maximal explosiv entladen.

Bad Religion – Age Of Unreason

Es ist eigentlich nicht schwer zu verstehen, dass wir, auch wenn wir es aus unserer wohlständigen Blase heraus oft eher weniger wahrnehmen, am Arsch sind. Sollte es also mal zu Wahrnehmungsverzögerungen kommen, macht das gar nichts, da sich Bad Religion nach sechs (!) Jahren mit ihrem 17. (!) Studioalbum zurückmelden und den Finger genau da reinpressen, wo er hingehört. Hier entlang zu meinem Review.

Clowns – Nature/ Nurture

Es ist irgendwie vermessen zu sagen, dass die australischen Clowns zu den Newcomerbands 2019 gehören, da mit „Nature/Nurture“ bereits das vierte (jahahaaa) Album veröffentlicht wurde. Trotzdem ist es ein bisschen so, da sie in diesem Jahr den Schritt über den großen Teich machten und völlig zurecht auf Fat Wreck Chords landeten. Ich könnte es nicht besser formulieren, als Marco es in seinem Review tat: „Clowns müssten in einer gerechten Welt eigentlich das nächste große Ding werden.“

Lagwagon – Railer

Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie die erste Singleauskopplung „Bubble“ bei mir einschlug, während ich mich an Capes‘ Solo-Album „Let Me Know When You Give Up“ kaum erinnern kann. „Railer“ katapultiert mich locker 20 Jahre zurück und die konkreten und schonungslosen Texte der Punkrock-Legenden begeistern mich total. Für mich das wohl authentischste Album der „neuen“ Bandgeschichte.

Pascow – Jade

„Für circa eine Stunde wird dieses Rattenloch zum besten Platz der Stadt.“, ein Satz der sich bei mir eingeprägt hat. Keine Pascow Platten war inhaltlich jemals so greifbar und fokussiert. „Jade“ läuft hoch und runter und wird zu jeder Gelegenheit mitgeträllert. Die zwei im KreuzverHör angekündigten Wochen sind außerdem vorbei: Archi, wie stehst Du heute zu „Jade“?

The Run Up – In Motion

Die Briten sind in diesem Jahr für mich zu absoluten Herzensmenschen geworden und ich erinnere mich an viele sympathische, witzige und auch total ernste Momente. Zu „In Motion“ fallen mir heute, wie in meinem Review nur drei Stichpunkte ein: Schweiß, Tanzwut und Glückseligkeit. Solltet Ihr also mal die Möglichkeit haben, den Fünfer aus Bristol live zu sehen, steckt Euch lieber die Schnürsenkel in die Schuhe und schwingt das Bein.

Aree and the Pure Heart – Never Gonna Die

Wir reden hier über ein Album, dessen erster Song das Wort Wein im Titel trägt. Sagen wir, während dieser Entdeckung habe ich mich auf den ersten Ton verliebt und das hat sich bis heute nicht verändert. Bei der Erkenntnis, dass der Herr eine 50$ und 100$ Flasche Wein zerstört hat, wurde ich zwar kurz ein wenig blass und kaltschweißig, aber spätestens bei den Millionen brennenden Polizeiautos ging es wieder bergauf. Starkes Album für Fans
von The Gaslight Anthem, der mitreißenden Energie der frühen Against Me! und dem Springsteen Heartland Rock der 70er und 80er Jahre.

Spermbirds – Go To Hell Then Turn Left

Holt tief Luft, hier kommt „Go To Hell Then Turn Left„!

Millencolin – SOS

„SOS“ ist ein Plädoyer, das die Gemeinschaft stärken soll, die Hoffnung des Einzelnen manifestiert und dafür wirbt, für bessere Zustände und dieses eine Leben zu kämpfen – oder wie die Kids sagen würden: Keep your PMA! Was in meiner Besprechung der Scheibe definitiv fehlt, ist die Erwähnung einer schnörkellosen Akkordarbeit, eines galoppierenden Schlagzeugs, siegessicheren Leads und eingängiger, aber immer leicht bewaffneter Hooklines. Ich habe „SOS“ live getestet und final für gut befunden – Punkt.

Grade 2 – Graveyard Island

Zugegeben, ich stehe offensichtlich auf Sachen, die Tim Armstrong anfasst und Punkrock und Fußball und postromantische Gedanken über Straßenkampf in rotem Pyrorauch. Graveyard Island gehört definitiv zu den besten Alben des Jahres. Stark, einfach stark – schreibt auch Rob in seinem Review zum neuen Grade 2 Album.

Meine Lieblingsshows 2019

Auch in den Konzerthäusern dieser Stadt war 2019 eine ganze Menge los, neben Shows von Thees Uhlmann, Brian Fallon, Dave Hause, The Casualties, Mad Caddies, dem Punk In Drublic und Descendents sind mir folgende Konzerte in besonderer Erinnerung geblieben.

Booze Cruise Festival 2019

Ach Booze Cruise, du hast mich verzaubert. Du und alle deine Menschen. Wenn die versifftesten Kellerkneipen zum schönsten Platz der Stadt und Karaokebars ein geliebtes Wohnzimmer zwischen Freunden und der Wahlfamilie werden, liegt definitiv ein bisschen Magie über der Hansestadt. Warum ihr euch schleunigst Tickets sichern solltet, lest Ihr in unseren Bericht von Freitag, Samstag, Sonntag und Montag.

Fever 333 in Hannover 25. Juni 2019, MusikZentrum

Die Protest-Formation rund um ex-letlive.-Sänger Jason Butler ruft im Juni in Hannover zu einer deutschlandweit exklusiven Demonstration auf und es gibt eine Show zu erleben, die in puncto Energie alles bisher gesehene übertreffen wird. Ich wette, dass es keinen Gast gibt, der nicht durchgeschwitzt bis auf die Knochen das MusikZentrum verlässt. Das war schon sehr faszinierend – mehr dazu lest Ihr hier.

Kettcar auf dem Fährmannsfest

Unser kleines Festival in Hannover gehört definitiv zu den Festivals mit den schönsten und sympathischsten Locations dieses Landes. Kettcar haben diesem Wochenende mit ihren mitreißenden Melodien und perfekten Texten einen ganz besonderen Zauber verliehen. Mehr dazu findet ihr in unserm Bericht über das Wochenende.

KISS in Hannover

Die Wahrscheinlichkeit Musiker im Legendenstatus live zu sehen und dann auch noch vor die Kamera zu bekommen, wird nicht nur immer geringer, sonder auch ein wenig zur Sucht. Es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich teilweise dieses Musikmachen von damals und heute ist. Genauso erstaunlich ist aber auch die Bühnepräsenz und Energie, die Kiss nach wie vor haben. Alles zur Show findet Ihr in unserem Bericht.

Wizo, Radkey und Heideroosjes in Hannover & Coesfeld

Da der Wizo immer geht, habe ich mir im Winter gleich zwei Konzerte der Schwaben gegönnt. In Hannover mit Kamera und in der Fabrik Coesfeld mit einem Kaltgetränk in der Hand. Wizo Konzerte machen den meisten Spaß, wenn man so zwei, drei Lieblingsmenschen im Arm hat und wenn dann auch noch die geliebte Rodeofamilie dabei ist, kann ein Abend eigentlich kaum noch schöner werden.

Pascow in Jena

Pascow habe ich mir in meiner Heimat angeschaut. Bisschen back to the roots sozusagen. Das war ziemlich cool. Ich hab nach langer Zeit Marcus endlich mal wieder getroffen, der glücklicherweise meine Vorliebe zu Gin teilt und die Gimbweiler haben einwandfrei abgeliefert. Ein starker und sehr glücklich beseelter Abend!

Meine Neuentdeckungen 2019

New Junk City

Oft ist das Schicksal doch kein mieser Verräter: Kurz vor dem Booze Cruise hatten wir bei Monster Records unsere Lieblingsbriten von The Run Up auf dem Plan stehen und freuten uns tierisch. Mit dabei sollten Bong Mountain sein. Bis zu dem Punkt lief alles planmäßig. Als ich allerdings anfing die Promo für unsere Show zu machen, stellte ich unter mehrmaligem Augenreiben fest, dass noch eine dritte Band auf den Plakaten standen. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen und war mir nicht sicher, ob wir alle und alles einen Tag vor Hamburg und zwischen gefühlt tausend Vorbereitungen unterbekommen würden, denn irgendwie verschwieg man uns diese großartige Band. True Believers Shows würde allerdings nicht den DIY Gedanken leben, wenn wir nicht zumindest versuchen würden, kleine und große Elefanten zu sehr kleinen Mücken zu machen und so entschieden wir (mit ein bisschen Glaube ans Karma) abzuwarten. New Junk City entpuppten sich als meine musikalische Perle 2019. Ohne Scheiß, ich glaube ich stand noch nie so lange regungslos mit offenem Mund vor einer Band, wie an diesem Abend. Das war mein Überraschungsmoment 2019 und er wurde in Hamburg direkt bestätigt. Danke!

Whitechapel

Sash und Hanna werden jetzt in die Hände klatschen und laut lachen, denn „Hickory Creek“ hat tatsächlich gezündet. Machen wir uns aber nichts vor, live würde ich immer wieder zur Weinbar rennen, mir die Ohren zuhalten oder Sash voller Unverständnis fragen, wie ein so schöner Mensch so viel Krach machen kann.

Worauf ich mich 2020 am meisten freue

Es gibt schon ein paar Sachen, die in Planung sind und so freue ich mich auf mein erstes Sbäm Fest und Bad Religion, Millencolin, Blowfuse, Suicidal Tendencies und The Vandals in einer unglaublich schönen Location in Barcelona. Ich habe das Punkrock Holiday im Kopf und natürlich auch das Ruhrpott Rodeo, Booze Cruise Festival und Reload. Ein besonderes Highlight wird Paul McCartney – drückt mir die Daumen, dass ich die Kamera mitnehmen darf.

„Ich bin froh, das Glück zu haben, diese Version Leben zu leben. Vergesst bitte nie, dass es am Ende unseres Tellerrandes viele andere Versionen Leben gibt!“

Ich freue mich auf ein spannendes Jahr mit unserem Team und viele großartige True Believers Shows bei Monster Records und im bösen Wolf. Am meisten jedoch freue ich mich darauf, viele dieser und anderer tollen Momente mit Menschen zu teilen, die ich fest in meinem Herzen trage. Ich bin froh, das Glück zu haben, diese Version Leben zu leben. Vergesst bitte nie, dass es am Ende unseres Tellerrandes viele andere Leben gibt, die uns dringend brauche. Egal ob das Mensch, Tier, Klima oder Natur bedeutet. Wir brauchen nichts mehr, als Veränderung für mehr Gerechtigkeit, Gleichheit und Gleichgewicht und allem voran Menschlichkeit, denn schon Rosa Luxemburg wusste: „Sieh, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist von allem die Hauptsache. Und das heißt fest und klar und heiter sein; ja heiter, trotz alledem.“ Danke für 2019 und jetzt rutscht mal alle gut rein und passt gut auf Euch und auch die neben Euch auf.